Spritze oder Geld her

Coronapolitik Wir leben nicht in einem Land mit 30 Millionen Impfverweigerern. Drohungen sind der falsche Weg, die Menschen zu überzeugen
Ausgabe 37/2021
Niedrigschwellige Angebote können dabei helfen, die Impfquote zu erhöhen. Strafen werden nicht den gewünschten Effekt erzielen
Niedrigschwellige Angebote können dabei helfen, die Impfquote zu erhöhen. Strafen werden nicht den gewünschten Effekt erzielen

Foto: Tobias Schwarz/AFP/Getty Images

Mit Prognosen ist es so eine Sache, aber wer zu Beginn des Wahlkampfs darauf tippte, dass die Coronapandemie ein großes Thema werden würde, der sieht sich nun, wenige Tage vor der Wahl, enttäuscht. Dabei hätte es viel zu bereden gegeben.

Denn seit einigen Wochen gehen die Fallzahlen nach oben, dem Land droht ein düsterer Herbst. Wie düster, kann man mit einem Blick auf Großbritannien feststellen: Die Impfquote ist ähnlich niedrig wie hierzulande, die Inzidenz dagegen dreimal so hoch und die Zahl der Corona-Toten steigt steil an.

Doch anstatt darüber nachzudenken, oder besser noch: zu streiten, was zu tun wäre, wurde lediglich der Maßstab geändert, mit dem die Coronagefahr künftig gemessen wird. Es geht jetzt um die Bettenbelegung, nicht mehr um die Ansteckungszahlen. Dabei ist die einzige Zahl, die wirklich wichtig ist: die Impfquote.

Doch Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und seinen Länder-Kollegen fällt zu diesem Thema offenbar nur eines ein: Sie erhöhen den Druck auf diejenigen, die noch nicht geimpft sind. Im Hamburg werden in viele Restaurants und Veranstaltungen nur noch Geimpfte und Genesene gelassen. Und Arbeitnehmer:innen in Baden-Württemberg, die nicht geimpft sind und in Corona-Quarantäne müssen, erhalten keine Lohnfortzahlung mehr. Andere Länder wollen folgen. Es drohen fünf bis zehn Tage Verdienstausfall – eine in ihrer Auswirkung krasse Sanktion.

Denn wir leben mitnichten in einem Land mit 30 Millionen Impfverweigerern. Es ist vielmehr menschlich, dass sich manch einer immer noch nicht um einen Impftermin gekümmert hat; oder dass er besorgt ist wegen möglicher Nebenwirkungen. Man gewinnt Millionen von Menschen aber nicht für ein Vorhaben, indem man ihnen den Zutritt verwehrt oder ihnen Geld wegnimmt. Die Menschen müssen überzeugt und nicht gezwungen werden. Wie anders soll die nächste Corona-Impfkampagne im kommenden Jahr funktionieren? Und auch sie wird nicht die letzte sein, bis das Virus bezwungen ist.

Nun ist vor einigen Tagen eine bundesweite Impfwoche auf Plätzen, in Supermärkten, oder der S-Bahn gestartet. Endlich, möchte man sagen, aber warum so spät? Andererseits kennt man das schon: Es ist das Muster der Coronapolitik.

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Geschrieben von

Philip Grassmann

Chefredakteur

Philip Grassmann ist seit 2008 Chefredakteur des Freitag. Zuvor arbeitete er neun Jahre als Korrespondent der Süddeutschen Zeitung in Berlin. Von 1994 bis 1998 war Grassmann Redakteur und später Korrespondent der Welt. Er studierte Politische Wissenschaften an der Freien Universität Berlin sowie der London School of Economics und ist Absolvent der Axel-Springer Journalistenschule.

Philip Grassmann

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