Eine letzte Depesche aus der Postmoderne

Depesche III Episode VI: Welcome to Neuland
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Nach der Depesche I und der Depesche II wird euer Monitor zur Depesche III erleuchtet.

Eine Depesche aus der Postmoderne III

Euer Monitor wird hell. Vor euch erschienen die Seiten des Freitags. Ihr blättertet euch durch den bezahlten Journalismus und landet schließlich in der Community. Dort erwartete ihr bereits diese seltsame Überschrift.

Eine Depesche aus der Postmoderne

Episode VI: Welcome to Neuland

Paul rutschte unweigerlich dem Rotor am Grund der Fallgrube entgegen. Er sah wie vor ihm die Körper des Publikums vom Rotor ergriffen und durch die Luft über den Rand der Grube geschleudert wurden. Dort landeten sie in Fleischaufbewahrungsbehältern, in denen sie bis zum nächsten Produktionsschritt aufbewahrt wurden. Um den Schlund der Grube herum nahm Paul ein bläulichen Äther wahr. Eine Frau schrie hinter ihm seinen Namen: „Paul!“ Dann wurde sein Körper durch die Luft zu den Behältern geschleudert und sein Äther wurde in den Schlund gesogen.

Michael, der heimliche Kommandant jenes rebelliösen Clubs genannt Ches Erben, stand in Mitten der Rebellenschar. „Hah, Hah, Paul hat es also mal wieder geschafft. Auf die Veteranen ist halt immer noch Verlass. Wo ist er überhaupt? Hast du ihn gesehen, Simon?“

„No, I am awfully sorry“, sagte Simon, der britische Austauschrebell.

Holger, das Nesthäkchen und Faktotum der Gruppe hickste, als er sich aufgeregt zu Wort meldete.

„Ich hab [Hicks] gesehen. Er stürzte in die Grube und dann, [Hicks] darauf, sah ich seinen Körper durch die Luft fliegen. Ich glaube, [Hicks] hat es nicht geschafft.“

„Los, sagte Michael, wir schauen nach. Zumindest müssen wir seinen Körper finden.“

Paul öffnete die Augen. Er raste mit sehr großer Geschwindigkeit durch eine dunkle Röhre. Um sich herum sah er grüne Lichter, die mit einer ebenso großen Geschwindigkeit seinen Flug begleiteten. Er sah an dem herunter, was er zunächst für seinen Körper hielt. Er war durchsichtiger, als er es gewohnt war. Seine Kleidung war ebenfalls verändert. Er trug zwar immer noch ein beiges Kordjackett und eine blauen Jeans, allerdings waren diese von deutlich besseren Qualität. Er erinnerte sich, dass er dieses Jackett verkauft hatte, als er seinen Job verlor und die Jeans landete bereits vor Monaten in der Altkleidersammlung. Paul blickte sich wieder um. Jetzt erkannte er in den grünen Lichtern Zeichen; japanische, chinesische, hebräische, arabische und westliche Zahlen und Zeichen.

Inzwischen war unser rebelliöser Club an den Fleischkontainern angekommen und sah, wie mehrere große Bagger das menschliche Verwurstungsmaterial auf LKWs luden. Das Ganze wurde von mehreren als Nazis getarnten Reptoiden bewacht.

Paul schaute wieder nach vorne. Der Flugkorrdior musste eine Kurve gemacht haben, denn mit rasender Langsamkeit erschien vor Paul eine grüne Wand, die aus rechteckigen puliserenden Feldern und Linien bestand. Dann erreichte er die Wand. Er spürte, wie ein Teil seines Körpers schlagartig verlangsamt wurde während er in den pulsierenden Feldern und Linien hängen blieb. Ein Großteil von ihm raste aber mit nahezu unverminderter Geschwindigkeit weiter. Dann spürte er ein Zerren an seinen Gliedmaßen und wurde, wie ein Springer an einem Bungeeseil, zurück zur Wand geworfen. Wieder durchschlug er die Wand. Diesmal blieb mehr von ihm in der Wand hängen und, bereits deutlich verlangsamt, wurde er wieder er zurückgeworfen. Einige Schwingungen später befand er sich schließlich in einem langen grünen Korridor.

Seine Sinne hatte sich gerade auf die langsamere Wahrnehmung umgestellt, als es vor ihm kurz aufflackerte. Eine junge Frau virtualisierte sich vor ihm. Sie schien schneller gefasst zu sein als er, denn sie fragte sofort: „Alles in Ordnung?“

„Ja, ich glaub schon. Soweit in diesem Space mit einem alles in Ordnung sein kann. Wo sind wir hier?“

„Irgendwo im Internet. Wahrscheinlich auf einer Serverfarm von Google oder Amazon irgendwo in Norwegen.“

„Bitte? Wie soll das funktionieren?“

„Immer diese Papierintellektuellen!“

Die junge Frau zog ein Smartphone aus ihrer militärisch wirkenden Hose. „Hier schau dir dieses Video an.“

Millisekunden später.

„Wow, dass war schnell.“

„Klar, du existiert ja nur noch als dein digitaler Avatar. Datenpakte können jetzt schnell und verlustfrei in deinen Speicher kopiert werden. Willkommen im Cyberspace, junger Paul Himmelsstürmer! I am your guide!“

Der unglaubliche Hank war des Diskutierens über die richtige Strategie für den Angriff überdrüssig und rannte los. Der Rest des rebelliösen Clubs folgte ihm.

„Woher kennst du meinen Namen?“, fragte Paul.

„Ich weiß, dass du mich nicht erkennst. Aber wir waren vor Jahren mal zusammen. Ich bin Charlotté.“

„Das ist unmöglich, Charlotté sah vollkommen anders aus.“

„Schau genau hin. Du siehst nur meinen Avatar. Blick durch das, was ich mit Photoshop verändert habe.“

„Jetzt sehe ich es. Mein Gott, aber was machst du hier?“

„Dich retten, du Idiot! Was sonst?! Und jetzt komm. Wir haben keine Zeit für lange Erklärungen. Wenn dein Körper zu lange ohne deinen Avatar auskommen muss, versagt dein biologischer Speicher. Hast du ein Smartphone dabei?“

„Nein, wieso?“

„Mensch, hast du es immer noch nicht kapiert? Von uns existieren nur die Datenpakte, die wir als Avatare, Artikel, Bilder, Kommentare usw. im Internet hinterlassen haben. Nur darauf hast du Zugriff. Auf alles, was in elektrischer und chemischer Form in unseren Gehirnen gespeichert ist, hast du keinen Zugriff. Gleichzeitig wird unsere Umgebung durch die materiellen und virtuellen Komponenten des Internets, Kabel, Speicher, Router, Funk- und Satellitenverbindungen und dem kollektivem Gedächtnis der User gebildet. Mit unseren Smartphones können wir unsere Avatare wie jedes andere Datenpaket verschicken, duplizieren und natürlich auch löschen. Wir könne sogar theoretisch dirket mit den Usern kommunizieren. Jetzt kapiert?“

„Nein, aber wenn es funktioniert. Halt, warum nur theoretisch mit den Usern kommunizieren?“

„Wir brauchen noch einen User, der die Pakete öffnet. Die sicherste Methode dafür ist eine Mail an den User mit einem Bild unseres Avatars und und einer Liste von Links oder einem Link zu einem Blog zu schicken. Der öffnet dann die Mail und wir können über unseren Avatar mit ihm kommunizieren.“

„Ok, ich glaube so langsam verstehe ich es. Wir sind im Netz und wir können auf alle Funktionen des Internets zugreifen, als wären wir gewöhnliche User, die mit ihrem Smartphones im Internet surfen.“

„So in etwa. Gleichzeitig könnten wir natürlich noch fremde Inhalte auf die gleiche Weise in unseren Datensatz integrieren. Dumm nur, dass du kein Handy dabei hast.“

„Ja, eigentlich hatte ich es immer in meiner rechten Hosentasche, aber seit dem ich kein Geld mehr verdiene, konnte ich es mir nicht mehr leisten.“

Enttäuscht griff Paul in seine rechte Hosentasche. Seine Hand spürte einen in etwa Zigarettenschachtel großen kühlen Gegenstand. An dem Tag, an dem sein Foto für seinen Avatar aufgenommen wurde, hatte er sein Smartphone dabei, logisch, dass es jetzt in seiner Tasche seien musste. Er zog es also hervor, klappte die Tastatur aus, grinste und sagte: „Ok, wo soll es hin gehen?“

Der unglaubliche Hank hatte den ersten Reptoiden erreicht. Mit einem ungezielten Schlag erwischte er ihn und schleuderte ihn fünf Meter durch die Luft. Einen normalen Menschen hätte dieser Schlag zumindest kampfunfähig gemacht, aber Reptoiden waren sehr zäh und stark, weshalb dieses Exemplar unverzüglich wieder aufstand. Zwanzig weitere Reptoiden stürmten auf unsere kleine Heldenschar zu.

Hierhin“, sagte Charlotté und zeigte ihm einen Artikel in der Community des Freitags. „Dieser Autor ist dafür zuständig die realen Ereignisse zu kommentieren. Und auch wenn er in der Geschichte sehr viel mit popkulturellen Metaphern arbeitet, bildet er doch die Realität ab. Wir müssen zunächst dafür sorgen das in der Geschichte dein Körper gefunden wird. Dafür müssen wir uns in den Account des Autoren hacken und die Geschichte dementsprechend umschreiben.“

„Klingt einfach.“

„Ist es aber nicht. Du lebst nur solange in der Geschichte weiter, wie sie auch gelesen wird. Und das sieht nicht gut aus. Der Autor hat die LeserInnen mit unseren langen Vortrag über die Funktionsweise des Internets gelangweilt und die Geschichte ist wegen Desinteresses irgendwo in den Servern des Freitags verschollen. Hier schau, dass ist die Aufrufstatistik des Artikels. Gerade lesen nur fünf LeserInnen die Geschichte. Die Kommentar und Social Media Likes sind auch recht gering. Wir müssen irgendwie das Interesse der LeserInnen wieder wecken.“

„Ok, wir haben also Zugang zu jedem Winkel des Internets, oder?“

„Ja, solange er öffentlich zugänglich ist oder wir am Passwortschutz vorbeikommen.“

„Gut, dann folge mir.“

Paul gab auf seinem Handy eine URL ein und zeigte sie Charlotté. Sie tippte sie ab und beide drückten gleichzeitig auf Eingabe. Ihre Avatare wurden beschleunigt und durch die Kabel des Internets in den Arbeitsspeicher eines Rechners befördert. Sie standen in einem weißen Raum. Hinter ihnen sahen sie die Datenströme des Internets durch eine Art Glaswand. Vor Ihnen saß eine freundliche alte Frau hinter einem Schreibtisch.

„Ausweisnummer und Passwort bitte!“

Paul sagte: „B 25768956 und Babel“

„Besten Dank. Sind sie jetzt angemeldet.“

Neben der Frau öffnete sich die Wand und gab den Blick auf die Bibliothek frei. Paul und Charlotté betraten sie.

Sie gingen schon eine ganze Weile an den riesigen Regalen der Bibliothek vorbei. Dann fragte Charlotté: „Wo nach suchen wir hier eigentlich?“

Nach Ideen um die Geschichte interessanter zu gestalten, wonach sonst? Wir müssen schließlich die Leser bei der Stange halten. Ah, hier ist es. Ein Ratgeber zum kreativen Schreiben. Hier steht: Leser lassen sich häufig durch eine Mischung aus Romantik und Aktion begeistern. Alles klar. Du musst mich jetzt küssen.“

„Bitte!? Du hast sie wohl nicht mehr alle. Du weißt wohl nicht mehr wie Du dich nach unserer Beziehung verhalten hast. Der Typ aus High Fidelity war ein Weisenknabe gegen dich. Ich wäre nicht hier, wenn es nicht mein Auftrag wäre.“

„Entschuldige. Es tut mir leid, was damals geschehen ist, aber wenn du mich retten willst, oder sollst, dann ist dies die beste Möglichkeit.“

Widerwillig stimmte sie zu.

Irgendwie gefällt dir dieser Teil der Depeschen nicht. Der erste war ja noch witzig und hatte mit den Berliner Monatgsdemonstrationen einen aktuellen politischen Bezug. Der zweite gefiel Dir auch schon deutlich schlechter. Aber zweite Teile einer Trilogie waren immer schwierig. Die Handlung musste voran getrieben werden, das Ende schon irgendwie ersichtlich, aber immer noch weit entfernt sein. Du hattest auf ein fulminantes Finale im letzten Teil gehofft, stattdessen wurdest Du bislang mit zahlreichen technischen Details gelangweilt. Ok es ist ganz nett, wie es dem Autor gelingt die fantastische Erzählebene mit den realen technischen und biologischen Grundlagen des Lesens im Internet zu kombinieren, aber für das Lesen während einer Zugfahrt mit eingeschränkten Handyempfang sind in dem Text auch einfach zu viele Links. Und auch wenn sie den Erzählhorizont über die eigentliche Handlung hinaus heben, ist es doch eher anstrengend als unterhaltsam. Du überfliegst nur noch die Geschichte, als deine Aufmerksamkeit an folgendem Satz hängenbleibt.

„Bevor du da raus gehst, möchte ich dir noch etwas sagen.“

Paul drehte sich zu Charlotté um.

„Was ist? Die Zeit läuft uns davon.“

„Ja, aber du könnest dort sterben und ich möchte, dass du dann etwas weißt. Ich liebe dich noch immer! Ich habe in all den Jahren nicht aufgehört dich zu lieben.“

„Ich weiß!“

„Du Idiot!“ Charlotté schlang ihre Arme um Paul und küsste ihn. „Und jetzt geh raus und mach sie fertig!“

Während die aufmerksamen LeserInnen noch ein Gespür dafür haben, was soeben geschehen ist, haben die unaufmerksamen jetzt vollständig den Anschluss verloren. Für diese werden die Geschehnisse der letzten Zeilen an dieser Stelle kurz zusammen gefasst.

Nachdem Paul und Charlotté sich über spannende Ausgänge von Geschichte informiert hatten, hackte sich Charlotte, die für den britischen GCHQ illegal das Internet überwachte, in den Account des Autoren. Paul begann dann das Ende der Geschichte umzuschreiben. Er beschrieb eine spannende Schlacht zwischen den Erben Ches und den Reptoiden, die nur durch einen plötzlichen Anflug von Tatendrang gewonnen werden konnte. Selim hatte die Ereignisse und die fast sichere Niederlage der Erben Ches im Fernsehen verfolgt und beschlossen, dass er etwas unternehmen musste. Er kaperte also eines der Chemtrail-Flugzeuge und schaltete die kälteempfindlichen Reptoiden durch einen Schneesturm Mitten im Juni aus. Charlotte gelang es derweil eine Mail an den britischen Austauschrebellen Simon zu schicken und ihm die Einzelheiten des Plans zur Rettung Pauls zu übermitteln. Dieser sah vor, dass die Erben Ches sich zu einem nahegelegen Krankenhaus durchschlagen, einen OP kapern und auf Charlottes Signal warten sollten, bis sie Paul, mit Hilfe eines Defibrillators, wieder zum Leben erwecken sollten. Während also die Erben Ches im OP warteten mussten sich Paul und Charlotté im Internet zu einem Modul durchschlagen mit dessen Hilfe Datenpakte durch gewöhnliche Stromleitung und damit bis in die Kontaktflächen des Defibrillators geleitet werden konnten. Nach einigen weiteren Aufenthalten, unter anderem in dem Hauptquartier des GCHQs, in dem Charlottes Körper während ihres Einsatzes im Netz regungslos am Schreibtisch saß, standen sie endlich an den virtuellen Pforten eines Versuchlabors für die Entwicklung dieser Technologie. Die Tür, vor der sie beide standen bildete dabei die Grenze zwischen der traditionellen und der modernen Netzinfrastruktur. Hinter dieser Tür hatte sich eine Rotte von Elses Agenten versammelt, die nur darauf warteten Paul in virtuelle Stücke zu reißen. Charlotté konnte Paul auf diesme Weg nicht begleiten. Im Hauptquartier des GCHQs war alles auf die Rückkehr ihres Avatars in ihren Körper vorbereitet. Und auch wenn sie es geschafft hätte Paul bis zur Schnittstelle zu begleiten, so hätte sie den Weg an Elses Rotte vorbei noch ein zweites mal schaffen müssen. Diesen Weg musste Paul also alleine gehen.

Paul spürte noch die angnehme Feuchte des Kusses auf seinen Lippen. Tausend Dinge fielen ihm ein, die er jetzt zu Charlotté sagen wollte, aber aus seinem Mund kam nur: „Wir sehen uns auf der anderen Seite.“

Ende

http://i.creativecommons.org/l/by-nc-nd/4.0/88x31.pngPhilipp Adamik 2014

P. S. Über den Autor Philipp Adamik existiert übrigens im Darknet eine Verschwörungstheorie. Nach dieser arbeitet er als der Top-Secret Headhunter für den Landtag NRW. Im Rahmen seiner streng geheimen Tätigkeit soll er, als politischer Aktivist getarnt, eine Bewerberin auf den Ministerpräsidentinnen Posten in Hinblick auf ihre Belastungs- und Kommunikationsfähigkeit getestet haben. Philipp Adamik streitet dies vehement ab, aber möchte dem Landtag NRW zwei Dinge mitteilen:

1. Eigne sich die Bewerberin nicht für den Posten der Ministerpräsidentin!

2. Falls die Stelle als Top Secret Headhunters noch vakant sei, er würde sie annehmen.

Der Erzähler

P. P. S. Diese Vorgänge sind frei erfunden und stehen in keinem Bezug zum digitalen Realismus!

11:27 13.06.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Philipp Adamik

Philipp Adamik war wissenschaftlicher Assistent am soziologischen Seminar der Universität Basel. Er ist Herausgeber des Blogs digitalrealism
Philipp Adamik

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