Protokollengel

Stiller Ort / nach einer arabischen Erzählung
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Protokollengel
oder: Warum beim Scheißen Schweigen geboten ist

Gott ist groß. Warum dies so ist, wissen wir nicht; wir haben es hinzunehmen. Große zeichnen sich dadurch aus, dass eine hinreichend große Zahl Kleinerer bereit ist, ihnen zu Diensten zu sein. Dass dies so ist, wissen wir aus Erfahrung.

Gott zu Diensten sind unter anderem Heerscharen von Engeln, diese Engel sind für diverse Aufgaben spezialisiert. Aufgabenteilung ist ein Wesenszug aller Dienste. Warum dies so ist, wissen wir nicht; wir haben es hinzunehmen. Dass dies so ist, wissen wir aus Erfahrung.

Unverzichtbare Aufgaben aller Dienste sind Informationsbeschaffung, Buchhaltung und Protokoll. Dass dies so ist, wissen wir aus Erfahrung.

Protokollengel also: Schweben ein, sobald einem menschlichen Munde ein Wort entfährt. Auch hier herrscht Arbeitsteilung: ein Engel notiert präzise die gutartigen, ein anderer ebenso akribisch die bösartigen Wörter und Sätze. Beide setzen sich im Augenblick der ersten Lautäußerung auf die Schultern des Sprechenden, einer zur Rechten, einer zur Linken, und speichern auftragsgemäß alles Gesagte. Nicht protokolliert werden Gedanken, die Gedanken sind frei. Warum dies so ist, wissen wir nicht; wir haben es hinzunehmen.

Engel sind Geistwesen. Geist ist störanfällig und empfindsam. Dass dies so ist, wissen wir aus Erfahrung. Besonders empfindsam sind Engel für Gerüche. Warum dies so ist, wissen wir nicht; wir haben es hinzunehmen.

Verbale Flatulenz gebärdet sich zumeist gutartig, gehört jedoch ihrer gefährlichen Wirkstoffe wegen unbedingt in den Protokollbereich des Bösartigen. Dass dies so ist, wissen wir aus Erfahrung. Wohl deshalb ist die Empfindlichkeit des Positiv-Protokollengels gegenüber Faulgasen besonders ausgeprägt, muss er sie doch schnell und präzise erkennen und dem zuständigen Kollegen weiterreichen.

Nun habe all dies – berichten uns wohlunterrichtete Quellen – für den gläubigen Menschen eine zwingende Konsequenz: Sitze er sich erleichternd oder bereits erleichtert beispielsweise auf einer Klobrille und nehme sehend oder hörend wahr, dass ein aufgrund seiner Bedürfnisse mit ihm um diesen Platz konkurrierender Mensch sich nähere, so solle er tunlichst jegliche verbale Äußerung vermeiden, weil die wegen eines eventuell ausgerufenen „Besetzt!“ dienstverpflichtet einschwebenden Protokollengel aufgrund der bei Ausscheidung der Fäkalien unvermeidlich in den Raum gelangenden Faulgase erheblichen Beeinträchtigungen ausgesetzt wären, was, insbesondere bezüglich des aus oben aufgeführten Gründen besonders geruchssensiblen Positivprotokollanten, fatale, eventuell – auch Engel seien unter bestimmten Umständen sterblich – letale Folgen nach sich ziehen könne; dies verändere die inhaltlichen Proportionen des gefertigten Protokolls möglicherweise erheblich und ungünstig. Hingegen sei ein demonstratives Hüsteln oder Füßescharren, hilfsweise auch ein energisch tönendes Flatulieren ebenso unproblematisch wie ein – keinesfalls etwa gemurmeltes, nur still gedachtes – „Scheiße!“. Die Gedanken seien frei.

Warum dies so sei, wisse man nicht; man habe es hinzunehmen.

00:07 22.12.2013
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Geschrieben von

petz

Geiger, Bratscher, Komponist für Schau- und Hörspiel, Hörbuchregie, Tonregie; in der FC intensiver Leser, nur selten Schreiber
petz

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