LaGeSo bei Nacht

Erfahrungsbericht ein paar Fotos, unvollständiger Versuch einer Beschreibung
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Wäre dies für eine Nutztierhaltung zulässig?

So sah es in den Zelten des LaGeSo in der Nacht vom 22. zum 23. Januar aus:

http://www.tonusarcus.com/downloads/lageso/

An jenem Wochenende nach der Amtsübernahme durch Sebastian Muschter (ehemaliger McKinsey-Berater) als kommissarischer Leiter waren die Zelte (zum ersten Mal?) völlig leer. Es darf vermutet werden, dass zumindest für diejenigen Flüchtlinge, die bis dahin in diesen Zelten die Nächte verbringen mussten, bessere Unterbringungsmöglichkeiten gefunden wurden.

Ich habe die Gelegenheit zum Fotografieren der leeren Zelte in jener Nacht benutzt, da mir die journalistische Chuzpe fehlt, mit dem Handy auf Personen zu zielen. Was ich allerdings in vielen Nächten davor an dieser Stelle gesehen und nicht fotografiert habe, war – wohlmeinend formuliert – unerfreulich.

Die Zelte waren / sind beheizt mit Gebläsen, die Warmluft hineinblasen. Allerdings sind die Fußböden kalt (Stahlboden). Die Gitter dienen vermutlich dazu, eine Warte-Reihenfolge auch über Nacht einzuhalten. Im Frauenzelt beispielsweise lagen bzw. hockten am 20. Januar nachts jeweils etwa 8 Personen in einem (!) solchen Gitterabteil, teilweise von Helfern mit Decken versorgt (was auch jeweils erst von der Security genehmigt werden musste). In diesem Fall durften die im Zelt anwesenden Frauen nur nach Genehmigung eines Security-Mitarbeiters das Zelt zum Rauchen, für Notdurft oder dgl. kurz verlassen (jeweils nur 5 Personen gleichzeitig), freiwillige Helfer wurden manchmal unkompliziert, manchmal aber auch erst nach längerer Diskussion, eingelassen.

Die beiden Zelte für Neuankömmlinge am Eingang (nicht fotografiert) waren in der letzten Zeit ohne Innen-Gitter-Abteilungen mit immerhin einigen Bänken und ein paar Stühlen ausgerüstet.

Bis ca. Mitte Dezember befanden sich die Tag-und-Nacht-Warteschlangen noch auf der Straße, ebenfalls hinter einer Absperrung, an der Hauswand entlang. Damals standen 3 privat finanzierte Wärmebusse davor, die allerdings meist wenig genutzt wurden, weil die Flüchtlinge den Platz in der Wartereihe nicht aufgeben wollten bzw. konnten. Die Verlagerung von der Straße weg aufs Gelände in die beheizten Zelte erfolgte dann nach Abgang des damaligen Leiters (Franz Allert, zurückgetreten 09. 12. 2015), vor Weihnachten.

Soweit ich im Laufe einiger Wochen (allerdings zumeist nur nachts dort anwesend) verstanden habe, handelt es sich bei den zunächst auf der Straße, später auf dem Gelände des LaGeSo übernachtenden Menschen (werktags jeweils etliche hundert) um Flüchtlinge, deren Erstregistrierung noch ausstand. Ein Teil der Wartenden waren auch Menschen, die bereits in anderen (Not)unterkünften Platz gefunden hatten, sich jedoch wegen der Auszahlung ihres Taschengeldes in die Schlange einreihten oder einreihen mussten. Dieser Vorgang ist, soweit ich weiß, jetzt zumindest teilweise einfacher geregelt.

Für Migranten, die bereits ersten Büro-Kontakt hatten, standen (und stehen) Notunterkünfte (NUK) zur Verfügung, unter anderem eine Turnhalle gegenüber dem LaGeSo, aber auch durch freiwillige Helfer vermittelte und betriebene Übernachtungen. Solche wurden z.B. im Deutschen Theater und auch in zwei privaten Tanzschulen eingerichtet und von Ehrenamtlichen betreut. Am jeweils nächsten Morgen haben sich allerdings auch die hier Untergekommenen wieder am LaGeSo einzureihen.

Ich habe mich hier bemüht, von Schuldzuweisungen abzusehen, da die organisatorischen Vorgänge für mich weitgehend unverständlich blieben (zumal diese in ständiger Veränderung begriffen sind). Mir ist völlig klar, dass diese Beschreibung meiner persönlichen Eindrücke ein sehr unvollständiges Bild liefert, es schien mir trotzdem sinnvoll, diese Fotos hier einzustellen und im Rahmen meiner Möglichkeiten zu kommentieren. Aktueller ging´s nicht; ich brauchte erstmal etwas Zeit-Abstand, um nicht unangemessen oder ungeschickt umherzupoltern.

Es gäbe noch etliche, teils ernste, teils auch höchst amüsante Anekdoten zu berichten von den Begegnungen mit Flüchtlingen, Helfern, Polizisten, Security-Leuten. Hier ging es mir aber erst mal nur um diese beklemmenden Bilder, die wiederum nicht unkommentiert bleiben konnten.

In den vergangenen Tagen war ich aus beruflichen Gründen nicht in Berlin, daher unterstelle ich mal, dass jetzt vieles / manches besser geworden ist…

petz

Ergänzung 03. 02. 2016

Erfreulicherweise kann ich, nachdem ich heute Nacht vor Ort war und Informationen auch von anderen Helfern erhielt, die dezent anklingende Ironie aus meinem letzten Satz streichen: Es ist mittlerweile tatsächlich vieles besser geworden! Nun gibt es u.a. ein neues Terminsystem, so dass die Menschen erst dann von ihren Unterkünften zum LaGeSo gehen müssen, wenn sie wirklich drankommen. Somit sind zumindest diese unsäglichen Wartesituationen Gottseidank – oder inschallah? – nun wohl Vergangenheit).

petz

Dieser Bericht bemüht sich, einen vorsichtigen, sehr unvollständigen Einblick in die Situation während der letzten Wochen am LaGeSo zu liefern.

01:41 02.02.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

petz

Geiger, Bratscher, Komponist für Schau- und Hörspiel, Hörbuchregie, Tonregie; in der FC intensiver Leser, nur selten Schreiber
petz

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