Philipp Adamik

Philipp Adamik war wissenschaftlicher Assistent am soziologischen Seminar der Universität Basel. Er ist Herausgeber des Blogs thedigitalisedworld.org.
Philipp Adamik
RE: Vorbote der digitalen Ungleichheit | 02.10.2018 | 11:40

Soziale Ungleichheit, ist, genauso wie die von mir Eingangs aufgeführten digalen Ungleichheiten, natürlich kein neues Konzept. Spätestens mit dem Klassenkampf bei Marx ist ein Teil der Sozialwissenschaften. Neu an der "digitalen Ungleichheit" ist aber, das nicht-menschliche Akteure an ihr direkt Teilnehmen. Bots sind nämlich von einer Ambiguität geprägt. Zwar sind sie zu einem, wie ich in dem Artikel auch anführe, in die sozialen Strukturen eingebunden, aber sobald sie "aproved" sind, handeln sie quasi Autonom.

RE: Vorbote der digitalen Ungleichheit | 02.10.2018 | 11:31

Die Tools benötigen tatsächlich nicht besonders viel Rechenleistung. Auch ist die Wikipedia, was den Speicherbedarf anbelangt recht bescheiden. Es sind gerade einmal 10 Terra-Byte. Die bedeuten aber für die englischsprachige Wikipedia 2705 Ausgaben eines Bandes der Encyclopædia Britannica. Knapp die Hälfte bei der deutschsprachigen.

Der Punkt, auf den ich aber in dem Artikel hinweise ist, dass die Nutzung dieser Tools an den sozialen Aufstieg innerhalb der Wikipedia gekoppelt ist. Es geht also nicht um den technischen Zugang, sondern um die sozialen Grenzen der Nutzung.

RE: Vorbote der digitalen Ungleichheit | 02.10.2018 | 11:21

Danke für das Lob. Einen ausführlichen Überblick in den gender-gap bei der Wikipedia gibt es hier von Judy Wajcman und HEater Ford. Dort wird auch genuer auf die Beziehung zwischen der Geschlechterungleichheit in der IT-Branche und der Wikipedia eingegangen. http://eprints.lse.ac.uk/68675/1/Wajcman_Anyone%20can%20edit_Final_2017.pdf

RE: Unter Hitler waren nicht nur die KZs schlecht | 08.09.2017 | 07:27

Und wenn man ein alter Kollege in Australien ist, dann wohl auch. Mal abgesehn davon, dass es in dem Artikel überhaupt nicht darum geht Böhmermanns Post zeithistorisch zu rechtfertigen, zitiere ich an dieser Stelle gerne zu diesem Punkt die Antifa Kampfausbildung:

"Vor einigen Tagen hat Jan Böhmermann auf Twitter geschrieben, dass in 3 Wochen zum ersten Mal seit Kriegsende wieder Nazis im Bundestag sitzen werden.

Daraufhin taucht dieser Blog-Artikel auf, in dem behauptet wird, er habe die Nazi-Vergangenheit Deutschlands geleugnet.

Da Böhmermann sicher nicht dumm ist, wird er wie mittlerweile viele andere auch wissen, dass auch nach 1945 noch Ex-NSDAP-Mitglieder im Bundestag und anderen wichtigen Ämtern in der BRD und DDR saßen. Hat er das geleugnet?

Nein. Er hat entweder nicht nachgedacht, oder aber einfach entschieden, dass diese Tatsache nicht wichtig ist für seine provokante AfD-Kritik.

Was erwarten die AutorInnen des Artikels denn? Soll er eine Dissertation, eine Hausarbeit, über Ex-NSDAPler im Bundestag in 140 Zeichen kloppen?

Anstatt sich mit solchen Kleinigkeiten zu beschäftigen und entschiedene AfD-Gegner für sowas anzugreifen, sollte man seine Energie doch lieber für etwas sinnvolles einsetzen. Zum Beispiel echte Nazis bekämpfen. Prioritäten setzen und so."

https://www.facebook.com/antifakampfausbildung/posts/1508819385830552

RE: Will die Linke den Kapitalismus abschaffen? | 22.08.2017 | 14:44

Lieber w.endemann,

leider muss ich jetzt aus Zeitgründen unseren sehr spannenden Austausch über Luhmann beenden. Trotz Ihres schlechten Gedächtnisses ist ihr Verständnis von Luhmann sehr beeindruckend. Im Kern unterscheiden wir uns da kaum, weshalb ich hier nur noch kurz auf zwei Aspekte hinweisen will.

Selbstverständlich will Luhmann gesellschaftliche Wirklichkeit beschreiben, allerdings halte ich seinen Theorieaufbau dafür nicht geeignet. Kurz gesagt, Luhmann hat es meiner Ansicht nach mit der Selbstreferenzialität so weit übertrieben, dass seine Theorie für mich den Bezug zur Wirklichkeit verloren hat. Natürlich kann man mit Luhmann immer noch recht viel Wirklichkeit erfassen, aber im Vergleich zu den modernen Netzwerktheorien, dass begründe ich in meiner Diss übrigens mit und nicht gegen Luhmann, ist es eher ein recht ungenaue short range Betrachtung.

Luhmann hat sowohl in Soziale Systeme und in zahlreichen Publikationen davor sich intensiv mit dem Begriff und dem Konzept der Komplexität beschäfftigt. In einem Band der "Soziologischen Aufklärung", ich glaube es ist Band 2, gibt es dazu ein ganzes Kapitel. Ansonsten sind zahlreiche Aspekte von Komplexität über sein gesamtes Werk vor Soziale System verteilt. Leider, und das ist für mich der entscheidende kapitale Bock, der alles (inklusive die Gesellschaft der Gesellschaft) nach Soziale Systeme für mich absolut wertlos macht, ist, dass er Komplexität vollständig aus seiner Theorie entfernt. Denn der Zwang zur Reduktion ist bei Luhmann ursprünglich Selektiviät und nicht Komplexität, diese ist die Differenz zwischen Element und Relation. Logisch bewegt sich Luhmann mit dieser Gleichsetzung zwar gerade noch im Spektrum der sinnvollen Aussagen nach Wittgenstein (kontradiktorische Aussage), aber innerhalb seiner Differenztheorie ist diese Gleichsetzung schlicht und ergreifend nicht möglich. Die Aufhebung von Differenzen innerhalb einer Differenztheorie, macht für mich so gar keinen Sinn. Da ist Luhmann meiner Ansicht nach seiner Hybris zum Opfer gefallen. Komplexität ist nämlich rein differenztheoretisch nicht darstellbar, aber der Begriff der Kompelxität ist für Luhmann absolut notwendig, damit seine Theorie einen universellen Anspruch haben kann. Seine Lösung, Komplexität heimlich durch Selektivität zu ersetzen, ist aber nichts weiter als ein billiger Taschenspielertrick.

Wie gesagt, es gebe hier bestimmt noch viele Aspekte, die ich gerne mit Ihnen diskutieren würde, aber leider muss ich mich jetzt anderen Dingen widmen. Ich hoffe, Sie vergessen mein Anliegen nicht und melden sich, sobald sei bei Luhmann auf den Begriff der unbestimmten oder einen ähnlichen Begriff treffen. Das Konzept existiert bei Luhmann, aber ich befürchte, wie so häufig wenn es um Luhmann und Komplexität geht, vieles ist bei weitem nicht mit der gleichen Sorgfalt ausgearbeitet, wie seine Systemtheorie.

In diesem Sinne hoffentlich bis bald,

Philipp Adamik

RE: Will die Linke den Kapitalismus abschaffen? | 20.08.2017 | 18:13

Schade, dass hätte die Arbeit an meiner Dissertation sehr erleichtert. Falls Sie zufällig doch mal auf was stossen sollten, wäre es sehr nett, wenn Sie es mir mitteilen würden.

Meine Herangehensweise an Luhmann ist eine andere. Ich sehe Luhmanns Theorie im Sinne eines seiner Universalitätsverständnisse (als sich selbst und ihre Gegner einschliessende Theorie) für grundsätzlich nicht auf eine empirische Wirklichkeit ausser der von Büchern, anwendbar und wo hat Luhmann diesen Kosmos jemals wirklich verlassen? In dem Interview ein wenig und evtl. noch in Liebe als Passion evtl, aber sicher nicht in Soziale Systeme, Die Gesellschaft der Gesellschaft und die zahlreichen Die ... der Gesellschaft Büchern bestimmt nicht. Dort theoretisiert quasi darüber, wie die Gesellschaft beschaffen seinen müsste um mit seiner Theorie beschrieben werden zu können und nicht darüber wie die Gesellschaft mit Hilfe seiner Theorie beschrieben werden kann. Wie auch immer. Mit den zahlreichen Netzwerktheorien gibt es dafür ja mehr als genügend Alternativen. Zentral ist dabei für mich der Punkt Netzwerke als Komplexität anzusehen. Siehe dazu John Urry. Luhmann hat dabei einer der elaborierten Komplexitätstheorien, die man sich leider mühsam rekonstruieren muss.

In Soziale Systeme definiert Luhmann Komplexität als die Differenz zwischen Element und Realation. In dem Zusammenhang weisst er in einer Fussnote darauf hin, dass ein guter Grund den Komplexitätsbegriff nicht zu definieren Selbstreferenz wäre. Leider schafft es Luhmann da nicht über den Horizont seiner selbstreferenziellen Differenztheorie hinauszublicken. Für mich liegt der wünschenswerte Nachteil (Sic!) darin, dass eine undefinierte Idee von Komplexität eine noch universellere Anwendbarkeit hat, als ein definiertes Konzept von Komplexität (e. g. as the Connection between Element and connection) und ich so - wie es auch bei Luhmann ist, aber selten so wahrgenommen wird - Universalität nicht als Ziel, sondern als Problem behandeln kann. Strukturen muss ich so z. B. nicht annehmen, sondern ich kann dann die Frage in die empirische Foschung verlagern.

RE: Will die Linke den Kapitalismus abschaffen? | 19.08.2017 | 20:42

Ich würde sagen, dass beim Austieg aus dem Austieg aus dem Atomausstieg zwei Faktoren gewirkt haben. 1. Der Fukushima Shock, der auch Merkel und ko getroffen haben. 2. Der ausserparlamentarische Protest. Beides hängt dabei natürlich zusammen. In Gänze können wir das hier aber wohl nicht klären.

Mit Luhmanns lässt sich vieles Erklären. Mein Argument gegen Luhmanns ist nicht, dass seine Theorie einen eingeschränkten Anwendungsbereich hat, den hat sie nicht nur, sondern dieser ist für Luhmann elementar (Siehe dazu auch den Kommentar von w.endemann). Leider neigt Luhmann bei all seiner Brilianz häufig zum Posen, weshalb es schwierig hinter seinem Gerede von seiner universellen Supertheorie zu erkennen, dass seine Theorie nur universell ist, wenn sein limitiertes und nicht sein universelleres Verständnis von Universalität angewandt wird.

Mein Argument gegen Luhmann ist, dass sich alle Aspekte Luhmanns deutlich einfacher mit dem Komplexitätskonzept beschreiben lassen. In Soziale Systeme sagt er, dass es sich bei dem Konzept der Interpenetration um die Verbindung von zwei Systemen handelt. Komplexitätstheoretisch ist damit alles notwendige gesagt und man kann sich daran machen diese Verbindung empirisch zu Beschreiben (z. B. Dieselskandal). In seiner Differenz/Systemtheorie lässt sich das aber so nicht sagen, weshalb er dass überkomplexe Konzept der Interpenetration einführt.

Hmm, theoretisch lässt sich dieser Mechanismus bestimmt bis zur Systemüberwindung weiterdenken. Als empirisches Beispiel fällt mir allerdings nur die Einführung des Frauwahlrechts in der Schweiz ein. Das Schweizer stimmberechtigte Patriachat hat sich demokratisch dazu entschieden seine politische Macht mit den Frauen zu teilen, ohne dass die Frauen selbst stimmberechtigt waren.

Soviel Einsicht seh ich bei unseren Politikern aber derzeit nur sehr selten. Also, vielleicht schon, ich würd aber nicht meine Hoffnung darauf setzen.

RE: Will die Linke den Kapitalismus abschaffen? | 19.08.2017 | 18:04

Und ihre Erweiterung meiner Darstellung ebenso. Eine Frage habe ich dazu. Sie benutzen da das Konzept der unbestimmten Komplexität. Haben sie sich dieses aus der mehr oder weniger verborgenen nicht-systemtheoretischen Komplexitätstheorie Luhmanns selber rekonstruiert, oder können Sie mir dazu eine konkrete Textstelle nennen?

RE: Will die Linke den Kapitalismus abschaffen? | 19.08.2017 | 15:09

Ich sehe das Problem eher umgekehrt. Ich Schwenk hier mal von der VWL zur BWL um, weil sie meines Erachtens auch auf Volkswirtschftlicher Ebene dominanter ist.

Die BWL hat mit dem Homoökonomikus und dem Marktmodell zwei äusserst klar definierte Konzepte, die aber sofort an der Komplexität und der Unschärfe der Wirklichkeit zerschellen. Die Probleme, die wir heute haben entstehen m. E. Dadurch, dass die Modelle trotzdem angewandt werden.

RE: Will die Linke den Kapitalismus abschaffen? | 19.08.2017 | 14:58

Ich denke, wir sind da eigentlich einer Meinung.

Bei Kern und Luhmann ist die Systemüberwindung zwar nicht mitgedacht, kann aber natürlich in ihrem Sinne daran angedockt werden.

Natürlich können Revolutionen auch reaktionär sein, sind dann aber für mich per Definition keine linken Revolutionen.

Das ist meiner Ansicht nach eine Frage wär oder was als Linke zählt. Ich bevorzuge aus Theoriegründen eine eher weite Definitionen, die für mich auch Anti-AKW-Bewegung einschliesst. Das muss man natürlich nicht so sehen, ich sehe da jetzt aber keinen gravierenden Unterschied, ob Linker- oder Ökoprotest den Atomausstieg vorangetrieben hat.

Das Einlenken von Merkel ist selbstverständlich geschickt. Ist aber keine systemtheoretische, sondern eine Akteurstheoretische Erklärung.