Das Kreuz mit den Faschisten

Opfer der Illusionsblase Verblüffende Ähnlichkeit mit einer evolutionär benachteiligten aquatischen Spezies
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Das Kreuz mit den Hard-Core-Faschisten ist es, dass viele von ihnen keine Geduld haben. Sie können nicht abwarten, bis ihre Stunde gekommen ist und demonstrieren weithin sichtbar, wie sehr sie mit den Hufen scharren und ihnen im Eifer schon mal der Geifer überläuft. Dabei müssten doch die intelligenteren Anführer unter ihnen auch schon mal einen Blick in die frei zugängliche Faschismusforschung geworfen und zur Kenntnis genommen haben, dass Faschismus realitär immer erst dann eine Option für die Herrschenden ist, wenn die allgemeine Systemkrise zum Platzen gereift und aus dem bürgerlich-parlamentarischen Bollwerk ein Kartenhaus geworden ist, das definitiv vor dem Einsturz steht. Aber davon kann ja wohl weit und breit keine Rede sein. Es sei denn, man schäumt sich ein in seiner eigenen Illusionsblase.

Faschismus verhält sich zu Demokratie wie die Alternative im Fall ihres durchgängigen Versagens, resümierte schon der große Reinhard Opitz. Für die protofaschistischen Ränkeschmiede sollte dies eigentlich die Maxime sein, ihr Potential behutsam im Wartestand zu halten und nicht bereits im Vorfeld sinnlos zu verschleudern. Aber genau das findet seit geraumer Zeit statt, und zwar nicht nur im Mückenstichformat, wie zuletzt Thüringen gezeigt hat. Was einerseits sehr lästig ist für all diejenigen Mainstreamer, die mit dem politischen Tagesgeschäft Konflikte des politischen business as usual auszubalancieren haben. Andererseits aber auch höchst aufschlussreich für diejenigen, die jenseits aller Erregung an einer nüchternen Analyse des Phänomens interessiert sind.

Was die Opfer der eigenen Illusionsblase anbelangt, drängt sich für unsereins eine geradezu verblüffende Ähnlichkeit mit einer aquatischen Spezies auf, den Quallen. Diese haben bekanntlich ein Nervensystem und Sinnesorgane, aber kein Gehirn. Trotzdem sind sie in der Lage, Beute zu jagen, auf Feinde zu reagieren und Geschlechtspartner zu erkennen, ermöglicht durch spezielle Sinneszellen in der äußeren Zellschicht. Mit anderen Worten: Die derzeitige Faschistenszene samt AFD-Mitläufern ist evolutionär sehr benachteiligt, weil sie offensichtlich eines wesentlichen Organs ermangeln - dem Gehirn.

Letzteres dürfte auch der Grund sein, weshalb sie stets knapp bei Kasse sind. Welcher potentielle Sympathisant aus Großkapitalistenkreisen investiert schon in die kleinbürgerlich rechtspopulistische Insurgenz, wenn diese aus belanglosen Hasardeuren besteht, die außer großsprecherischer Politsimulation und Täuschung (darunter ihre eigene Sinnestäuschung) nichts auf die Reihe kriegen, was nach einer konstruktiven Zukunftsoption aussehen und somit hegemonialperspektivisch relevant könnte. Eine Formierung der Gesellschaft nach dem Muster vergangener Wahnvorstellungen jedenfalls, sprich: die Rekonstruktion eines völkisch-faschistischen Kollektivsubjekts, das in geschlossener Faszination vor Wollust stöhnend „Führer-wir-folgen-dir“ brüllt, wird es im Zeitalter ausgeprägt neoliberalen Individualismus nicht geben, auch wenn ein sporadisches „Wir-sind-das-Volk“ Szenario gespenstische Anklänge daran glauben machen möchte.

Kraft durch Freude hat heutzutage ein jeder bei sich zuhause vor dem eigenen Bildschirm. Selbstdarstellungserfahrung und das Erlebnis der Masse auf öffentlichen Aufmarschplätzen zur Bildung einer gelenkten Konformität hat sich historisch erledigt und ist zumal durch den technisch zivilisatorischen Fortschritt obsolet. Die rebellischen Netzwerk-Klüngel aber, in denen sich ein jeder anonym verstecken und geheimbündlerisch verschwören kann, konstituieren höchstens einen gewissen Underground, aber keine stabile politische Ersatz-Öffentlichkeit, alldieweil diese Spielwiese im Falle eines Falles überwacht und nach Belieben abgeschaltet werden kann.

Fazit: Auch wenn das unanständige, Wahlzettel mutwillig „falsch“ ausfüllende oder dezidiert nationalkonservativ reaktionäre Wählersubjekt dem bürgerlichen globalkapitalfrommen Polit-Establishment derzeit gehörigen Stress macht (was sie auch nicht anders verdient haben), wird das larmoyant selbstgefällige faschistische Projekt scheitern. Sexy wäre es natürlich, wenn die Demokraten aller Lager tatkräftig an diesem Scheitern mitwirken würden, um den Zeitraum zu verkürzen, in dem es uns zur Last fällt. Kemmerich wird allerdings nicht der letzte unter den kleinen aufstiegsgeilen FDP-Ausreißern gewesen sein, denen ihre Bedeutungslosigkeit schwer zu schaffen macht. Darauf verwette ich schon jetzt meinen röhrenden Hirsch am Waldrand.

14:55 14.02.2020
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