"Putinversteher" als Schimpfwort

Unverstand... Argumente wider ein Totschlag"argument", das auch in der Debatte um die Jauch-Sendung eine Rolle spielt. "Nein, bin ich nicht, nur..."
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Ein paar Worte zu einem Wort:
„Putinversteher“

Was für ein Schwachsinn, „Verstehen“ in einen pejorativ zu verwendenden Begriff hineinzukonstruieren und diesen allerorten als mediale Keule zu benutzen!

Verstehen ist für das Verhältnis zu einem möglichen Gegner just ebenso wichtig wie für die Beziehung zu Nachbarn oder Partnern. Selbst wenn man es idiotischerweise darauf anlegt, einen Krieg anzuzetteln, sollte man – im wohlverstandenen Eigeninteresse – die Interessenlage des „Feindes“ verstehen.

Wenn der „Russische Bär“ so gefährlich sein soll, ist es kein besonders kluger Einfall, ihm entgegen aller Ankündigung mit der Nato-Lunte immer näher auf den Pelz zu rücken. Grooooße Überraschung, wenn der Bär dann brummt! Man möge mir verzeihen: ich verstehe den Bären, möge er nun Putin oder sonstwie heißen; möge er ein (Post-)Demokrat nach westlichem Gusto oder ein Autokrat mit teils ekligen Allüren sein.

(Freilich, der alkoholkranke Jelzin war den Wirtschafts“eliten“ des Westens sicher sympatischer; zwar ließ er unter anderem mal das Parlament des eigenen Landes mit Panzern beschießen, aber das werden wir einem Demokraten doch nachsehen...)

Mal ein paar Jahre zurückgeschaut: die Nazi-Kriegspropaganda und der dann folgende Angriff Deutschlands auf das stalinistische Russland werden in keiner Weise durch Stalins finstere Verbrechen gerechtfertigt. Die – heutigen – einpeitschenden Schlagzeilen vieler „führender“ Medien (a la: „Wer stoppt Putin?“) wären selbst dann üble Kriegstreiberei, wenn Putin ein Verbrecher von Stalins Format wäre.

Nein, man muss Putin keineswegs mögen, um Russland zu verstehen! (Hatte irgendjemand geglaubt, Russland könne es sich leisten, seinen Schwarzmeerstützpunkt Sewastopol / Krim an ein zukünftiges NATO-Land abzutreten?)

Tröstlich immerhin, dass trotz verbalen Getöses etliche unserer Politikvertreter noch immer zu etwas mehr Vernunft – vielleicht gar zu so etwas wie „Verstehen“ – neigen. Eine gewisse Bedachtsamkeit sowohl Obamas als auch etlicher EU-Politiker lässt hoffen, dass das mehrheitlich vorgetragene mediale Kriegsgeschrei nicht vollständig ihre Handlungen bestimmen wird.

Wer hinter der russischen Propaganda steht, ist wie immer leicht zu durchschauen; der weitgehende Gleichklang der westlichen Propagandamaschine ist wohl wesentlich komplizierter strukturiert. Aber auch diesbezüglich kann man sich ja um Verstehen bemühen...

02:57 18.11.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

petz

Geiger, Bratscher, Komponist für Schau- und Hörspiel, Hörbuchregie, Tonregie; in der FC intensiver Leser, nur selten Schreiber
petz

Kommentare 19

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar