Die Russin im Rollstuhl singt nicht

Eurovision Song Contest Dass der Wettbewerb politisch ist, weiß man nicht erst seit den Streitigkeiten zwischen der Ukraine und Russland. Dennoch erlebt er durch sie seine größte Krise
Die Russin im Rollstuhl singt nicht
Der ESC ist der einzige lebendige kulturelle Ausdruck für das Projekt Europa
Foto: Sergei Supinski/AFP/Getty Images

Dass der Eurovision Song Contest (ESC) eine unpolitische Veranstaltung sei, war schon immer eine Lüge. Seit dem ersten Mal 1956 ging es darum, nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs durch das Feiern kultureller Vielfalt das friedliche Zusammenleben in Europa einzuüben. Stets gab es Wechselwirkungen zwischen politischen Ereignissen und dem ESC. Am deutlichsten, als nach dem Fall der Mauer und den Verträgen von Maastricht immer mehr osteuropäische Länder teilnahmen und ihren Auftritt auf der Bühne quasi als Bewerbung für eine EU-Mitgliedschaft nutzten.

Wie lächerlich der ESC im Westen auch oft gemacht wurde: Er ist der einzige lebendige kulturelle Ausdruck für das Projekt Europa. Jene Länder, die nicht selbstverständlich dazu gezählt wurden oder werden, wussten das immer ganz genau, engagierten sich und waren meist erfolgreicher als die eher eurovisionsmüden Briten, Spanier, Franzosen oder Deutschen.

Aber politisch ist der ESC nicht nur, weil hier die Idee eines friedlichen und liberalen Europas gefeiert wird – besonders glamourös personifiziert von der Drag Queen Conchita Wurst, die vor drei Jahren für Österreich gewann. Zur Geschichte des ESC gehört auch der Streit zwischen den Nationen. Hier kann ja Leistung nicht objektiv gemessen werden, wie bei Sportveranstaltungen, es ist immer eine Geschmacksfrage.Zudem gibt es keinen neutralen Schiedsrichter, sondern nationale Jurys und die Fernsehzuschauer, die per Handy abstimmen. Das ist so, als würde man beim Fußball die Fans entscheiden lassen, wer die Meisterschaft gewinnt.

Spekulationen darüber, welche Punktevergabe politisch motiviert gewesen sein könnte, gehören deshalb zur Geschichte des ESC. So war Russland letztes Jahr bei den Wettbüros ziemlich sicher auf Sieg gesetzt. Tatsächlich konnte Sergej Lazarew das Televoting am Finalabend für sich entscheiden. Doch die nationalen Jurys verhalfen der Sängerin Jamala aus der Ukraine zum Sieg. Für die russischen Medien stand fest: Westeuropa versucht Russland nicht nur mit Sanktionen in die Knie zu zwingen, sondern auch beim ESC.

Seither stand die Frage im Raum, wie der Wettbewerb eigentlich in einem Land stattfinden kann, in dem gerade Krieg herrscht – und zwar mit einem Nachbarland, das ebenfalls am ESC teilnimmt. Wie würden Russland und die Ukraine damit umgehen?

Russland nominierte Julia Samoilowa, die von der Eröffnungszeremonie der Paralympics in Sotschi bekannt ist, sie sitzt im Rollstuhl. Allerdings gibt es in der Ukraine seit der russischen Annexion der Krim ein Gesetz, dass diejenigen, die die Krim nach 2014 von Russland aus bereist haben – und nicht über die Ukraine –, ein Einreiseverbot erhalten. Das ist bei Julia Samoilowa der Fall. Die russische Delegation war sich dessen bewusst. Einige Kommentatoren mutmaßen jetzt, dass die russische Wahl nicht zufällig auf eine Rollstuhlfahrerin fiel. Ausgerechnet ihr die Einreise zu verwehren – das sähe für die Ukraine gar nicht gut aus. Doch diese berief sich auf ihre klare und bekannte Rechtsprechung. So nimmt Russland dieses Jahr nicht teil und überträgt den Wettbewerb auch nicht im Fernsehen.

Damit erlebt der ESC nun die größte Krise in seiner über 60-jährigen Geschichte. Unterdessen sind sich Wettbüros und ESC-Fanseiten ziemlich sicher, dass der Sieger am Samstagabend Francesco Gabbani heißen wird. Italien hat den ESC 1990 zuletzt gewonnen, damals mit dem optimistischen Titel: Insieme, unite, unite, Europe

06:00 11.05.2017

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