30c3 - Der Geist der Freiheit

Hackerkongress Ein kompakter Überblick über den 30 Chaos Communication Congress in Hamburg.
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Auf dem ersten Blick entspricht das Publikum dem Klischee. Wie man es von einem Hacker Kongress erwartet, ist der typische Besucher des 30. Chaos Communication Congress (30c3) zwischen 25 und 35, männlich und trägt den Laptop mit der Selbstverständlichkeit eines modischen Accessoires unter seinem Arm.

Zwischen dem 27. und 30. Dezember verwandelte der Chaos Computer Club - die größte europäische - Hackervereinigung, das Hamburger Congress Center in eine Spielwiese für Informatiker, Techniker und Netz-Aktivisten. Kaum etwas erinnerte dort an die nüchterne Atmosphäre von anderen Kongressen. Das Bällebad, den Meisten nur aus dem IKEA-Kinderpardies bekannt, gehört bereits seit Jahren zum Kongressstandard. Beleuchtete Drohnen und ein 360° Kino sorgten für visuelle Reize und ein über 2 Kilometer langes Rohrpostsystem aus Staubsaugern und gelben Röhren verdeutlichte die Funktionsweise des Internets mit seinen Routern und Switches.

In diesem Ambiente war der rege Austausch zwischen den zahlreichen Besuchern und Ausstellern des Kongresses eine Selbstverständlichkeit.

Auf drei Ebenen bildeten Assemblies, die Chaos Computer Club Variante des Gruppentisches, eine Mischung aus Flohmarkt, Informationsmesse und Treffpunkt. Dort konnte man Löten, 3D-Drucker in Aktion sehen oder Lockpicking, das sportive knacken von Schlössern, betreiben. Bereits um 15:00 Uhr öffnete die Tanzfläche, auf der man zu den Klängen von elektronischer Musik dem regen Kongressbetrieb vergessen konnte.

Diese Ungezwungenheit war auch bei den Prominenten der Szene wie den Internetaktivisten Jacob Appelbaum und Daniel Domscheidt-Berg, dem Redakteur im Ressort Digital von ZEIT ONLINE Kai Biermann und Constanze Kurz, der Pressesprecherin des Chaos Computer Club zu spüren, mit denen man in den Kongressfluren einfach ins Gespräch kommen konnte. Etwas peinlich für die Veranstalter eines Hackerkongresses war allerdings die ständige Überlastung ihrer Webseite, die im besten Fall nur mit Wartezeiten von mehreren Minuten zu erreichen war.

Den Kern bildeten aber die zahlreichen Talks, Kongresssprache für eine Präsentation mit anschließender Fragerunde, und Workshops. Mache Talks bestachen durch allgemeinverständliche Folien wie „value = *ptr;“ und „If ((ptr < base)“, aber ein Großteil richtet sich an ein politisch interessiertes Publikum, weshalb der Kongress auch einen regen Zulauf von Besucherinnen und Besuchern hatte, die nicht dem typischen Hackerklischee entsprachen.

Offiziell stand der Kongress unter dem Motto Technologie, Gesellschaft, Utopie, wobei der Begriff der Distopie besser gewählt wäre. Denn das politische Thema des Kongresses waren die Snowden Enthüllungen und der durch diese ausgelöste Überwachungsskandal. Hier stachen besonders die Liveschaltungen mit dem GUARDIAN Reporter und Edward Snowden Vertrauten Glenn Greenwald aus Brasilien und Julian Assange, dem Gründer der Enthüllungsplattform Wikileaks aus der ecuadorianischen Botschaft in London heraus.

Greenwalds Rede wurde von der Presse wegen seiner Vermischung von Journalismus und Aktivismus sehr stark kritisiert. Und in der Tat ist das Kernthema seiner Rede, die Frage, ob das Internet ein Werkzeug der Überwachung oder von Demokratie und Freiheit wird, eine starke politische Frage, die in den Grundstrukturen des Internets angelegt ist und durch Grennwalds journalistische Aufarbeitung der Snowden Enthüllungen aktuell wieder diskutiert wird.

Julian Assanges Rede wurde von zahlreichen technischen Schwierigkeiten begleitet, die Gerüchten zur Folge bewusst durch Assange-Kritiker herbeigeführt wurden. Eingeleitet von der jungen Journalistin Sarah Harrison, die Edward Snowden während seiner Flucht nach Moskau unterstützte, wurde die Rede nicht nur wegen der technischenSchwierigkeiten maßgeblich von Jacob Appelbaum gestaltet. In ihrer neo-marxistischen Interpretation der Informationsgesellschaft sehen Assange und Appelbaum in den Systemadministratoren die neue revolutionäre Klasse, deren Aufgabe es nun sei in die Geheimdienste einzutreten und deren Geheimnisse zu enthüllen. In einem anschließenden Gespräch erläuterte Appelbaum seine Vorstellungen einer Informationsgesellschaft als eine Gesellschaft in der mehrheitlich die Menschen in informationsverarbeitenden Berufen tätig sind. Er verdeutlichte dies anhand der Kongressteilnehmer mit ihren sauberen Händen, die nie körperlich gearbeitet hätten. Am letzten Tag des Kongresses unterstrich Appelbaum seine und Assanges Forderung nach der Notwendigkeit der Offenlegung der Geheimnisse der NSA noch einmal, indem er die neusten Enthüllungen aus den Snowden Dokumenten präsentierte. Die dort dargestellten scheinbar allumfassenden Überwachungsmöglichkeiten der NSA scheinen aber nur einen ersten Einblick in deren technischen Möglichkeiten zu bieten. Die Hackerszene fürchtet um ihre Freiheit und gerade in diesem Punkt, dass hat der Kongress gezeigt, hat sie auch sehr viel zu verlieren.

© Philipp Adamik 2014

Den Artikel inklusive Bilder vom Kongress gibt es auch hier.

12:01 13.01.2014
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Geschrieben von

Philipp Adamik

Philipp Adamik war wissenschaftlicher Assistent am soziologischen Seminar der Universität Basel. Er ist Herausgeber des Blogs digitalrealism
Philipp Adamik