petz

Geiger, Bratscher, Komponist für Schau- und Hörspiel, Hörbuchregie, Tonregie; in der FC intensiver Leser, nur selten Schreiber
petz
RE: imperiale wissenschaft | 16.05.2017 | 20:45

Lieber Helder,

es freut mich sehr, mal wieder etwas vom alten Rabenversteher zu lesen! Was mir dazu prompt einfiel, kennst Du wahrscheinlich schon; aber - gegebenenfalls zum Vergnügen anderer Leser - sei es hier nochmal herzitiert:

G. C. Lichtenberg:

„Der Amerikaner, der den Kolumbus zuerst entdeckte, machte eine böse Entdeckung.“

Und dieser Satz, der so herrlich schräg mit dem "Amerika"-begriff jongliert, stammt wahrscheinlich ungefähr aus den 1770er Jahren; ob brasilianische oder venezolanische Amerikanistik-Studenten den wohl kennen?

Herzlich

Petz

RE: Endspiel - Schumanns Violinkonzert | 26.09.2016 | 01:00

Lieber Thomas.W70,

vielen Dank für den Beitrag, den ich mit großer Freude gelesen habe!

Nun bin ich schon wieder dabei, mir dieses Konzert, das mich eh´ nie losgelassen hat, in den unterschiedlichsten Interpretationen anzuhören. Und wieder einmal bemerke ich (wie auch bei anderen mir wichtigen, bedeutenden Kompositionen), dass ich nur selten eine Interpretation finde, die mir keinen Gewinn brächte.

Sicher gibt es unter jeweils verschiedenen Aspekten ein mehr oder weniger "richtig" bei der interpretatorisch-praktischen Exegese großer Komposition. Doch der Anteil an Teamarbeit zwischen Komponist, Interpret und - nicht zuletzt - Hörer eröffnett Ausleuchtungen des Werkes, die unter Umständen über die Intentionen und / oder Möglichkeiten des Komponisten hinausgehen. Fände (oder suchte) ich eine "beste" Aufnahme, fehlte mir doch viel an der Gesamtheit der im Werk verborgenen Größe.

Ich unterstelle übrigens keinesfalls, dass Ihre Ausführungen in eine Richtung des "Richtig" oder "Falsch" zielen, mein Vergnügen an Entdeckungen soll hier lediglich ergänzend erwähnt werden.

Gerade habe ich mit erneutem Erstaunen die Aufnahme von Kopatchinskaja gehört, und nun (kein Mensch würde den 2. Satz heute noch mit gutem Gewissen so aufführen:) Henryk Szeryng mit dem SWF Sinfonieorchester unter Hans Rosbaud, ca. 1957 aufgenommen. Eigen- und großartig; gäb´s diese Aufnahme nicht, würde mir was Wesentliches fehlen.

So, nun noch den Kremer mit Harnoncourt, morgen dann Isabelle Faust und Carolin Widmann (die Aufnahme kenne ich noch nicht); es kann gar nicht genug verschiedene Auslegungen geben!

Ein englischer Theaterregisseur sagte mir mal, er beneide uns um die Spielmöglichkeiten, die sich aus unseren zahlreichen Shakespeare-Übersetzungen, von Wieland über Schlegel / Tieck bis Brasch und Günther, ergeben; hmmm..., das hatte ich so noch nicht betrachtet.

Nochmals großen Dank für die vielen kundigen Informationen und die Anregung zu erneutem Genießen der Vielfalt!

petz

RE: Kritik des Himmels | 12.06.2016 | 23:12

Zitat Goedzak: So, wie es immer existenzielle Nöte geben wird, wird es auch immer bzw. immer neue offene Erkenntnisprobleme geben. Intuition, Kunst, Phantasie und eben das Religiöse können Modi des Umgehens damit sein.

Diese scheinbar so einfach daherkommende Aussage benennt ein Schlüsselproblem der gesamten Diskussion: Mit der recht schlichten Lehrmeinung, Religion entstehe lediglich aus einer Notwendigkeit der Tröstung, wird die spezifisch menschliche Qualität der Erkenntnisproblematik ignoriert.

Wo das Tier für grundsätzlich alle lebens- bzw. arterhaltenden Aktivitäten mit genetisch verankerten Plänen ausgestattet ist, muss der Mensch, um „sinnvoll“ agieren zu können, zumindest ansatzweise verstehen. (Jedenfalls kann er nicht unterlassen, dies zu versuchen.)

Dazu Clifford Geertz:

Modelle für etwas lassen sich … überall in der Natur finden: Wo immer ein Muster übermittelt werden soll, sind derartige Programme ganz einfach nötig… Lernen durch Prägung… die automatische Vorführung einer Verhaltenssequenz durch ein Modelltier in Gegenwart eines lernenden Tiers, die ebenso automatisch zur Auslösung und Stabilisierung einer im lernenden Tier genetisch angelegten Reaktionsfolge führt….

Aber Modelle von etwas – linguistische, graphische, mechanische, natürliche und andere Prozesse, deren Funktion nicht darin besteht, Informationen zu liefern, nach denen andere Prozesse gebildet werden können, sondern darin, eben diese nachgebildeten Prozesse darzustellen, ihre Struktur in einem anderen Medium auszudrücken (Hervorh. von mir) – sind viel seltener und kommen unter den Lebewesen höchstwahrscheinlich nur beim Menschen vor…

Die gegenseitige Übertragbarkeit von Modellen für etwas und Modellen von etwas, die durch die symbolische Formulierung möglich wird, ist das besondere Merkmal unserer Denkweise…

Die extreme Unspezifiziertheit, Ungerichtetheit und Veränderbarkeit de angeborenen (d. h. genetisch programmierten) Reaktionsfähigkeit des Menschen bringt es mit sich, dass er ohne die Hilfe von Kulturmustern in seinen Funktionen defizient bliebe… Die Abhängigkeit des Menschen von Symbolen und Symbolsystemen ist derart groß, dass sie über seine kreatürliche Lebensfähigkeit entscheiden.

Dass, in solchem Zusammenhang betrachtet, Religionen nicht die einzig möglichen Symbolsysteme sind, lässt uns die Möglichkeit, sie – ebenso respektvoll wie grinsend – in Beziehung zu anderen kulturellen und sozialen Prägungen zu setzen, mit denen sie ja auch ständig interagieren – sowohl modellierend als auch modelliert werdend.

Gefährlich wird es immer (erst?) dann, wenn notwendige und sinnvolle Modelle irrtümlich für die Gesamtheit des von ihnen (partiell immer irgendwie zutreffend) Abgebildeten gehalten werden. Mörderisch wird es, wenn die konkurrierenden Modelle sich gegenseitig auszuschließen trachten. Selbstmörderisch, wenn dies mit der Macht des „Fortschritts“ durchgesetzt werden soll. Ein „Survival of the fittests“ ist in diesem Prozess nicht gerade wahrscheinlich.

Ob die Hybris des jeweiligen geistigen Alleinvertretungsanspruchs sich religiös, wissenschaftlich oder moralisch gebärdet: immer ist sie in ihrer Wirkung tödlich – und lächerlich.

RE: Äpfel, Birnen, Pfirsiche | 21.04.2016 | 01:32

Schöne Anregung, den Geertz mal wieder aus dem Regal zu ziehen! Im Englischen für das Verstehen subtiler Formulierungen leider nicht ausreichend bemittelt, bin ich da freilich auf deutsche Übersetzung angewiesen. Aber diese dann mal mit dem verlinkten Textabschnitt des Originals zu vergleichen, hat mir doch noch ein paar Nuancen zusätzlich aufgeschlossen. Vielen Dank!

RE: Äpfel, Birnen, Pfirsiche | 21.04.2016 | 01:22

Ja, genau das ärgert mich ja so! Eben deshalb bestehe ich darauf, das Vergleichen als Gegengift zum Gleichsetzen zu pflegen und zu kultivieren.

RE: Äpfel, Birnen, Pfirsiche | 21.04.2016 | 01:14

Na, das sehe ich ein: Meinen Groll auf die sprachliche Ungenauigkeit des originalen Sprichworts hätte ich nicht so schlicht auf Ihre Ausführungen übertragen sollen. Da hat bei mir etwas - wie Sie in anderem Zusammenhang sagen - als "Trigger" funktioniert und einen eigenen Seitenweg aufgemacht. Mein Ärger gilt ja dem so häufigen Abwürgen von differenzierter Betrachtung mittels des zitierten Ä-B-Satzes. Und das wollte ich Ihnen nun keinesfalls unterstellen. Also betrachten Sie bitte meinen Kommentar eher als Zugabe denn als Kritik.

Und ich stimme sehr überein mit Ihren weiteren Ausführungen: "...die Erwartung, die wir an etwas richten..." "dass es sich ... letztendlich um Verabredungen handelt..."

In dem von AUSSIE42 verlinkten Clifford-Geertz-Text gibt es einen Abschnitt, den ich - weil er so schön präzise ist - hier nochmal in deutscher Übersetzung (B.Luchesi / R.Bindemann) einfügen möchte:

"Es wurde oft darauf hingewiesen, dass die Aufrechterhaltung des religiösen Glaubens für jede Gesellschaft ein Problem darstellt... Genauso richtig und bisher noch kaum beachtet ist aber auch die Tatsache, dass es nicht weniger problematisch ist, den Glauben an die Verlässlichkeit der Axiome und Argumente des common sense aufrecht zu erhalten... Der Mensch baut Dämme für seine am meisten benötigten Glaubensvorstellungen aus allem, was ihm in die Hände fällt."

"Infotainment" ist das derzeit wohl stabilste Bauelement für solcherlei Dämme zur Absicherung der Verabredungen unseres Kulturkreises. Und aus begleitenden Kanalisierungsprojekten wachsen blühende Landschaften rechteckig gepflegter Sprachfelder.

Besten Gruß

RE: Äpfel, Birnen, Pfirsiche | 20.04.2016 | 02:35

Lieber Charlie Schulze, vielen Dank für diesen insgesamt vorzüglichen Beitrag. Nur: warum rutscht ausgerechnet beim "Aufhänger" die Differenzierung weg?

Es ist eben nicht "Vergleichen" mit "Gleichsetzen" gleichzusetzen!

Da gerät schon die - eigentlich sehr schön formulierte - Ausführung zum Äpfel-Birnen-Vergleich ins Schlingern: "...was sie zu einem vom Ideal abweichenden Apfel, nicht aber zu einer schlechten Birne macht. "

Nee, eben nicht: kein noch so dusseliger Vergleich macht die Birne zu einem wie auch immer gearteten Apfel.

Gar zu oft dient der Ä-B-Vergleichs-Verbots-Satz just zur Vermeidung von Differenzierung: Beispielsweise immer gern angeführt, wenn es kompliziert zu werden droht: "Man kann (resp. darf) Stalinismus und Faschismus nicht vergleichen!"

Arg falsch; richtig wäre: ...nicht gleichsetzen! Und um just dies herauszufinden / zu begründen, ist der Vergleich zwingend nötig.

"Vergleichen ist ein Werkzeug der Differenzierung." Eben! Und zwar jeder Vergleich, der sich mit dem Herausarbeiten von Unterschieden bei in einzelnen Eigenschaften übereinstimmenden Untersuchungsobjekten befasst.

Hätte er nicht verglichen, wüsste der Feinschmecker nichts vom Unterschied zwischen Faschismus, Stalinismus und hehrer Demokratie - pardon: Äpfeln, Birnen und Pfirsichen.

Aber, nochmals sei´s erwähnt: der gesamten Zielrichtung des Beitrags kann ich nur beipflichten, besonders die letzten Sätze: "...Ohne untergelegten Beat und pointenreiche Inszenierung sind wir gar nicht mehr zu interessieren..." beschreiben den erbärmlichen Zustand unseres Informations-Konsums sehr präzise. Leider trifft dies über weite Strecken auch auf unsere Freitag-Community zu; allerdings: verglichen mit anderen Früchten dieses weiten Gartens...

RE: Danke und tschüss Bernie?! | 04.03.2016 | 05:30

Ich wünschte von ganzem Herzen, Du mögest Recht haben, Ernstchen. Aber viele Sanders-Wähler, die es vor Clinton fast noch mehr graust als vor Trump, halten es für leider unvermeidlich, dass der Militärisch-Industrielle Komplex mit allen Mitteln die Clinton durchpeitschen wird. Diese - auch nicht der außenpolitisch eher orientierungslose Trump - bietet die Garantie für gediegene Umsätze.

Let´s cross our fingers for Sanders!

RE: kolkrabe. | 02.02.2016 | 19:09

Lieber Helder,

nun melde ich mich doch noch mal zum Thema: im Zusammenhang einer ganz anderen Frage stieß ich soeben darauf, dass der Duden mit seiner onomatopoetischen Herleitung des "Kolkraben" vielleicht gänzlich danebenliegt.

Ein Kolk ist nämlich, wie ich erst jetzt entdeckt habe, auch ein Begriff für einen Brackwassersee, der beispielsweise durch Sturmflutausspülung an der Küste entsteht.

https://de.wikipedia.org/wiki/Brack

(für den Link braucht´s kein Audio.)

Das würde mir nun sehr einleuchtend scheinen, kenne ich doch den Kolkraben seit meiner Jugend (er war damals ja noch sehr selten hierzulande) vom Darß an der Ostseeküste. Und dort begegnete er mir im Wald zwischen Prerow und Ahrenshoop und am Weststrand, wo es zwei ausgeprägte Brackwasserseen (Kolke) gibt. (Diese sind übrigens in den letzten Jahrzehnten immer kleiner geworden, weil an der Westküste des Darß die Stürme immer mehr Land abtragen und an der Nordspitze (Darßer Ort) anlagern.

Auf alten DDR-Karten findet sich bei der Nordspitze noch eine Insel ("Bernsteininsel"), die es mittlerweile nicht mehr gibt, sie ist ans Land angewachsen. Nach dem Ende der DDR konnte man das vorher durch Armee (Grenzschutz) benutze Sperrgelände wieder betreten und siehe: keine Insel mehr vorhanden.

Jetzt ist Darßer Ort wieder gesperrt, aber sehr sinnvoll: Vogelschutzgebiet. Vom Rand her kann man da prachtvoll eine vielfältige Wasservogelwelt, aber u.a. auch Adler und eben unseren Kolkraben beobachten.

Es würde mich also nicht wundern, wenn der Rabe seinen Zusatz-Namen wegen seiner Vorliebe für solche Brackwasser- und Moorreviere bekommen hat (wo er ja auch prachtvoll viel Aas geboten bekommt).

Also, wenn Du mal Richtung Osten aufbrichst, plane den wunderbaren Nationalpark Darß mit ein!

Herzlich

Petz

RE: kolkrabe. | 01.02.2016 | 23:47

Stimmt, eine Transkription kann da immer nur unzureichend sein; heute kann man die Rufe halt auch tontechnisch dokumentieren. Trotzdem finde ich Helders ethymologischen Exkurs ganz anregend. Was mir dazu auffiel: Wenn man den Ruf - halbwegs "korrekt" - als "kork" wiedergeben wollte, käme man schon ganz nahe ans "Kolk", nicht aufgrund der Lautgebung des Raben, sondern wegen der regional unterschiedlichen Artikulation der Menschen. Das im Deutschen regional gebräuchliche "Zungen-R" gerät nämlich (da liegt der Klischee-Chinese gar nicht so falsch) für den ungeschulten Imitator zum "L".

Also, der südthüringische Rabenfreund z.B. erzählt einem nordthüringischen Bekannten (falls überhaupt eine Verständigung möglich ist) vom "Kork" des Raben, der Nordthüringer versucht dieses nachzuahmen, und schon hat der arme Vogel den falschen Namen weg ;-)

Btw.: Während meiner Jugend (ist schon ´ne Weile her) rief der Kuckuck in Eisenach generell eine Terz, oft allerdings - anders als in den Liedern "transkribiert" - eine große. Nun, im Brandenburgischen angesiedelt, höre ich den Vogel nur(!) in Quarten, häufig versteigt er sich gar dazu, einen Tritonus (amerikanische Blues-Einflüsse?) zu intonieren. Neue Kuckuckslieder müssen her! Der Esel allerdings klingt hier nicht anders als in Nordgriechenland, na ja.

Aber, zum Kuckuck, der Kolkrabe ist eben doch ein Singvogel! Und zu differenziertem Ausdruck fähig, wie das von Thinktankgirl verlinkte Video anschaulichhörlich zeigt.

Iiih-Ahh!

Petz