No Interview

Interviewvorstellung,Bibi Endlich bekommt der Onlinejournalismus die Beachtung, die er verdient. Er ist ein vollwertiger, ernstzunehmender Beruf und verdient, mit Anspruch ausgeübt zu werden.
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Endlich bekommt auch der Onlinejournalismus die Beachtung, die er verdient. Er ist ein vollwertiger, ernstzunehmender Beruf und verdient entsprechend, dass er mit einem gewissen Anspruch ausgeübt wird. Deswegen wird das, was Youtuberin Bibi mit One Direction gemacht hat als (musik)journalistisches Interview diskutiert. Und natürlich gnadenlos verrissen.

Klar, sie stellt ganze fünf Fragen, die sie vom Blatt abliest und die nicht an die Antworten anknüpfen oder auch nur aufeinander aufbauen. Die eine Frage ist langweilig wie nur was: Ob es denn wohl einen tieferen Sinn hinter dem Albumtitel geben würde. Naja, es handelt sich um das Album des "singenden" Geldautomaten One Direction. Also: Nein, es gibt keinen tieferen Sinn.

Die zweite Frage ist eine gar nicht mal so subtile Einladung zur Promotion: Welches der eigenen Lieder ihnen denn am besten gefiele und welches vom neuen Album.

Natürlich ist das ärgerlich. Aber wer sich über so ein als Interview getarntes Plattenfirmensponsoring aufregt, kann sich auch über Zugverspätungen aufregen: Du kannst es nicht ändern und es wird sie voraussichtlich immer geben.

Ein großer Fehler besteht also darin, an dieses Pressjunklet Ansprüche wie an ein Interview zu stellen. Aber an ein Werbejingle stellt man ja auch nicht die selben Ansprüche wie an eine Rockoper.

Es gibt einige ganz objektive Gründe, Bibis Treffen mit One Direction nicht als Interview zu bezeichnen.

  • Einer könnte die grenzwertig geringe Anzahl an Fragen sein. Einige journalistische Lexika geben eine Mindestanzahl von drei bis fünf Fragen an. Ausschlaggebender ist meiner Meinung nach aber eher, dass die wenigen Fragen sich noch nicht mal aufeinander beziehen, also kein zusammenhängendes Gespräch bilden.
  • Ein weiteres wesentliches Ausschlusskriterium ist, dass die Fragen vorher vom Management abgenickt wurden. Während die Autorisierung nach dem Gespräch ein probates Gebot der Fairness gegenüber dem Interviewgast ist, ist das vorherige Einsenden der Fragen unentschuldbar. Dann kann das Management ja gleich einen Pressetext vorab verfassen.
  • Zum Schluss spricht die Intention des Treffens dagegen, es als Interview zu bezeichnen. Beide Seiten haben lediglich ein Interesse an diesem Gespräch: die Bewerbung des eigenen Mediums. Bei One Direction ist das das aktuelle Album, das auf einem YouTube-Kanal mit 2,5 Millionen Abonnenten gut platziert ist, bei Bibi ist es eben der Kanal, der mit einem Gast wie One Direction sich diese Abonnenten auch in Zukunft sichert. Diese gegenseitige Abhängigkeit nennt André Doehring als embedded music journalism beschrieben.

Wenn das so offensiv betrieben wird wie im Fall Bibi, ist das noch nicht mal tragisch. Für so etwas gibt es Adblocker. Problematischer ist es in den Grauzonen des embedded music journalism. Und die beginnen dann, wenn das Interview nicht mehr aus Interesse am Gast gemacht wird. Denn das Wesen des Interviews ist es, sich mit dem Gast in einen Dialog zu begeben. Dafür muss die Interviewerin aber informiert, offen und neugierig ins Gespräch gehen. Und nicht mit dem Gedanken: Yes, damit knacke ich die 1 Million Zuschauerinnen/ Leserinnen/ Hörerinn... (1

Der Wille zur Anerkennung des Onlinejournalismus also in allen Ehren, aber was Bibi (und andere WerbekanalmoderatorInnen) da macht, ist kein Journalismus im Allgemeinen und kein Interview im Speziellen. Das ist nichts mehr als der "redaktionelle" Teil der Supermarkt-Werbeblättchen.

(1 Vertretbar wäre aber hingegen der Gedanke. "Yes, endliche treffe ich die mal. Im Sinne von: Ich bin schon ewig Fan von der Band". Oder doch nicht vertretbar? Mehr zum interviewenden Fan beim nächsten Mal in der Interviewvorstellung.

23:34 03.01.2016
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Geschrieben von

peterfrau

Bitte sprechen Sie laut und deutlich und bitte halten Sie das Mikro gerade. Die Sätze müssen genau da in das Mikro rein.
peterfrau

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