Peter Rehberg
Ausgabe 1917 | 11.05.2017 | 06:00 15

Die Russin im Rollstuhl singt nicht

Eurovision Song Contest Dass der Wettbewerb politisch ist, weiß man nicht erst seit den Streitigkeiten zwischen der Ukraine und Russland. Dennoch erlebt er durch sie seine größte Krise

Die Russin im Rollstuhl singt nicht

Der ESC ist der einzige lebendige kulturelle Ausdruck für das Projekt Europa

Foto: Sergei Supinski/AFP/Getty Images

Dass der Eurovision Song Contest (ESC) eine unpolitische Veranstaltung sei, war schon immer eine Lüge. Seit dem ersten Mal 1956 ging es darum, nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs durch das Feiern kultureller Vielfalt das friedliche Zusammenleben in Europa einzuüben. Stets gab es Wechselwirkungen zwischen politischen Ereignissen und dem ESC. Am deutlichsten, als nach dem Fall der Mauer und den Verträgen von Maastricht immer mehr osteuropäische Länder teilnahmen und ihren Auftritt auf der Bühne quasi als Bewerbung für eine EU-Mitgliedschaft nutzten.

Wie lächerlich der ESC im Westen auch oft gemacht wurde: Er ist der einzige lebendige kulturelle Ausdruck für das Projekt Europa. Jene Länder, die nicht selbstverständlich dazu gezählt wurden oder werden, wussten das immer ganz genau, engagierten sich und waren meist erfolgreicher als die eher eurovisionsmüden Briten, Spanier, Franzosen oder Deutschen.

Aber politisch ist der ESC nicht nur, weil hier die Idee eines friedlichen und liberalen Europas gefeiert wird – besonders glamourös personifiziert von der Drag Queen Conchita Wurst, die vor drei Jahren für Österreich gewann. Zur Geschichte des ESC gehört auch der Streit zwischen den Nationen. Hier kann ja Leistung nicht objektiv gemessen werden, wie bei Sportveranstaltungen, es ist immer eine Geschmacksfrage.Zudem gibt es keinen neutralen Schiedsrichter, sondern nationale Jurys und die Fernsehzuschauer, die per Handy abstimmen. Das ist so, als würde man beim Fußball die Fans entscheiden lassen, wer die Meisterschaft gewinnt.

Spekulationen darüber, welche Punktevergabe politisch motiviert gewesen sein könnte, gehören deshalb zur Geschichte des ESC. So war Russland letztes Jahr bei den Wettbüros ziemlich sicher auf Sieg gesetzt. Tatsächlich konnte Sergej Lazarew das Televoting am Finalabend für sich entscheiden. Doch die nationalen Jurys verhalfen der Sängerin Jamala aus der Ukraine zum Sieg. Für die russischen Medien stand fest: Westeuropa versucht Russland nicht nur mit Sanktionen in die Knie zu zwingen, sondern auch beim ESC.

Seither stand die Frage im Raum, wie der Wettbewerb eigentlich in einem Land stattfinden kann, in dem gerade Krieg herrscht – und zwar mit einem Nachbarland, das ebenfalls am ESC teilnimmt. Wie würden Russland und die Ukraine damit umgehen?

Russland nominierte Julia Samoilowa, die von der Eröffnungszeremonie der Paralympics in Sotschi bekannt ist, sie sitzt im Rollstuhl. Allerdings gibt es in der Ukraine seit der russischen Annexion der Krim ein Gesetz, dass diejenigen, die die Krim nach 2014 von Russland aus bereist haben – und nicht über die Ukraine –, ein Einreiseverbot erhalten. Das ist bei Julia Samoilowa der Fall. Die russische Delegation war sich dessen bewusst. Einige Kommentatoren mutmaßen jetzt, dass die russische Wahl nicht zufällig auf eine Rollstuhlfahrerin fiel. Ausgerechnet ihr die Einreise zu verwehren – das sähe für die Ukraine gar nicht gut aus. Doch diese berief sich auf ihre klare und bekannte Rechtsprechung. So nimmt Russland dieses Jahr nicht teil und überträgt den Wettbewerb auch nicht im Fernsehen.

Damit erlebt der ESC nun die größte Krise in seiner über 60-jährigen Geschichte. Unterdessen sind sich Wettbüros und ESC-Fanseiten ziemlich sicher, dass der Sieger am Samstagabend Francesco Gabbani heißen wird. Italien hat den ESC 1990 zuletzt gewonnen, damals mit dem optimistischen Titel: Insieme, unite, unite, Europe

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 19/17.

Kommentare (15)

Richard Zietz 11.05.2017 | 08:53

Fassen wir zusammen:

Eine russische Popsängerin hat Auftritte auf der Krim absolviert – was sie nicht durfte, denn dafür hätte sie, so das ukrainische Gesetz, über die Ukraine einreisen müssen. (Dass die Ukraine die Einreise in die Ukraine und die Ausreise auf die Krim zugelassen hätte, darf man bezweifeln – aber egal: wenn die NATO Praktiken à la Nordkorea als »liberal« deklariert, dann sind sie das eben.)

Weil die Sängerin auf der Krim aufgetreten ist (und damals zusätzlich auf direktem Weg eingereist ist), hat sie nunmehr Auftrittsverbot beim ESC – also dem Friede–Freude-Sahne überall-Wettbewerb des weltoffenen, freiheitlichen und liberalen Europa.

Folge: Russland fällt also aus. Selber schuld. Es hätte schließlich bei den Oligarchen in Kiew einen Antrag stellen können für einen Alternativkandidaten – am besten mit viel Bitte und Blümchen, Durchschlag und in dreifacher Ausfertigung.

Doch damit nicht genug: Zusätzlich unterstellt ein Teil der Medien dieses liberalen Europa Russland, bewußt eine Rollstuhlfahrerin nominiert zu haben – eine Rollstuhlfahrerin dazu, die schon mal auf der Krim aufgetreten und auf direktem Weg dort eingereist ist.

Merke: Böser als Russland kann man eigentlich nicht sein. Auf die Idee, dass das liberale Europa bei seinem Parade-Kulturwettberwerb mittlerweile Praktiken zelebriert, die es sonst Diktatoren wie Erdogan oder Kim Il Jung (zu Recht) unterstellt, kommt dabei niemand.

Wie nennt man sowas? Gehirngewaschen? Dass selbst das Regenbogen-Milieu – sonst bei den leisesten Anklängen von Diskriminierung auf den Barrikaden – das Bashing einer rollstuhlfahrenden Sängerin gleichgültig oder sogar mit Häme goutiert, darf man mittlerweile jedenfalls als Synonym nehmen für die doppelten Standards, die im angeblich liberalen Westen mittlerweile an jeder Straßenecke Realität sind.

TorstenSc 11.05.2017 | 19:53

Einen Vorteil hat es ja, wenn der ESC nicht in Russland stattfindet: die Gays, die immer zahlreich zu den Finals anreisen, können sich ohne Angst vor Repressalien frei durch die Straßen bewegen. (Ich finde es so bezaubernd, wie hier in diesem Blatt auf wirklich allen Ebenen und durch alle Ressorts pro-russisch berichtet und kommentiert wird. Wer braucht da noch Russia Today und Sputnik?)

janto ban 12.05.2017 | 01:06

Ach, die Russin im Rollstuhl singt bestimmt. Nur halt nicht in Kiew.

Grmpf. Ich überlege tatsächlich, das ESC-Finale dieses Jahr nicht zu schauen. Was mir nicht leicht fallen dürfte. Wahrscheinlich schaffe ich es gar nicht und gucke trotzdem. Anyway.

Warum der Gedanke an einen Einschalt-Boykott..? Ich bin ja kein Putinverstehenwoller, wonnich. Aber was beim Liederwettbewerb abgeht, ist mir far too politisch. Reichlichst unsouverän von der ukrainischen Seite auch. Über das Einreise-Gesetz hätte man in diesem einen Fall hinwegsehen können, finde ich. Nicht alles, was Recht ist, ist auch gerecht - oder wie war das..?

Man kann es aber auch positiv sehen. Der Irre aus Grosny zerholocaustet dieser Tage die Landsmannen nicht-traditioneller, sexueller Orientientiertheit. Was der Kreml zum Brüllen komisch findet. Also warum sollten nicht-traditionelle Fortbewegungsmittel auf der ESC-Bühne erlaubt sein. Nicht wahr.

Hihi. Das wiederum finde ich zum Brüllen komisch. Vielleicht sind Putin und ich uns doch gar nicht so unähnlich.

Kolobok 12.05.2017 | 19:07

Ach, die Russin im Rollstuhl singt bestimmt. Nur halt nicht in Kiew.

Stimmt, das hat sie am 9.Mai gerade wieder und zwar auf der Krim, in Sevastopol.

Kiew ist bestimmt kompromissbereit. Aber die Provokation durch Russland war doch zu groß. Kein russischer nationaler Ausscheid, einfach so jemanden geschickt, wo man weiß, dass es Probleme gibt...

Das Kiew auch anders kann, zeigt doch gerade das Beispiel des Teilnehmers aus Bulgarien. Der war 2014 auch auf der Krim. Da fielen den Verantwortlichen in Kiew alle möglichen Gründe ein, warum das kein Problem ist. Zu den Gründen gehörte, u.a. dass der junge Mann damals noch minderjährig war, das Gesetz noch nicht in Kraft war usw...

Richard Zietz 13.05.2017 | 09:54

Sicher: Dass die Entsendung von Julia Samoilowa eine politische Provokation war, will ich gar nicht ausschließen (beziehungsweise halte es sogar ebenfalls für wahrscheinlich). Der springende Punkt ist nur: Hätte die Ukraine ihre Verantwortung als Ausrichter-Land ernst genommen, hätte sie ihre Einreisebestimmungen zumindest für diese eine Veranstaltung außer Kraft setzen müssen – ohne Ausflüchte, ohne Wenn und Aber. Die einzig andere seriöse Möglichkeit wäre die gewesen, aus dem ESC auszusteigen mit der Position, dass die Ukraine so lange nicht am Wettbewerb teilnimmt, wie Russland als Teilnehmer mit drin ist.

Alles andere demontiert nicht nur den Grundgedanken der Veranstaltung, sondern die grundlegende Geschäftsordnung. Unabhängig von der Tatsache, dass der »unpolitische« Charakter des Wettbewerbs regelmäßig unterlaufen wurde (unter anderem Germany 1987, Ein bißchen Frieden) respektive ein derartiger Anspruch sowieso unrealistisch ist (letztlich sind wir alle politische Wesen, selbst der Unpolitischste aller Unpolitischen) ist schlechterdings keine andere Geschäftsgrundlage denkbar. Nehmen wir an, die Briten hätten in den Achtzigern ausgerichtet (bin aktuell nicht Up to date, ob das der Fall war) und den Iren den Weg zurück auf ihre grüne Insel gewiesen, wegen neuerlicher Troubles im Norden oder auch deren militärischen Arm. Oder Italy hätte die Österreicher heimgeschickt, weil die eine Band aus Südtirol aufgestellt hätten. Deutschland wäre pampig gewesen auf die Dänen oder Belgier, weil auch da ein paar Gebietsunklarheiten bestehen.

Und so weiter. Hatten sie aber nicht. Der Unterschied heute ist der, dass alle im Westen der ukrainischen Regelunterlaufung Beifall zollen – und das nicht mal klammheimlich. Wenn aber alle so geil sind, den Russen eins auf die Mütze zu geben, wäre der richtige, konsequente Weg der, Russland kategorisch vom ESC auszuschließen. Eine Argumentation, wo man sich nicht nur wegen der dreiviertel- bis halbdikatorischen Teilnehmerstaaten Belarus und Ungarn lächerlich machen würde. Aber wenn man schon den Europa-Gedanken aktuellen geostragischen Opportunitäten unterordnet, um den Kalten Krieg weiter einzuheizen, müßte man diese Pille einfach schlucken.

Man könnte allerdings auch die Kultur Kultur sein lassen – in Anbetracht der Tatsache, dass diese eins der wenigen Elemente in Europa ist, dass die Leute noch verbindet. Ich persönlich wäre aus dem Grund auch dafür, die Türkei in den ESC mit reinzunehmen. Nicht nur, weil dort eine durchaus bemerkenswerte Popkultur existiert. Sondern durchaus aus politischen Gründen: Der türkische Pop-Sektor repräsentiert den säkularen, weltoffenen Teil der Türkei weitaus mehr als den auf Abschottung bedachten, tendenziell islamistischen. Fazit: Erdogan hätte mit einem Teilnehmerland Türkei vermutlich weitaus mehr Probleme als die säkulare, demokratische Opposition dort.

In dem Sinn: Popkultur aller Länder – United!

Richard Zietz 13.05.2017 | 10:17

»System der EinschüchterungJunge Welt-vor 13 StundenDer dritte Jahrestag des Massakers in Odessa: Neonazipropagandisten geduldet, Trauernde abgeführt. Und die Justiz versagt.«

Gehört oberflächlich gesehen vielleicht nicht zu der kulturellen Thematik dieses Beitrags. Auf den zweiten Blick passt es allerdings wie der Baseball-Schläger zum Einreiseverbot. Und nicht nur das: Bekanntlich war das Pogrom in Odessa der große Sündenfall der westlichen Medien. Spätestens ab dem 2. Mai 2014 war klar, dass sich die großen Medien selbst funktionalisiert hatten als Propaganda-Berichterstatter der neuen Machthaber in Kiew. Und dass im Zug dieser Ausrichtung selbst die neonazistischen, unschönen Seiten des dortigen Regimes bagattelisiert, verschwiegen, verharmlost, verniedlicht oder sonstwie beschönt wurden.

Wenn man so will, ist die aktuelle, sympathisiende Berichterstattung über die ukrainische Regelverletzung bezüglich des ESC eine bruchlose Fortsetzung dieser einseitigen Progadanda-Berichterstattung.

Fazit: Wie immer im Krieg ist die Wahrheit das erste Opfer.