Morgen findet heute statt

Transmediale Das Berliner Transmediale-Festival schaut nach vorn: Ausstellung und assoziierte Musikveranstaltungen versammeln Positionen unter dem Motto "Futurity Now!"

Für Futurologen ist die Sache mit der Zukunft klar: Sie ist die Zeit, die erst auf die Gegenwart folgt und deswegen auch nicht einwandfrei vorhergesagt werden kann. Deutungsversuchen der Zukunft hängt daher meist ein spekulatorischer Zusatz an. Manch einer verdient damit sogar sein Geld, andere versuchen dem Rätselraten ein Schnippchen zu schlagen. Der Künstler Julian Oliver ist einer derjenigen, für die die Zukunft nicht unvorhersehbar sein muss. Ganz im Gegenteil, er hat eine klare Vorstellung davon, was uns künftig erwarten wird - zumindest was unsere visuelle Wahrnehmung betrifft.

Zusammen mit Clara Boj, Diego Diaz und Damian Stewart sieht Oliver die Werbung aus dem öffentlichen Raum verschwinden. Der Flaneur von morgen trägt eine Art Fernglas mit sich, das ihm einen anderen Blick auf das urbane Umfeld erlaubt: Das so genannte Artvertiser-Fernglas transformiert gewisse öffentliche Werbungen in visuelle Kunstwerke. Einfach aufgesetzt, sieht man so statt der stinküblichen Reklametafel auf einmal kurze Filmclips oder einfach die Aufschrift „Your art here“. Die Aussichten für Kunst im öffentlichen Raum sind also gut.

Ken Rinaldo, der der Web 2.0-Generation mit seinen Paparazzi Bots einen durchaus nüchternen Spiegel ihrer eigenen Identität vorhält, lässt Kritik am gläsernen Menschen aufkommen. Seine Roboter fotografieren alles und jeden, um die Fotos anschließend durch Internet, Presse und Social Medias kreisen zu lassen. Voyeurismus und Selbstdarstellung im Internet sehen ähnlich aus, Rinaldos elektronische Spielgefährten leisten hier ganze Arbeit. Befinden wir uns in der Gegenwart noch in einer Diskussion, in der es um Überwachungsstaat vs. Datenschutz geht, versprechen die Paparazzi Bots für die weitere Entwicklung nichts Gutes.

Auf diese und ähnliche Szenarien stößt man gerade im Berliner Haus der Kulturen der Welt, dem Hauptspielort des diesjährigen transmediale-Festivals. Wer durch die Ausstellung Future Obscura wandert, ahnt, wohin die Zukunftsforschung kommen will. Zukunft soll begreifbar werden, abseits von wagen Prognosen und kühnen Visionen. Es geht um klare Vorstellungen, die die Transmediale liefert.

Stephen Kovats, der künstlerische Leiter des Festivals, hat das Motto dazu ausgeschrieben: Futurity Now! Die Zukunft habe uns längst eingeholt, so Kovats, nun liege es an uns, sie zu bestimmen. Was er damit meint, zeigt das Programm: In Panels, Symposien und Performances wird versucht, die Zukunft schon heute zu denken und ihr eine Richtung zu geben. Das soll funktionieren durch das Verständnis der heutigen und vor allem der zukünftigen digitalen Phänomene. Medientechnologien seien Kulturtechniken, die man sich aneignen müsse, um die heutige Gesellschaft verstehen und kritisieren zu können, so Clemens Lerche von der Transmediale. Eine emphatische Aufforderung, der das Festival nachgeht. Emphatisch etwa bei der Kooperationsveranstaltung Club Transmediale, wo Musiker zeigen, welche Klangkörper und Soundcollagen neben dem gegenwärtigen New-hot-Shit-Hype gehört werden sollten.

Bis zur Transmediale 2010 hat sich die Camera Obscura behaupten können. Der Österreicher Gebhard Sengmüller stellt eine elektronische Variante aus, in der es wie im jahrhundertealten Vorgänger das Licht ist, das für die Darstellung des Bildes sorgt. Dass das heute auch anders gehen kann, zeigt Ryoji Ikeda. Dem Japaner gelingt ein kleines Kunststück: Er visualisiert all jene Datenströme, von denen wir heute – wenn auch unsichtbar – umgeben sind. Die Menge an Daten, die auf eine riesige, weiße Leinwand projiziert wird, zeugt von einer Zukunft, die bereits Gegenwart ist. Unser Leben ist von Datenflüssen abhängig, auf die wir als solche keinen Zugriff haben. Wer wissen will, wie viel Strahlung uns tagtäglich um die Ohren schwirrt, ist bei Ikedas fernsehähnlicher Installation am richtigen Ort.

Das Pendant zu Ikedas Installation findet sich ein Stockwerk tiefer. Žilvinas Kempinas, ein Litauer, der den Pavillon seines Heimatlandes auf der letztjährigen Biennale in Venedig bespielen durfte, setzt Videobänder in Szene. Dabei reduziert er die Verwendung des eigentlichen Videos aber auf ein Minimum, indem er die Kassette auseinandernimmt und das Videoband selbst ausstellt. Angetrieben von einem Ventilator fächern die Bänder in einem dunklen Raum grell vor sich hin. So entsteht eine bildschirmartige Fläche, die durch das Zusammenspiel der einzelnen Bänder wellenförmig schwingt. Das Speichermedium für Bilder wird selbst zum Bild. Das ist die Zukunft.


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17:00 05.02.2010
Geschrieben von

Philipp Brugner

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Ausgabe 37/2021

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