petz

Geiger, Bratscher, Komponist für Schau- und Hörspiel, Hörbuchregie, Tonregie; in der FC intensiver Leser, nur selten Schreiber
petz
RE: Alternativlos! | 10.10.2015 | 02:37

Nun ja, ob diese Kanzlerin vielleicht doch im Rahmen ihrer jeweiligen Denk- und Handlungsmöglichkeiten sich aufrichtig bemüht, zu tun, was sie für richtig hält? Ich wage das nicht zu beurteilen. Immerhin schiene es mir bei ihr eher denkbar (gerade auch in Anbetracht ihrer gelegentlichen kommunikativen Ungeschicklichkeiten) als beispielsweise bei einem drittklassigen Politikschauspieler wie ihrem Vorgänger.

Eine Aussage Merkels in der fädenziehenden Sendung mit Frau Will allerdings scheint mir so wichtig zu sein, dass sie in der medialen Aufarbeitung konsequent ausgeblendet resp. totgeschwiegen wird (es ging um die Frage der Anerkennung der Türkei als "sicherer Herkunftsstaat"):

https://daserste.ndr.de/annewill/Die-Kanzlerin-in-der-Fluechtlingskrise-Koennen-wir-es-wirklich-schaffen-Frau-Merkel-,annewill4272.html ab 51:30

„…da will ich sagen, auch bei einem sicheren Herkunftsland gibt es die Asylverfahren, individuell, genauso wie für die Sinti und Roma, die aus den westlichen Balkanländern kommen.

Natürlich ist es generell höchst problematisch, die Verantwortung für die überwiegend durch transatlantisch initiierte Politik generierten Migrationsbewegungen auf sogenannte „sichere“ Herkunftsländer abzuwälzen. Aber dass (u.a. entspr. Genfer Flüchtlingskonvention) der Rechtsgrundsatz der individuellen Prüfung immer, auch bei Einreise aus sogenannten „sicheren“ Herkunftsländern zu gelten hat, ist wahrscheinlich nur wenigen Leuten bewusst. Die miese „Hoffnung“, man dürfe Asylantragsteller aus solchen Ländern automatisch zurückweisen, ist nämlich – Gott sei Dank – unberechtigt.

Und dieses Recht gilt auch für Antragsteller aus Ländern, die EU-Mitglied sind, wie z.B. Rumänien und Bulgarien. (Wo findet man eigentlich zeitnahe Berichterstattung über die Situation in dem EU-Land Bulgarien, das von den allermeisten Flüchtlingen, aus dem EU-Land Griechenland weiterreisend, vernünftigerweise umgangen / gemieden wird?)

Dass Frau Merkel diesen rechtlichen Zustand klar (und positiv wertend) bestätigt hat, ist m. E. durchaus wertvoll. (Und dass genau dies zumindest in den mir bekannten Kommentaren nicht wahrgenommen wird, nicht verwunderlich.)

Ich bin gewiss kein Freund der von Merkel im Allgemeinen vertretenen Politik, aber genau hinhören sollte man halt auch beim politischen Gegner. Und, wo sich´s anbietet, durchaus auch mal applaudieren (was ich hiermit getan haben will).

petz

RE: Ehrensachen | 08.10.2015 | 08:28

Ich bin stolz darauf, ein Deutscher zu sein, der es nicht nötig hat, auf sein Deutschsein stolz zu sein.

(Somit "stolz" auf die wunderbaren Möglichkeiten des deutschen Relativsatzes)

btw.: famoser Beitrag!!

Petz

RE: ... befand ich mich in einem dunklen Wald | 14.09.2015 | 23:30

Vielen Dank für den ausführlichen und lebendigen Bericht. Leider konnte ich beide Konzerte nicht hören, aber Ihr Beitrag macht Lust darauf, eine nächste Gelegenheit wahrzunehmen (auch wenn leider ein so dichtes Zusammentreffen dieser beiden Werke nicht so schnell wieder zu erwarten ist).

Eine kleine Anmerkung noch – der Einfachheit halber gleich hier – zu den Orchestervariationen: Es gibt mir immer noch zu denken (und eine Antwort weiß ich nicht, da ich ja nicht mal eine Frage daraus zu formulieren in der Lage wäre), dass die B-A-C-H-Tonfolge in den Orchestervariationen zumindest bei mir eine kuriose Verwirrung auslöst. Die vier Töne sind hier ja nicht grundsätzlich anders in Szene gesetzt als alle anderen; die vielfältigen Assoziations-Trauben beim Hörer aber unterlaufen das eigentliche formale Prinzip mittels werk-“fremder“ Emotion. Eigentlich ja etwas Erfreuliches: die unvermeidliche Mitwirkung des Rezipienten am Werk. Aber irgendwie irritierend ist´s halt auch. Oder geht das nur mir so?

RE: Die Musik der Zukunft | 14.09.2015 | 02:20

Na, da ist es ja gelungen, aus Pärts sanftmütigen Klängen ein paar schräge Argumente zu gewinnen:

Es scheint ein Epochengesetzt, dass eben jene Paradigmen einer Epoche, die Ursache für ihre Größe und Bedeutung waren, sich irgendwann in ein hochmütiges Extrem steigern, das die Bindung an den Weltgeist allmählich verliert.

Puh, da isser, der Weltgeist:

… das Kino und Serien-Fernsehen ist ohne Zweifel inzwischen das zentrale ästhetische Medium unserer Zeit …

Auch recht gewagt gesagt:

… Musik, die mehr als alle anderen Künste ein Kulturkonstrukt ist … - herrje, wieso denn das? Notfalls ließe sich dies auch von der Kochkunst sagen.

Und endlich, ob der Meister da wohl zustimmen würde:

… Arvo Pärt ein Vertreter des slawisch-russischen Kulturkreises … Hä?

Nee, auch ich mag – in homöopathischen Dosen – Pärts gediegen gestrickte Musik manchmal recht gern, vor allem, wenn sie mit großem interpretatorischen Geschick und vorzüglichem tontechnischen Einsatz zu Ohren gebracht wird. (Ist dies nicht gegeben, schmiert´s allerdings auch recht schnell ab, was bei den großen alten Meistern so nicht der Fall ist.)

Schließlich ist @W.Endemanns letztem Satz rundum zuzustimmen: Bei den metaphysischen Bedeutungs- und Geltungsansprüchen unterstelle ich allerdings zu Gunsten der Künstler bewußte Marketingstrategien, alles andere wäre lächerlich.

Selbst wenn es sich dabei nicht um eine bewusste Entscheidung des Künstlers handeln mag - für´s Geschäftliche gibt´s ja die Agenturen:

Fromm macht, was frommt!

RE: Das Sprechen des Unaussprechlichen | 10.09.2015 | 22:41

Vielen Dank für diese Fortsetzung!

Die zeitliche Überlappung der Kompositionsdaten dieser so verschiedenen Werke war mir nicht bewusst. Arnold Schönbergs Musik will neu sein, ohne das Alte zu verwerfen. Ihre Überschrift aus dem ersten Beitrag ist hier nochmal bestätigt. Schlüssige (zwingende?) Entwicklung, nicht Bruch; ein Prinzip, das auch innerhalb der jeweiligen Werke deren Dramaturgie mitbestimmt. So entsteht eine erstaunliche „Durchhörbarkeit“ fern vom Klischee.

Mir ist schon klar, dass Sie das nicht so ganz ernst meinen, aber gar zu viele Leute glauben daran:

…man hat den Eindruck, eine Wiedergabe auf der CD müsste sich einer Stereoanlage mit mindestens acht Lautsprechern bedienen.

Nee, bloß nicht; das gerät dann noch wohnzimmeriger (abgesehen davon, dass die CD das eh nicht kann). Außer bei eigens mehrkanalig konzipierten Kompositionen ist eine möglichst präzise Stereowiedergabe in geeignetem Raum (!) der wohl immer noch beste Kompromiss für Werke, deren ausgefeilte Klanglichkeit sich auf eine „Frontalunterricht“-Situation bezieht. (Das spricht natürlich nicht gegen den Einsatz mehrkanaliger Aufnahmetechnik, um dann ein möglichst gediegenes Stereobild zu erzeugen; nur bei der Wiedergabe bringt´s m. E. gar nichts, noch mehr ("unechte") Schallquellen aufzubauen.

Wie gut, dass wir – noch – in der Lage sind, lebendige Musikerzeugung zu erleben!

Mit bestem Gruß

petz

RE: Verklärte Nacht | 09.09.2015 | 00:41

@Michael Jäger

Vielen Dank für Ihre freundliche Antwort! Und wahrlich kein Grund für eine Entschuldigung: man nimmt´s doch hin, für kundig gehalten zu werden. Aber es freut mich auch sehr, wieviel Sachkunde hier in dem ersten Kommentarstrang von miauxx und w.endemann zu finden ist!

Ich bin gespannt auf die Fortsetzung.

petz

RE: Verklärte Nacht | 08.09.2015 | 00:55

Vielen Dank für den Bericht über das Schönberg-Konzert! Ich habe es ebenfalls gehört und war nahezu uneingeschränkt begeistert. Nun wäre ich aber sehr gespannt auf die angekündigte Fortsetzung des Beitrags. Denn das war mir ein besonderes Vergnügen: mal einen ganzen Abend konzentriert aufeinenKomponisten und dessen unterschiedliche Schaffensphasen zuhören zu dürfen. Die zumeist übliche Konzertdramaturgie, eine dem breiteren Klassikpublikum nach ca. 100 Jahren noch immer ungewohnt / unbequem anmutende Musik mit vertrauteren Werken zu umhüllen, ist zwar verständlich, verständnisfördernd jedoch meist nicht.

Zwei kleine Anmerkungen zu Ihrem Beitrag:

Dass Dehmels Gedicht weit mehr erzählt als die rührende Geschichte einer verschwiegenen und dann verziehenen Schwangerschaft, haben Sie sehr schön dargestellt. Im Konzertprogramm der Philharmonie liest sich´s so:…wie Schönberg das nächtliche Geständnis einer verschwiegenenVaterschaftauf provozierende Weise romantisch schildert…Das nenn´ ich doch eine kecke (vielleicht aber politisch korrekte?) Auslegung!

Was stellt man sich unter schwarzen Zacken vor, die in ein Himmelslicht reichen?Das Bild ist zunächst mal ganz irdisch / natürlich: Ich habe vorige Woche ein paar Nächte auf einer Waldlichtung jeweils bei hell aufgehendem Mond gestanden (um Soundfiles von Eulen aufzunehmen). Da hat man just dieses Bild: Wenn der aufgehende Mond zwischen den Bäumen erscheint, stehen diese als schwarze Zacken vor dem schon ziemlich hellen Himmel (Fichten sind da natürlich noch um einiges zackiger als Eichen, aber auch diese sind doch recht scharf dunkel konturiert). Und der Boden der Lichtung ist noch rabenschwarz. Etliche Minuten später dann wird die Lichtung licht und wir haben diehohe, helle Nacht.Sicher enthält das Bild der schwarzen Zacken bei Dehmel (und für Schönberg) bedrohlich-düsteres, vor allem aber dient es dazu, eine dramaturgische Fall- oder hier eher Steighöhe zu schaffen zum lichten Schluss hin. (Interessanter Vergleich: Matthias Claudius:Der Wald steht schwarz und schweiget…, was Franz Fühmann, wenn ich mich recht erinnere, in zeitbezogen dunklen Kontrast setzt zu Paul GerhardtsNun ruhen alle Wälder).

Tja, nochmals: Ich würde mich freuen, Ihren Beitrag fortgesetzt zu finden. Spannend war mir ja vor allem der Weg über dieFünf Orchesterstücke op. 16zu den schon fast wieder – das meine ich nicht abwertend - gefällig daherkommendenVariationen für Orchester op. 31.

Schön war´s doch, dass die Philharmonie gut gefüllt war und das Publikum so aufgeschlossen reagierte bei dieser ach so „schwierigen“ Musik! Vielleicht leistet ja Ihr Beitrag einen kleinen Beitrag dazu, der neueren Musik ein paar weitere Hörer zu gewinnen.

Petz

RE: Christliches Abendland – was bedeutet das? | 29.08.2015 | 15:07

@ Lethe

Die Wut über die jahrhundertedurchziehenden Scheußlichkeiten der machtbesessenen christlichen Kirchen ist ja sehr berechtigt und verständlich. Aber dem Autor dieses Beitrags vorzuwerfen, er maße sich an, jüdische Vorschriften für´s Christentum zu reklamieren, ist doch recht weit hergeholt.

Klute versucht hier schließlich nicht, jüdisches Gedankengut zu enteignen oder umzuwidmen, sondern er „reklamiert“ einen ethischen und zugleich vernünftigen Ansatz gegen den Missbrauch des Begriffs „christliches Abendland“.

Ihre Anmerkung, Lethe, trifft natürlich für den gesamten Beitrag zu: „…kann eigentlich nur von einem gläubigen Christen stammen.“So what?? Auch ich habe eine äußerst skeptische Haltung zu den diversen Religionen, insbesondere zur christlichen, in der ich selbst aufgewachsen bin. Aber ich finde es erfreulich und nützlich, wenn die Auslegware Bibel (selbstverständlich einschließlich der Thora) immer wieder mal auf die wertvollen Bestandteile ihres Gewebes hin abgeklopft wird.

Ich finde in diesem Beitrag eine geradlinige und kluge Exegese der Texte; den Gläubigen diese möglichen Aspekte jüdisch-christlicher Überlieferung immer wieder mal ins Bewusstsein zu rufen ist sinnvoll. Dagegen mit dem Argument „fragwürdiger Historizität“ anzugehen ist, mit Verlaub, albern.

Und uns Nicht-Gläubigen schadet ein Blick auf das – im Guten wie im Schlimmen – kulturell bedeutsame Material doch wahrlich auch nicht!

Nur bei einem Teil der Überschrift: „Christliche Ethik steht für…“ schüttelt´s mich auch ein bisschen. Da stünde doch besser ein „… sollte stehen für…“ Aber ich unterstelle mal, dass der Autor sich dessen auch bewusst ist.

Lieber Lethe, ich mag Ihre Texte immer sehr, wenn Sie gegen eitle und dumme Argumente poltern. Aber hier scheint mir der Zorn falsch adressiert.

Beste Grüße!

Petz

RE: Nun ward der Sommer unseres Missvergnügens! | 06.07.2015 | 20:59

@ Ernstchen

Großen Applaus für diesen Beitrag! Wie es Dir im letzten Abschnitt gelungen ist, Emotion und Vernunft zu synchronisieren, das ist einfach vorzüglich.

Gerade habe ich begonnen, Naomi Kleins „Kapitalismus vs. Klima“ zu lesen. Sie legt ja auch gleich anfangs ausführlich dar, wie die Lobby der Leugner des Klimawandels strukturiert ist und was diese befeuert. Doch das in deinem Beitrag gut formulierte Problem: „Der gesunde Menschenverstand kann einem der zwei Vorwürfe eine immens höhere Wahrscheinlichkeit zuordnen …, doch lässt sich in dieser Zwickmühle nur schlecht mit „meine Verschwörung stimmt aber im Gegensatz zu deiner“ argumentieren.“ wird auch von ihrer brillanten – und oft arg predigenden – Argumentationstechnik leider nicht gelöst. (Allerdings bin ich wegen Zeitmangels auch erst bis Seite 75 vorgedrungen; vielleicht unterschätze ich sie hier. Und desungeachtet bin ich – wie auch bei „Schockstrategie“ – sehr beeindruckt von ihrer Recherchearbeit.)

Du hast hier sehr schön vorgeführt, dass es möglich ist, vernünftig zu denken (manchmal vielleicht gar zu handeln) ohne den Anspruch auf alleinigen und vollständigen Wahrheitsbesitz vor sich hertragen zu müssen. Dank dafür. (Und schlecht wär´s nicht, fände sich solch Argumentationsweise häufiger auch in politischen Debatten.)

petz

RE: Friedensappell von Ex-DDR-Soldaten | 07.05.2015 | 18:49

Lieber Hans Springstein,

vielen Dank für Ihre gelassene Antwort! So lässt sich diskutieren, wenn man verschiedene Blickwinkel zu einer Sache hat. Und da will ich auch ein bisschen friedlicher werden: Natürlich habe ich etwas undifferenziert gepoltert, natürlich kann ich nicht allen militärisch Engagierten der DDR gleiche Mitschuld am Scheitern zuschieben. Und vor allem muss ich korrigieren: der individuell / subjektiv ehrliche Wille, dem Frieden und der sozialistischen Idee zu dienen, mag bei etlichen (auch vom Führungspersonal) durchaus vorhanden gewesen sein.

Und wo so etwas begegnet, wie Sie´s beschreiben: Auf meine Bemerkung: "Der Frieden war bewaffnet", sagte er, dass er nicht mehr wisse, ob das so stimmt, da gibt es schon wieder Chancen zur Verständigung. Nur eben diese Nachdenklichkeit fehlt mir in der Vorrede zu dem Friedensappell. Dem restlichen Text zur heutigen Problematik würde ich eh weitestgehend zustimmen.

Da braucht´s halt auch von mir eine persönliche Bemerkung. Seit frühester Jugend war mir jede Art militärischer Dressur zutiefst verhasst, insbesondere in der Schule (Fahnenappell etc., im Sportunterricht „Stillgestanden, Augen rechts…“, die scheußlichen Methoden der Wehrerziehung in der Schule etc.). Dass manch Ausbilder auch ehrliche Absichten damit verbunden haben mag, kann ich jetzt erst versuchen zu verstehen. Trotzdem bleibe ich davon überzeugt, dass jeder militärische Drill insbesondere junger Menschen das zu unterstellende positive Anliegen konterkariert.

Und natürlich muß niemand Soldat sein oder gewesen sein, damit ich mit ihm gemeinsam Nein zum Krieg sage und ihm die Hand reiche.

Meinerseits (friedenswillig): Und natürlich kann jemand auch Soldat sein oder gewesen sein, damit ich mit ihm gemeinsam Nein zum Krieg sage und ihm die Hand reiche. Ich wünsche mir nur, dass eine gewisse Nachdenklichkeit spürbar und glaubhaft herüberkommt.

Hier in der FC jedenfalls ist das möglich. Und das ist gut so.

petz