Ein Preis zur falschen Zeit

Nobelpreis Obama mag ein potenzieller Nobelpreisträger sein. Die Auszeichnung im Jahr 2009 hat er aber nicht verdient

Eines muss man dem Nobelpreis-Komitee lassen: Zumindest die Überraschung ist ihm geglückt. Barack Obama erhält den Friedensnobelpreis. Damit hat wohl kaum einer gerechnet. Es ist eine Wahl, die einen ratlos zurücklässt. Denn richtig ist, dass Obama große Ziele hat: den Westen mit dem Islam auszusöhnen; den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern zu lösen; die Atomwaffen abzurüsten. Richtig ist aber auch, dass er auf all diesen Feldern kaum vorangekommen ist. Nach zehn Monaten im Amt ist das auch nicht erstaunlich. Erstaunlich ist hingegen, dass dem Nobelpreis-Komittee dieser Umstand vollkommen egal gewesen ist. So entsteht der Eindruck, dass Obama vor allem für all die Hoffnungen ausgezeichnet wurde, die andere in ihn setzen. Das ist ein neues Kriterium. Und es ist ein falsches Kriterium. Bisher wurden Menschen oder Organisationen vor allem dafür ausgezeichnet, was sie vollbracht haben. Nicht dafür, was sie vorhaben.

Arafat, Peres, Rabin, Mandela, Aung San Suu Kyi, die Organisation für das Verbot von Landminen: Es fallen einem viele würdige Träger dieser Auszeichnung ein. Sie haben sich für Frieden eingesetzt, für Völkerverständigung, Menschenrechte, Versöhnung und Abrüstung. Obama hat eine wichtige Rede in Kairo gehalten. Er hat vieles angepackt, aber noch nichts erreicht. Er passt deshalb – noch – nicht in diese Reihe. Das Nobelpreis-Komitee hat den Preis zur falschen Zeit verliehen.

Eines jedoch ist gewiss. Der Friedensnobelpreisträger Barack Obama wird der Auszeichnung eine maximale, weltweite Aufmerksamkeit verschaffen. Einen prominenteren Preisträger kann man sich kaum vorstellen. Es mag sein, das dies ein guter Tag für die fünf Mitglieder des norwegischen Nobelkomitees ist. Aber es ist ein schlechter Tag für die Reputation dieser höchsten Friedensauszeichnung.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

13:00 09.10.2009
Geschrieben von

Philip Grassmann

Philip Grassmann war bis März 2017 Chefredakteur des Freitag und ist seitdem mit seinem Bruder Felix Geschäftsführer des Abaton-Kinos in Hamburg
Schreiber 0 Leser 19
Philip Grassmann

Ausgabe 14/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 31

Avatar
anna- | Community
Avatar
schmidth- | Community
Avatar
Avatar
anousch-o- | Community
Avatar
magnus-goeller | Community
Avatar
schmidth- | Community
Avatar
magnus-goeller | Community
Avatar