Niemand hat die Absicht - ein Klassiker

Außerabsichtliches Nullsummenspiele für ein Halleluja. Die parlamentarische Demokratie, auch die bürgerliche genannt, schleppt ein Unternehmerrisiko mit sich herum, das Demokratiewagnis.
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Außerirdische und Außerabsichtliche haben eines gemeinsam: Auch wenn sie auf verbreitete Skepsis stoßen, so sind sie doch nicht ganz unpopulär. Der Gruselfaktor hat schließlich seine gewissen Reize. So auch im Politischen, der Sphäre des Unwahrhaftigen und der rheto­rischen Sprühvernebelung, in der noch die schmachvollste Niedertracht im Strahlenglanz der Beschönigung daherkommt. Die Bühne der hohen Staatskunst wird beherrscht vom Handwerk professioneller Gaukler und Imponderabilisten. Gegen ihre feingesponnenen Wortintrigen ist die sprichwörtliche Katze, die um den heißen Brei schleicht, geradezu ein Ausbund an offen ehrlicher Direktheit. Die Intentionen jener Außerabsichtlichen, die mit der selbstgebotenen Undeutlichkeit jonglieren, bisweilen ihr Spiel treibend mit dem Unausgesprochenen, sowohl als auch mit dessen Verneinung, dessen Vermeintlichung im angedeutet Aufhorchenlassenden, gelegentlich Widerrufenen, im wider besseren Wissens nicht Gewussthabenmögen, dies Ganze vermengend in der Mischmaschine zähflüssigen Sprechmörtels, bereit zum Betonguss des Endgültigen, damit den einen Zweck verfolgend, Sinnzerstörung zu betreiben, worin jede pragmatisch sinnvolle Zuordnung in logisch übersichtliche Diskurssegmente der Zersetzung anheimfallen soll (ich übertreibe hier gezielt parabolisch, wenngleich nicht außerabsichtlich, aber der Satz ist noch nicht zu Ende), dies so zusammengefasste intentionale Unwesen ist das Maulhuren­geschäft der Außerabsichtlichen. Nun gut, man könnte auf Umstände verzichten und schlicht sagen: sie lügen, leugnen, vertuschen, heucheln und verdrehen Tatsachen. Aber das träfe nicht die Virtuosität ihrer Täuschungsgeschicklichkeit, mit der sie uns benebeln, betäuben und immer wieder beschwichtigen. Ein Ausschnitt:

Niemand hat die Absicht, den Iran zu bombardieren. Niemand hat die Absicht, Millionen Überstunden nicht zu vergüten, geschweige den Leistungs­druck weiter zu erhöhen, noch massenhafter als bisher prekäre Arbeits­verhältnisse zu schaffen und reguläre Arbeitsplätze weiterhin millionenfach durch Minijobs zu ersetzen. Niemand hat die Absicht, die Mieten zu erhöhen. Niemand hat die Absicht, den Bau bezahlbarer Wohnungen zu verschleppen. Niemand hat die Absicht, die versprochene Eindämmung der Bodenspekulation zurückzu­nehmen. Niemand hat die Absicht, die versprochene Abschaffung der Steuerungerechtigkeit zu entschärfen. Niemand hat die Absicht, die soziale Marktwirtschaft durch einen ultra-neoliberalen Raubtierkapitalismus zu ersetzen. Niemand hat die Absicht, die Logistik der ständigen Kriegsschauplätze nicht wirksam zu unter­binden, um das große Geschäft mit den weltweiten Rüstungsexporten abzuwickeln. Niemand hat die Absicht, das Lohngefälle zwischen Männern und Frauen nicht zu bedauern. Niemand hat die Absicht, die Gering­besteuerung multinatio­naler Großkonzerne nicht zu beklagen. Niemand hat die Absicht, das Nochreicherwerden der Reichen auf Kosten der Armen nicht als anstößig zu empfinden. Niemand hat die Absicht, der Umweltkriminalität der Agrar-, Auto- und Chemiekonzerne zu applaudieren. Niemand hat die Absicht, der Vergiftung des Grundwassers weiter tatenlos zuzuschauen. Niemand hat die Absicht, den Hartz IV Regelsatz nicht den tatsächlichen Lebenshaltungs­kosten anzupassen.

- Nachdem sich in einer Sprech- und Sendepause die Nebelschwaden-Suada des Unwägbaren kurz etwas gelichtet hat - fragen wir uns dann manchmal, ob wir nicht wegen der sedierenden Dauerverabreichung wenn nicht ins Komatöse so doch längst in eine anterograde Amnesie irreversiblen Grades verfallen sind? Bis bei anstehenden Wahlen wieder mal der Arzt (SPD) vorbeikommt, der uns Heilung verspricht. In voller Absicht.

19:03 15.05.2019
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