Philipp Adamik

Philipp Adamik war wissenschaftlicher Assistent am soziologischen Seminar der Universität Basel. Er ist Herausgeber des Blogs digitalrealism
Philipp Adamik
RE: Will die Linke den Kapitalismus abschaffen? | 19.08.2017 | 20:42

Ich würde sagen, dass beim Austieg aus dem Austieg aus dem Atomausstieg zwei Faktoren gewirkt haben. 1. Der Fukushima Shock, der auch Merkel und ko getroffen haben. 2. Der ausserparlamentarische Protest. Beides hängt dabei natürlich zusammen. In Gänze können wir das hier aber wohl nicht klären.

Mit Luhmanns lässt sich vieles Erklären. Mein Argument gegen Luhmanns ist nicht, dass seine Theorie einen eingeschränkten Anwendungsbereich hat, den hat sie nicht nur, sondern dieser ist für Luhmann elementar (Siehe dazu auch den Kommentar von w.endemann). Leider neigt Luhmann bei all seiner Brilianz häufig zum Posen, weshalb es schwierig hinter seinem Gerede von seiner universellen Supertheorie zu erkennen, dass seine Theorie nur universell ist, wenn sein limitiertes und nicht sein universelleres Verständnis von Universalität angewandt wird.

Mein Argument gegen Luhmann ist, dass sich alle Aspekte Luhmanns deutlich einfacher mit dem Komplexitätskonzept beschreiben lassen. In Soziale Systeme sagt er, dass es sich bei dem Konzept der Interpenetration um die Verbindung von zwei Systemen handelt. Komplexitätstheoretisch ist damit alles notwendige gesagt und man kann sich daran machen diese Verbindung empirisch zu Beschreiben (z. B. Dieselskandal). In seiner Differenz/Systemtheorie lässt sich das aber so nicht sagen, weshalb er dass überkomplexe Konzept der Interpenetration einführt.

Hmm, theoretisch lässt sich dieser Mechanismus bestimmt bis zur Systemüberwindung weiterdenken. Als empirisches Beispiel fällt mir allerdings nur die Einführung des Frauwahlrechts in der Schweiz ein. Das Schweizer stimmberechtigte Patriachat hat sich demokratisch dazu entschieden seine politische Macht mit den Frauen zu teilen, ohne dass die Frauen selbst stimmberechtigt waren.

Soviel Einsicht seh ich bei unseren Politikern aber derzeit nur sehr selten. Also, vielleicht schon, ich würd aber nicht meine Hoffnung darauf setzen.

RE: Will die Linke den Kapitalismus abschaffen? | 19.08.2017 | 18:04

Und ihre Erweiterung meiner Darstellung ebenso. Eine Frage habe ich dazu. Sie benutzen da das Konzept der unbestimmten Komplexität. Haben sie sich dieses aus der mehr oder weniger verborgenen nicht-systemtheoretischen Komplexitätstheorie Luhmanns selber rekonstruiert, oder können Sie mir dazu eine konkrete Textstelle nennen?

RE: Will die Linke den Kapitalismus abschaffen? | 19.08.2017 | 15:09

Ich sehe das Problem eher umgekehrt. Ich Schwenk hier mal von der VWL zur BWL um, weil sie meines Erachtens auch auf Volkswirtschftlicher Ebene dominanter ist.

Die BWL hat mit dem Homoökonomikus und dem Marktmodell zwei äusserst klar definierte Konzepte, die aber sofort an der Komplexität und der Unschärfe der Wirklichkeit zerschellen. Die Probleme, die wir heute haben entstehen m. E. Dadurch, dass die Modelle trotzdem angewandt werden.

RE: Will die Linke den Kapitalismus abschaffen? | 19.08.2017 | 14:58

Ich denke, wir sind da eigentlich einer Meinung.

Bei Kern und Luhmann ist die Systemüberwindung zwar nicht mitgedacht, kann aber natürlich in ihrem Sinne daran angedockt werden.

Natürlich können Revolutionen auch reaktionär sein, sind dann aber für mich per Definition keine linken Revolutionen.

Das ist meiner Ansicht nach eine Frage wär oder was als Linke zählt. Ich bevorzuge aus Theoriegründen eine eher weite Definitionen, die für mich auch Anti-AKW-Bewegung einschliesst. Das muss man natürlich nicht so sehen, ich sehe da jetzt aber keinen gravierenden Unterschied, ob Linker- oder Ökoprotest den Atomausstieg vorangetrieben hat.

Das Einlenken von Merkel ist selbstverständlich geschickt. Ist aber keine systemtheoretische, sondern eine Akteurstheoretische Erklärung.

RE: Will die Linke den Kapitalismus abschaffen? | 18.08.2017 | 22:39

"Bei p (Wirtschaft = Geld) beginnt es doch bereits unscharf zu werden." An dieser Stelle machen Sie meiner Ansicht nach den gleichen Fehler, wie Lessenich in seiner Kritik an Nassehi. Einer Theorie, die auf mehr Unschärfe zielt, vorzuwerfen, dass sie auch unscharf ist, ist genauso sinnvoll, wie sich unter eine Dusche zu stellen und sich dann zu beschweren, dass die Dusche einen auch nass gemacht hat. Nämlich gar nicht. Das Ziel der Unschärfe lässt sich aber freilich kritisieren.

RE: Will die Linke den Kapitalismus abschaffen? | 18.08.2017 | 22:20

Ich würde nicht so pauschal urteilen, dass man Nassehi wegen meinen Artikel nicht mehr lesen müsse, aber im Kern haben sie da schon recht. Viele Aspekte bei Nassehi sind unterkomplex, aber einige interessantere Aspekte bei Nassehi habe ich hier aus Gründen ausgeblendet.

Ihre systemtheoretische Argumentation findet sich u. a. ausführlich bei T. Kern "Soziale Bewegungen", oder eben auch in dem zitierten Luhmann Interview. Diese ist nicht falsch, reduziert die Linke aber quasi auf eine Form der ausserparlamentarischen Opposition, wie wir es z. B. beim 2. Atomausstieg nach Fukushima erlebt haben. Eine solche Linke ist natürlich nützlich für das System, aber ist eine solche Linke auch Links im Sinne von revolutionär? Ich glaube nicht.

RE: Will die Linke den Kapitalismus abschaffen? | 18.08.2017 | 18:56

Die Unschärfe Relation ist deutlich mehr als eine Analogie. Als Slogan benutze ich gerne: "Die Soziologie muss von der Unschärfe der Physik lernen" und hat, z. B. Bei Latour, White und Castells (unterschiedliche Netzwerktheorien) bereits von ihnen gelernt. Leider wird es dort häufig nicht sonderlich transparent gemacht. Der Vergleich zwischen luhmannscher Systemtheorie und u. a. Diesen Netzwerktheorien lohnt sich meiner Ansicht nach besonders wegen ihrer unterschiedlicher Zielsetzung. Um eine Anologie aus der Mathematik/Informatik zu bemühen, die luhmansche Systemtheorie ist p die Netzwerktheorien sind np. Die Frage ist dann, wann können wir uns mit p (Wirtschaft = Geld) begnügen und wann müssen wir np anwenden und zum Beispiel die Verpflechtungen zwischen Wirtschaft und Politik untersuchen. Bei Wahlen funktioniert Luhmanns z. B. noch recht gut, beim Dieselskandal versagt er aber. Die Frage ist dabei für mich von höchster forschungslogischer Relevanz. Reicht eine relativ Zeit und kostengünstige theoretische Reflexion, oder muss es eine mehrjährige, mehrere Millionen teure empirische Forschung sein? Klar, die empirische Forschung kann immer die besseren, detaillierten Beschreibungen liefern, aber ob sich der Einsatz wirklich gelohnt hat, weiss, kann ich erst mit Sicherheit nach der Forschung sagen. Hier vorab bessere theoretische Abschätzungen liefern zu können, dass ist für mich der Vorteil dieses Vergleichs. Zwangsläufig muss ein solche Abschätzung mit Unschärfen arbeiten.

RE: Vormarsch der Rechten | 25.05.2016 | 14:42

Zugegeben, der Artikel ist tatsächlich ein Beispiel für schlechten linken Journalismus ala TAZ, aber die nicht vorhandene Lesefähigkeit der hier vertretenen rechten Kommentatoren zeigt, das ihnen Sprachvermögen zur eigenen Meinungsbildung fehlt. "Die Hälfte der Österreicher hat spätestens nach diesem Sonntag ihren Anteil daran." Heißt nicht das 50% der Österreicher Nazis sind, sondern nur, dass 50% einen Nazi gewählt haben.

RE: DIEM25: "Transparenz in Europa Jetzt!" | 23.03.2016 | 12:29

Nichts. Das war auch nicht so gemeint, bloß schlecht formuliert. Aber es gibt dort eben auch diese Leute, die diesen von den Medien erzeugten Bild folgen.

RE: DIEM25: "Transparenz in Europa Jetzt!" | 23.03.2016 | 11:46

Danke. Das ist mir in der Community bereits aufgefallen. Es gibt dort zwar so ein paar Ja-Sager, die den Popstar Yanis einfach folgen, aber die meisten haben durchaus ihre eigene Meinung.