Das Wahngebilde Eurabien

Muslimfeindlichkeit Seit Jahren wächst in Europa die Furcht vor der Islamisierung Europas. "Eurabien" ist die Dystopie der Muslimhasser
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Eine bessere Werbung für seinen neues Buch hätte Houellebecq kaum bekommen können. Parallel zur Veröffentlichung seines neuen Buchs erschüttert ein brutaler islamistischer Terroranschlag Frankreich. Und zufälligerweise beschreibt Houellebecqs neuer Roman „Unterwerfung“ die Islamisierung Frankreichs in naher Zukunft. Diese nimmt ihren Anfang, dass die etablierten französischen Parteien aus Furcht vor dem erstarkenden Front National unter Marine le Pen gemeinsam einen Muslim ins Präsidentenamt hieven. Gestützt auf reiche Spenden aus den Golfstaaten setzt dieser ein umfassendes Islamisierungsprogramm in Gang. Ähnlich wie den Muslimbrüdern in Ägypten, gelingt es ihm, mit großzügigen Sozialprogrammen die Unterstützung oder zumindest stillschweigende Akzeptanz breiter Teile der unter den Folgen neoliberaler Strukturreformen leidenden französischen Bevölkerung zu erkaufen. Das ökonomisch, kulturell und politisch danieder liegende Frankreich ist weder Willens, noch in der Lage, sich der Islamisierung zu widersetzen. So ist denn auch weniger der Islam selbst, den Houellebecq hier kritisiert, sondern die Passivität und Identitätslosigkeit der Franzosen.

„Unterwerfung“ ist Houellebecqs eigenwillige Interpretation einer dystopischen Angstphantasie, die mit Begriff „Eurabien“ verbunden ist. Zugleich ist es seine Antwort auf die Frage, wie der gemeine, krisengeplagte Europäer auf die Krise des globalisierten Kapitalismus und der westlichen Welt reagieren soll – mit der Rückkehr zur (christlichen) Religion. Die Philosophie der Aufklärung lehnt Houllebecq in Interviews als rein destruktiv und sinnentleert ab, die Revitalisierung der Religion in Europa ist für ihn eine ausgemachte Sache.

Houellebecq weiß selbst, dass seine Dystopie reichlich unwahrscheinlich ist, dennoch dürfte das Buch einen Nerv treffen, denn die Furcht vor einer vermeintlichen Islamisierung des Abendlandes und das Unbehagen gegenüber wachsenden muslimischen Gemeinschaften ist in vielen Staaten Europas weit verbreitet. Sie äußert sich nicht nur darin, dass die Furcht vor Muslimen von rechtspopulistischen und -radikalen Gruppen in den vergangenen 15-20 Jahren zunehmend stärker fokussiert wurde, sondern auch im Anwachsen antimuslimischer Gewalt. Es sei hier daran erinnert, dass der norwegische Terrorist Anders B. Breivik maßgeblich von muslimfeindlichen Motiven getrieben war.

Der Eurabien-Komplex

Der Begriff „Eurabien“fasst die Vision eines islamisch dominierten Europas zusammen. Geprägt wurde der Begriff von der Publizistin Gisèle Littman, die unter dem Pseudonym Bat Yeʾorin den vergangenen Jahrzehnten mehrere antimuslimische Bücher verfasst hat. In ihren Büchern wirft sie den politischen Eliten Europas vor, seit der Ölkrise 1973 auf die Verschmelzung Europas mit der arabischen Staatenwelt hinzuarbeiten und die Islamisierung Europas voranzutreiben. Neben Littman zählen die verstorbene italienische Autorin Oriana Fallaci und der kanadische rechtsaußen-Publizist Mark Steyn zu den geistigen Vorreitern der Muslimfeindlichkeit, die in Deutschland vor allem durch den Blogs „Politically Incorrect“ und der „Achse des Guten“ ihre Sprachrohre finden. Mit der Pegida-Bewegung ist in der Bundesrepublik erstmals eine medial wirksame Massenbewegung unter dem Banner der Muslimfeindlichkeit in Erscheinung getreten. Ob die rechtspopulistische Partei AfD auch mit muslimfeindlichen Ressentiments Stimmung machen wird, bleibt abzuwarten. Dennoch läßt sich angesichts der weit verbreiteten antimuslimischen Paranoia läßt sich inzwischen von einem regelrechten Eurabien-Komplex sprechen.

Als Beweise für die Islamisierung Europas führen die Vertreter des Eurabien-Komplexes die Zunahme des muslimischen Bevölkerungsanteils und den Bau immer größerer Moscheen in zahlreichen europäischen Ländern an. Es drohe durch massenhafte Einwanderung aus muslimischen Ländern, der hohen Geburtenrate in muslimischen Familien und durch Konversion von Europäern zum Islam werde der Bevölkerungsanteil der Muslime in vielen Ländern in einigen Jahrzehnten bald den nichtmuslimischen Bevölkerungsanteil übertreffen. Mark Steyn schreibt in seinem Buch „America Alone“, dass die Islamisierung Europas kaum mehr zu verhindern sei und lediglich die USA der islamischen Welt noch an kultureller Strahlkraft und militärischer Stärke Paroli könne.

Die Linken sind schuld!“

Als Ursache für Kraftlosigkeit Europas sehen muslimfeindliche Autoren, die häufig neoliberale Positionen vertreten und dem us-amerikanischen Neokonservatismus nahestehen, den „Kulturmarxismus“ der Linken. Dieser habe zur Zerstörung der christlich-abendländischen Kultur und zur angeblichen kulturellen Schwäche Europas entscheidend beigetragen. Linke „Gutmenschen“ betrieben „dem Islam“gegenüber eine unterwürfige Appeasement-Politik und würden so Stück für Stück die Werte des Abendlandes preisgeben. Da ist es natürlich logisch, dass die Islamisierung Europas auch für deutsche Autoren wie Henryk M. Broder eine beschlossene Sache sind. In die gleiche Kerbe hauen auch Autoren wie Thilo Sarrazin und Udo Ulfkotte, der auch schon bei den Pegida-Demontrationen aufgetreten ist.

Das Denken muslimfeindlicher Autoren ist geprägt antimuslimischen Verschwörungstheorien. Die islamische geprägte Welt wird als homogener Block aggressiver Glaubenskämpfer, Immigration und hohe Fertilität als Kampfwaffen gegen die westliche Welt interpretiert. Da fällt es dann nicht schwer, in jeder Moschee einen Vorposten des internationalen Dschihadismus zu sehen. Gerade Broder ist ein Meister darin, aus Fernseh- und Nachrichtenschnipsel demonstrierender Islamisten und islamistischer Gewalttaten das Bild eines durch und durch totalitären und aggressiven Islams zusammen zu basteln.

Der Journalist Doug Saunders beschreibt in seinem Buch „Mythos Überfremdung“ anschaulich, dass hinter den kulturellen Überfremdungsängsten, die gegenüber den Muslimen gehegt werden, in historischer Kontinuität zu ähnlichen Phänomenen. Ein Blick in die Geschichte des 19. Jahrhunderts und frühen 20. Jahrhunderts zeigt, dass ähnliche Horrorvorstellungen im weißen, protestantischen Bürgertum Englands und den USA weit verbreitet. Nur fürchtete man damals keine Muslime, sondern katholische Iren und Italiener, Juden aus Osteuropa und natürlich die Mitbürger mit dunkler Hautfarbe. Man fürchtete sich vor den fremdartig wirkenden Bräuchen der Neuankömmlinge, ihrem andersartigen Glauben, ihrer Armut und ihrer hohen Geburtenrate, einige hielten sie geistig und rassisch minderwertig. Wer einen Blick in die Geschichten des berühmten Horror-Schriftstellers H. P. Lovecraft wirft, wird dieser Form der Fremdenangst immer wieder begegnen.

Saunders weist auch nach, dass die Geburtenrate sowohl bei muslimischen Imigranten, als auch in vielen islamisch geprägten Ländern stark im Sinken begriffen ist. Zwar wird der Anteil der muslimischen Bevölkerung in Europa in den kommenden Jahrzehnten auf 10 % steigen, eine Islamisierung aber nicht bevor. Zudem sollte bedacht werden, dass bei weitem nicht jeder statistische „Muslim“ tatsächlich einer ist. Eurabien, das ist die große Überfremdungsdystopie des weißen, bürgerlichen Europas unserer Zeit. Ein Wahngebilde, das mit der Realität so gut wie nichts zu tun hat.

Der Hass vereint

Die muslimfeindlichen Akteure präsentieren sich gerne als radikalliberal, proisraelisch und proamerikanisch, den „braunen Sozialismus“ der NSDAP lehnen sie rundweg ab. Das wiederum hält sie nicht davon ab, mit kulturdeterministischen Stereotypen um sich zu schmeißen. Muslime werden kriminalisiert, faschisiert, dämonisiert, ihre Kultur auf einen dschihadistischen Islam reduziert. Viele Texte der selbsternannten Verteidiger des Abendlandes sind pure Hass-Propaganda. Da verwundert es nicht, dass auch Vertreter des neonazistischen Spektrums mit den Muslimhassern gerne mitmarschieren, wie bei den Pegida-Demonstrationen. Dass einige Akteure dieser Bewegung jüdischer oder muslimischer Herkunft sind, scheint in den Augen ihrer nationalsozialistisch orientierten Verbündeten keine Rolle zu spielen. Auf den muslimfeindlichen Blogs ist der Übergang von kulturdeterministischen zu rassistischen Auslassungen fließend. Allzu so groß scheinen die Unterschiede zwischen dem Kulturdeterminismus, wie er von den Muslimhassern propagiert wird, und dem rassistischen Biodeterminismus der Neonazis auf der praktischen Ebene nicht zu sein. Der Hass vereint.

22:55 16.01.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Philipp Schaab

Studierte Religionswissenschaft, Geschichte und etwas Geographie in Heidelberg und Krakau. Schreibt über Religionen, Geschichte u. a. schöne Dinge.
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Philipp Schaab

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