Guantanamo Bay: pharmakologisches Waterboarding mit Malariamedikament?

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Wenngleich die Öffentlichkeit in den letzten Jahren bereits viel über die menschenverachtenden Praktiken der USA in Guantanamo Bay erfahren hat, ist ein Ende der Enthüllungen weiterhin nicht in Sicht.

So berichtet aktuell die Organisation "Truth Out" auf ihrem Blog über die fragwürdige Verwendung des Malariamedikaments Mefloquin, in Deutschland besser unter dem Handelsnamen Lariam von Hoffmann La Roche bekannt. Dabei handelt es sich um einen pharmakologischen Wirkstoff, der sowohl zur Vorbeugung als auch zur Behandlung von Malaria Verwendung findet. Bereits seit der Einführung des Medikaments häufen sich Berichte über neuropsychiatrische Nebenwirkungen wie Schwindel, Depressionen, Angst, Alpträume, Halluzinationen, Psychosen und suizidale Gedanken. Randomisierte Doppel-Blind-Studien an Reisenden belegen mittlerweile bei der vorbeugenden Verwendung eine signifikant höhere neuropsychiatrische Nebenwirkungsrate im Vergleich zu anderen Malariamedikamenten. Bereits vor acht Jahren beobachteten darüber hinaus österreichische Wissenschaftler in einer Anwendungsstudie mit der höheren therapeutischen Dosis bei 73% ihrer Patienten Nebenwirkungen, die mehrtätige Bettruhe und medikamentöse Behandlung erforderlich machten.

Folgerichtig wird in den USA von den Centers for Disease Control (CDC) die Verwendung von Mefloquin zur Behandlung von Malaria nur empfohlen, wenn andere Medikamente versagen oder kontraindiziert sind. Auch die prohylaktische Verwendung des Mittels ist umstritten. Nach mehreren Suizidfällen, über die in Deutschland seinerzeit u.a. auch "Der Spiegel" berichtete, schränkte die US-Armee schließlich kurz nach dem Amtsantritt Barack Obamas die Verwendung des Mittels bei Truppenangehörigen stark ein.

Während sich Experten darüber einig sind, dass Mefloquin bestenfalls bei strenger Indikationsstellung verwendet werden sollte, ging man bei Gefangenen des US-Lagers Guantanamo Bay offenbar weniger sorgsam vor. Angeblich aus Angst, dass sich auf Kuba Malaria ausbreiten könnte, wurden sämtliche Insassen nach ihrer Einlieferung vorsorglich mit einer hohen therapeutischen Dosis Mefloquin behandelt. Auf eine technisch problemlos mögliche Diagnose verzichtete man. Ebenso wenig fand anscheinend der Hinweis des Herstellers Beachtung, Patienten mit psychischen Vorerkrankungen kein Mefloquin zu verabreichen.

Aus diesen Gründen bezeichnet der in den Diensten der US-Army stehende Epidemiologe Remington Nevin, der die Verwendung des Malariamedikaments kritisch betrachtet, das Vorgehen seines Arbeitgebers als grobe Verletzung der ärztlichen Grundsätze. Auch andere Fachleute äußern sich skeptisch.

Besonders bemerkenswert erscheint in diesem Zusammenhang der Umstand, dass die US-Armee Anfang der 1990er Jahre schon einmal eine größere Zahl von Personen aus einem Malariagebiet in Guantanamo Bay untergebracht hatte: Bei den damals aus Haiti geflohenen Menschen behandelte man jedoch lediglich die Personen mit Chloroquin, die nachweislich erkrankt waren.

Somit stellt sich denn auch den Autoren von "Truth About" die Frage, ob es sich bei der vorsorglichen Behandlung muslimischer Gefangener mit Mefloquin tatsächlich um einen medizinisch motivierten Schritt handelt, oder ob bewusst auf das Auftreten neuropsychiatrischer Nebenwirkungen gesetzt wurde. "Pharmacological waterboarding" lautet der Begriff, der in dem Blog in den Raum gestellt wird.

Die US-Armee reagierte prompt: Ein Dokument mit Informationen über den Einsatz von Mefloquin wurde nach Bekanntwerden der Vorwürfe alsbald vom Server des Militärs entfernt, während es im Cache von Google nach wie vor zu finden ist.

08:56 03.12.2010
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Geschrieben von

Pharma-Marketing-Beobachter

Mein Blog beobachtet das Gesundheitswesen. Es sieht sich der evidenzbasierten Medizin verpflichtet.
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