Missverständnis

Politik Julia Encke erklärt, warum echte Charismatiker nicht unbedingt gute Manieren benötigen
Ausgabe 11/2014

Zum üblichen Lamento der Hauptstadt-Korrespondenten gehört, dass das politische Geschehen seit dem Amtsantritt von Angela Merkel immer langweiliger geworden ist. Ihr pragmatischer Regierungsstil, das orientierungslose Politmanagement und die blutleeren Diskussionen um die „optimale Umsetzung“ gehen inzwischen linken ebenso wie rechten Medienmenschen ziemlich auf die Nerven. Und nicht nur denen. Auch die Wähler verfallen angesichts des Einerlei in Lethargie, das Interesse an Politik geht immer weiter zurück. Merkel hat einmal vor Journalisten das aus ihrer Sicht optimale Verhältnis zwischen Politik und Bürgern ganz offen beschrieben. Es sei am besten, wenn man sich gegenseitig in Ruhe lasse und jeder das mache, was er am besten könne. Und so ist es auch nicht weiter erstaunlich, dass in den diversen Kabinetten Merkels vor allem Mittelmaß regierte.

Auf Dauer ist dieser Zustand nicht gut für die Demokratie, meint die FAS-Redakteurin Julia Encke und hat deshalb ein Plädoyer für mehr Leidenschaft geschrieben. Charisma und Politik heißt es und es ist ein Buch über das ambivalente Verhältnis der Deutschen zu ihren charismatischen Politikern. Das liegt zum einen an dem Führerkult, den die Nationalsozialisten um Hitler veranstalteten; es liegt aber sicher auch daran, dass die Deutschen es ganz gerne mögen, von der Politik in Ruhe gelassen zu werden, da hat Merkel schon recht. Ein Ergebnis von 41,5 Prozent bei der letzten Bundestagswahl für die graue Kanzlerin ist ja alles andere als ein Misstrauensbeweis. Und doch gibt es bei den Bürgern eine Sehnsucht. Die Hysterie um den Projektionspolitiker Karl-Theodor zu Guttenberg ist da ein gutes Beispiel, auch wenn man, wie Encke sehr klug beschreibt, im Falle „KTG“ beim besten Willen nicht von Charisma sprechen kann. Doch dazu später mehr.

Begnadete Alphatiere

Inzwischen hat jedes bessere Coaching-Seminar im Angebot, wie man als Entscheidungsträger sein Charisma ausbauen kann. Werde noch überzeugender! Noch erfolgreicher!! Dass man indes Charisma erlernen kann wie eine Sprache, ist natürlich Humbug. Julia Encke hat deshalb ein ganzes Kapitel dem eigentlichen Begriff gewidmet. Sie befreit ihn von allerlei Schlacke, die sich angesammelt hat, seit der Soziologe Max Weber ihn zum ersten Mal am 15. Januar 1910 in einem Gespräch mit Georg Simmel über den Selbstinszenierer und Dichter Stefan George verwendet hat. Die „Charismatische Herrschaft“ ist inzwischen zu einer fast ebenso ausgelutschen Formel geworden wie das „Bohren dicker Bretter“. Man liest mit Vergnügen, wie Encke die Verallgemeinerungen abräumt und den Blick auf Webers eigentliche Idee freimacht. Charisma ist eben mehr als nur das gewisse Etwas, das man hat – oder eben nicht. Kurz zusammengefasst kann man sagen: Notwendig ist nicht nur eine außergewöhnliche Persönlichkeit, sondern auch eine Gefolgschaft, die bereit ist, sich begeistern zu lassen.

Es ist interessant, dass ausgerechnet Joschka Fischer und Gerhard Schröder für Encke Prototypen eines „demokratischen Charismas“ sind. Beide haben gegen großen Widerstand ihre politischen Ziele erreichen können, eben weil sie so charismatisch waren und die „Zukunftsverweigerung“ überwinden konnten, argumentiert Encke. Oder anders gesagt: Eine Politikerin wie Merkel hätte weder den Kosovo-Krieg noch die Agenda 2010 durchsetzen können. Wirklich? Schließlich waren weder Fischer noch Schröder besonders begnadete Redner, eher begnadete Alphatiere, die wussten, wie man politische Mehrheiten erkämpft.

Das stärkste Kapitel in dem Buch handelt indes von dem „Charisma-Missverständnis“ bei Karl-Theodor zu Guttenberg. Von den meisten Medien wurde er bis zu seinem Rücktritt vom Amt des Verteidigungsministers gefeiert. Der Stern schrieb, er habe „die Droge Charisma“. Guttenberg sei der „Inbegriff des Politüberfliegers“, befand der Focus. Doch Encke zeigt, dass Guttenberg nie ein Charismatiker gewesen ist. „Dass ihn die Öffentlichkeit für charismatisch hielt, beruhte auf einer simplen Verwechslung: Der Verwechslung von Charisma mit Manieren.“ Aber Charisma, das führt die Autorin dem Leser unterhaltsam vor Augen, sei eben mehr als Stil.

Das Buch endet mit einer Betrachtung des Auftritts von Barack Obama an der Siegessäule in Berlin 2008 vor 200.000 Menschen. „Obamas Charisma war das magische Resultat von Projektionen und Hoffnungen“, schreibt Encke und hält dem US-Präsidenten zugute, dass ihm trotz der vielen politischen Rückschläge sein Charisma noch nicht abhanden gekommen sei. Auch das kann man anders sehen. Sicher aber ist: Deutschland ist Charisma-Mangelland. Es wird Zeit, dass sich das ändert.

Charisma und Politik. Warum unsere Demokratie mehr Leidenschaft braucht Julia Encke Hanser 2014, 176 S., 17,90 €

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Geschrieben von

Philip Grassmann

Chefredakteur des Freitag
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