Philipp Adamik
16.12.2013 | 16:24 33

Empört euch, weil es sich lohnt!

Soziale Proteste Die Wirksamkeit des Protestierens wird immer angezweifelt. Zu unrecht. In Wirklichkeit ist seine Wirksamkeit sehr hoch

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Philipp Adamik

Empört euch, weil es sich lohnt!

Foto: Sean Gallup/ AFP/ Getty Images

Politische Aktivisten werden während Demonstrationen immer wieder mit dem Vorwurf konfrontiert, dass ihre Proteste und ihre Empörung zwecklos sind. Parolen wie „Geht lieber Arbeiten“ oder „mal schön Essen“ skandiert von dem allgegenwärtigen „das bringt doch nichts“ werden ihnen entgegen geworfen. Diese Vorwürfe machen den Protestierenden das Leben schwer und können weiteren Aktivismus verhindern. Aber sind diese Vorwürfe überhaupt berechtigt?

http://digitalrealism.wordpress.com/wp-includes/js/tinymce/plugins/wordpress/img/trans.gifEs ist zwar in der Tat schwierig die Wirksamkeit politischer Proteste zu messen. Denn in der Regel findet politischer Protest in einem gesellschaftlichen Themenspektrum statt, in dem auch andere Akteure, politische Parteien, Nicht Regierungsorganisationen (NGOs), Unternehmen, Verwaltung, Medien und natürlich der Bürger als Individuum um nur einige zu nennen, tätig sind. Die Wirksamkeit oder den Einfluss des jeweiligen Akteurs aus dem politischen Gesamtergebnis, dass in vielen Fällen einen Kompromiss aus den unterschiedlichen Meinungen und Interessen der Akteure darstellt, herauszufiltern, ist dann eigentlich nur in Form einer teuren wissenschaftlichen Begleitforschung möglich. Aus diesem Grund scheint die Frage der Wirksamkeit politischer Proteste auch kaum wissenschaftlich bearbeitet zu werden. Als eher desinformierend zu bewerten ist da zum Beispiel der Versuch von Thomas Kern, der durch seine systematische Verwechslung der Beschreibung moderner Gesellschaften durch die Systemtheorie Niklas Luhmann mit der empirischen Wirklichkeit die Wirksamkeit sozialer Bewegungen auf das Aufzeigen neuer Problembereiche und die Anregung der „Auseinandersetzung mit bestimmten Probleme“ reduziert. Mit Sicherheit spielt diese Form der Wirksamkeit eine Rolle. Beispiele hierfür sind der Ausstieg aus dem Ausstieg aus dem Atomausstieg unter Angela Merkel, oder die Anbiederung Sigmar Gabriels an den Protest von Literaten gegen die Massenüberwachung, der sich auch gegen die Politik der Vorratsdatenspeicherung seiner Partei richtet. Eine Reduktion sozialer Proteste als eine zusätzliche Informationsquelle und gesellschaftliches Frühwarnsystem für die gesellschaftlichen Teilsystem wird ihrer Macht und ihren Einfluss aber bei weitem nicht gerecht.

Das Anfang des Jahres vom Göttinger Institut für Demokratieforschung herausgegeben Buch Die neue Macht der Bürger zeigt dies deutlich. Zahlreiche Beispiele illustrieren dort den Erfolg sozialer Bewegungen in Deutschland. Zum Beispiel der Protest gegen Stuttgart 21. Zwar konnten die Proteste den Neubau des Bahnhofs nicht verhindern, aber sie konnten die CDU Landesregierung zu einem Schlichtungsverfahren und die neu gewählte Grüne Landesregierung zu einem Volksentscheid bewegen. Diese politischen Ereignisse sind mit Sicherheit als Erfolge den Protestierenden zuzuschreiben, auch wenn der Volksentscheid den Neubau des Bahnhofs nicht verhindern konnte. Aber das Ende einer über 50jährigen CDU Dauerregierung deutet auf eine noch höhere Wirksamkeit hin, als es die bloße Verhinderung des Bauprojekts getan hätte. Es existieren aber auch Beispiele bei denen Bewegungen ihre eigentlichen Ziele erreicht haben. So gelang es den Protestierenden gegen die dritte Startbahn des Münchener Flughafens durch ein Bürgerbegehren die Stadt München als Anteilseignerin der Flughafenbetreibergesellschaft dazu zu zwingen gegen den Bau zu stimmen.

Aber auch wenn die großen politischen Erfolge ausbleiben, zeigen politische Protestbewegungen eine innere Wirksamkeit, die nicht zu unterschätzen ist. So gaben die Teilnehmer an den Camps der Occupy-Bewegung an, dass „die gesammelten Erfahrungen auf sie eine enorme Sinnstiftende Wirkung hatten“.

In diese Richtung können auch kleinere Protestbewegungen wie #StopWatchingUS Köln, deren Teilnehmer sich gegen die zunehmende Massenüberwachnung einsetzen, wirken. Sie erzeugen aber auch eine mediale und öffentliche Aufmerksamkeit, die finanzstarken und gut organisierten Aktionen wie der Petition der „Writers Against Mass Surveillance“ als Nährboden dienen.

Sozialer Protest lohnt sich also auch in den Fällen, in denen der direkte große politische Erfolg ausbleibt. Der persönliche Gewinn für die Aktivisten ist immer sehr groß und sollte bei der Entscheidung sich kollektiv politisch zu engagieren immer mit bedacht werden. In diesem Sinne lohnt sich es immer die eigenen politischen Überzeugung kollektiv zu artikulieren.

Philipp Adamik 2013

Diesen Artikel erschien auch um einen idealtypischen Verlauf politisch erfolgreichen Protests und einer Tabelle über die Mechanismen des Einflusses von sozialen Bewegungen erweitert hier auf meinem Blog.

Literatur:

Kern, Thomas (2008): Soziale Bewegungen. Ursachen, Wirkungen, Mechanismen. 1. Aufl. Wiesbaden: VS, Verl. für Sozialwiss. (Lehrbuch).

Walter, Franz; Marg, Stine; et. al. (Hg.) (2013): Die neue Macht der Bürger. Was motiviert die Protestbewegungen?; BP-Gesellschaftsstudie. Sonderausg. für die Bundeszentrale für Politische Bildung. Bonn: BpB (Schriftenreihe / Bundeszentrale für Politische Bildung, 1332).

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (33)

GEBE 17.12.2013 | 14:20

„Es ist zwar in der Tat schwierig die Wirksamkeit politischer Proteste zu messen.“

Ist es denn nicht so, daß politischer Protest tatsächlich meßbar zur Folge hat, daß sich das Empörungspotential mit der Zeit relativiert und daß die Gegenstände, gegen die sich Protest richtet mit der Zeit als alltägliche Gegebenheiten Integration erfahren? Als Beleg dafür verweise ich auf den Status quo der entsolidarisierten Gesellschaft hin, mit all dem damit einhergegangenen Werteverfall durch Relativierung. Ich jedenfalls erlebe das als offenkundiges, soziokulturell ponderabiles Geschehen innerhalb der letzten vierzig Jahre, mit gleichsam exponentieller Steigerung.

Joachim Petrick 17.12.2013 | 17:54

"So gaben die Teilnehmer an den Camps der Occupy-Bewegung an, dass „die gesammelten Erfahrungen auf sie eine enorme Sinnstiftende Wirkung hatten“.

In diese Richtung können auch kleinere Protestbewegungen wie #StopWatchingUS Köln, deren Teilnehmer sich gegen die zunehmende Massenüberwachnung einsetzen, wirken"

Danke für die "EMPÖRT EUCH!" Ermutigung im Geiste Stephanè Hessels!

Angesichts der Bedeutung des Wechselsspiels von globalen rewgierungshandeln auf der lokalen Ebene, siehe "Finanzkrieg" "Flüchtlimngspolitik" (u. a. Lampedusa Flüchtlinge in Hamburg) der EU, des Bundes gegen Länder, Länder gegen Kommunen und umgekehrt, gewinnt der soziale Protest, vernetzt mit parteinah, parteifern sozialen Bewegungen, vor Ort an solidarisierende Bedeutung und Kampagnemacht.

in Hamburg sagt man "tschüss"
JP

Avatar
Ehemaliger Nutzer 17.12.2013 | 18:18

Utopie für Europa

Seit Marx gab es schon noch alternative Utopien.
Kohr und Schumacher haben darauf hingearbeitet.
Bereits Proudhon hatte Marx gewarnt und ihm - seine Perlen - vorgeworfen: Mit der Diktatur des Proletariats werde nur die herrschende Clique ausgewechselt. Die Geschichte hatte Proudhon bestätigt. Im real existierenden Sozialismus wurden alle Unternehmen gewaltsam zu einem Staatsmonopolkapitalunternehmen zusammengeschlossen und mehrere Staaten auch noch zentral gesteuert.
Bereits der Zusammenschluß mehrerer Staaten zu einem Interessensverbund macht Probleme, wenn diese Staaten sehr unterschiedlich groß sind; Elefanten und Mäuse können schlecht miteinander, selbst, wenn sie wollten. Daraus folgt, ein Bund sollte möglichst gleich große oder potente Partner-Innen haben. Mit größer werdenden Einheiten nimmt die Verwaltung überproportional zu, das hatte bereits Marx erkannt. Begriffen hat das bisher noch keine - politische - Sau.


Wenn Europa gelingen soll, muß es gesundschrumpfen in der Verwaltung, das heißt in der Politik.

GEBE 17.12.2013 | 19:10

„Ich denke die Gesellschaft nicht vom weltanschaulichen, kausalen Zusammenhang her, sondern vom Einzelnen.“

Ist bei Ihnen angekommen, ich hätte Ihnen das denn zugestellt? Man kann nur vom Einzelnen ausgehen. Alles andere zu denken ist vollkommen unfrei, weil determiniert.

„Darum ist in jedem Zusammenhang die Aktion jedes Einzelnen relevant.“

Ja, klar. Nur, was ist den mit „Aktion jedes Einzelnen“ gemeint? Etwa sich in Protestlitaneien zu ergehen?

Nee, mein Lieber, die einzige Möglichkeit etwas zu verändern – und zwar ganz lebenspraktisch zu verändern, wie es lebenspraktischer nichts gibt(!) – und dergestalt, daß es s o f o r t seine Wirkwirklichkeit entfaltet(!), ist, sich selbst, und zwar ohne Absehen auf irgendein Kollektiv und irgendeine Satzung, Tag für Tag zu positionieren und zu handeln. Nichts ist wirkwirklicher, als sich jeden Tag t ä t i g h a n d e l n d frei zu entscheiden, was man tut und was man läßt. Und es gibt an jedem Tag mindestens ein Dutzend Situationen, in denen man dieses als Veränderungen in die Lebenswirklichkeit überführen kann! – Noch geht das nämlich, aber nicht mehr lange, dann wird freies Denken als Subversivität geahndet werden und man wird Menschen „heilen“, die selbst denken!

Mir fällt da ein Aphorismus ein, dessen Autor ich gerade nicht erinnere, welcher ungefähr so lautet: „Wer draußen stehen bleibt und nur bellt, unterscheidet sich in nichts vom Establishment“.

GEBE 17.12.2013 | 19:31

Ja, ein sehr interessanter Zusammenhang! Protest betrachte ich in diesem Zusammenhang als eine systemrelevante Substituierung der Deklaration der Utopie Demokratie. Seit der Declaration of Indipendence erschöpft sich Mitmenschlichkeit als Ziel lediglich in Deklarationen, die per Bilderwelt und Slogans in die Köpfe eingeprägt werden. Man vergleiche dazu einmal u.a. die Kapitel „Propaganda“ in Schickelgrubers „Mein Kampf“ und den Zustand heutiger politischer Deklarationen, Resolutionen und Programme.

alalue 17.12.2013 | 20:29

Mich interessiert euer Artikel "Kommunikative Figuration ... Wandels."

Dazu bräuchte ich eine halbwegs genaue Definition verschiedener Begriffe: das alte Lied, so grob denkt man sich was, aber die Feinheiten sind wichtig.

Mediatisierung: Schlichtung eines Konflikts durch einen bestellten Dritten, lauf Wiki.

Ich bin auch englisch lesen nicht gewohnt, zu faul bisher.

Gibt es eine Möglichkeit, die spezielle soziologische Bedeutung, Ausrichtung dieser Begriffe in einer Liste, einem soziologischen Lexikon zu finden ?

Vor allem auch die englischen, sonst ist es so mühsam.

Danke.

Avatar
Ehemaliger Nutzer 17.12.2013 | 22:30

mediatisiert

1. (Geschichte) das Mediatisieren
2. (oft abwertend) die zunehmende Ausbreitung der [elektronischen] Medien in allen wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Bereichen

Me­di­a­ti­on, die

1. (Diplomatie) Vermittlung eines Staates in einem Streit zwischen anderen Mächten
2.
1. (bildungssprachlich) aussöhnende Vermittlung
2. (Fachsprache) [Technik zur Bewältigung von Konflikten durch] unparteiische Beratung, Vermittlung zwischen den Interessen verschiedener Personen

me­di­a­ti­sie­ren

1. (bildungssprachlich) in die Medien bringen, durch die Medien bekannt machen; den Gesetzen der Medien unterwerfen
2. (Geschichte) (bisher unmittelbar dem Reich unterstehende Herrschaften oder Besitzungen) der Landeshoheit unterwerfen

1. in die Medien bringen, durch die Medien bekannt machen; den Gesetzen der Medien unterwerfen
Gebrauch

bildungssprachlich
Beispiel
der Fußball wird immer stärker mediatisiert
2. (bisher unmittelbar dem Reich unterstehende Herrschaften oder Besitzungen) der Landeshoheit unterwerfen
Herkunft

zu französisch médiat, mediat

Gebrauch

Mediatisierung bezeichnet:

* in der Geschichtsschreibung die Aufhebung der Reichsunmittelbarkeit, siehe Mediatisierung
* „Mediatisierung des Individuums“, die Vertretung des Individuums durch den Staat im klassischen Völkerrecht (neuerdings wird dem Individuum eine Position als Völkerrechtssubjekt eingeräumt, siehe Individualbeschwerde)
* mit Bezug auf die Medien:
o die Vereinnahmung durch Medien oder die Ausnutzung der Medien, z. B. „Mediatisierung des Unterrichts“ oder „Mediatisierung der Politik“; synonym zu Medialisierung
o Mediatisierung kommunikativen Handelns, der Einfluss der Medien auf die Gesellschaft
o im Rahmen der Theorie des kommunikativen Handelns von Jürgen Habermas der Einfluss der „Medien“ Macht und Geld auf die Lebenswelt



Geschichte

Mediatisierung („Mittelbarmachung“) ist ein Begriff aus der Geschichte des Heiligen Römischen Reiches. Im Reich gab es Territorien, deren Herren nur den Kaiser als weltliche Autorität über sich hatten und somit reichsunmittelbar waren. Andere wiederum unterstanden einem in der Standesordnung höhergestellten Landesherrn. Mediatisierung hieß, dass ein zuvor reichsunmittelbares Gebiet mittelbar wurde, also einem Landesherrn unterstellt wurde.

_________________________________

* ich hab mal etwas geklickert; es gibt mehrere Bedeutungen.

Mit Konflikte schlichten hat das wenig zu tun; eher mit dem Unvermögen der Politiker "Das Volk draußen im Lande" und die soziologischen Zusammenhänge zu verstehen.

Nur darum machen die Zaster locker für Forschungsprogramme.

Avatar
Ehemaliger Nutzer 17.12.2013 | 23:30

Besitz und Eigentum

Worum geht es eigentlich bei öffentlichen Protesten?

Bürger-Innen beginnen sich zu fragen, welchen Sinn und Zweck eine staatliche Aktivität hat und kommen zu dem Schluß, daß sie schlecht informiert sind; sobald sie nachfragen bekommen sie ausweichende, abwiegelnde und vor allem UNGENÜGENDE Antworten. Nachfragen werden sogar als ANMASSEND bezeichnet.

In welchen Verhältnissen leben wir?

Ein Staat als juristische Person kann kein Eigentümer sein, er kann das Eigentum nur besitzen und für die Bürger-Innen treuhänderisch verwalten. In der Wirklichkeit erleben wir das aber anders.

Darum wird die Rolle des Staates über die Begrifflichkeit von Besitz und Eigentum zu führen sein.

Philipp Adamik 18.12.2013 | 12:26

Hallo Alalue,

ich freue mich über dein Interesse an dem Konzept der Mediatisierung. Ich arbeite gerade an einem wissenschaftlichen Aufsatz, der das Thema dieses Artikels wieder aufgreifen wird und mit dem analytischen Konzept der Mediatisierung arbeiten wird. Ich beziehe mich bei der Definition des Konzeptes hauptsächlich auf Hepp und Hasebrink, die in „Human interaction…“ (siehe Lit. ) das Konzept der Mediatisierung allgemein definieren. Allerdings ist der Begriff der Mediatisierung sehr allgemein, weshalb der Schwerpunkt bei Hepp und Hasebrink auf dem empirischen Begriff der Kommunikativen Figurationen (Kfs) liegt. Aber zurück zum Begriff der Mediatisierung. Zunächst eine englischsprachige Definition: „we can define mediatization as a concept to analyse critically the (long-term) interreleation between the change of media and communication, on the one hand, and the change of culture and society on the other“ (Hepp/Hasebrink 2013, S. 3f).

Hier meine Übersetzung* mit Kommentaren:

Mediatisierung ist ein Konzept um die (langzeit) Wechselbeziehungen, auch im Sinne von wechselnden sozialen Beziehungen unterschiedlicher Intensität, zwischen dem Medienkommunikativen Wandel (in Bezug auf technische Kommunikationsmedien wie Buch, Webseiten und organisatorischen Hintergrund wie Verlage und Onlineredaktionen von Zeitschriften, und dem Wandel von Kultur und Gesellschaft, verstanden im Sinne von parsanschen Handlungssystemen, auf der anderen Seite. Dieses Schaubild versucht dieses unter Einbezug weiterer Variablen darzustellen. *(Copyright: Adamik 2013)

Ich hoffe, dass hilft dir weiter. Ansonsten kann ich nur sagen, dass Heinz Beiträge zu dem Thema auch sehr nützlich sind.

Viele Grüße,

Philipp Adamik

Hepp, Andreas; Hasebrink, Uwe (2013): Human Interaction and Communcative Figurations. The Transformation of mediatized cultures and societies. Research Network "Communicative Figurations" (University of Bremen)