Fußball, Omen und Orakel

Religion Die Fußball-WM verdeutlicht einmal mehr: Das Bedürfnis der Menschen, die Zukunft durch Vorzeichen zu deuten, ist auch im 21. Jahrhundert ungebrochen
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Fußball, Omen und Orakel
Glücksbringer? Merkel bei dem Finale der WM in Brasilien
Foto: Odd Andersen/ AFP/ Getty Images

Es ist schon seltsam. Da stehen gestandene Journalisten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks vor Beginn des WM-Finales im Studio und suchen händerringend nach positiven Vorzeichen, die Hinweise für den Ausgang des Spiels zugunsten von Deutschland geben könnten. In diesem Fall sahen sie in der Anwesenheit von Kanzlerin Angela Merkel ein gutes Omen (lat. „Vorzeichen“/ „Vogelschau“). Schließlich, so die Begründung, sei sie auch beim ersten Spiel gegen Portugal dabei gewesen.

Mal davon abgesehen, dass Merkel auch beim verlorenen Halbfinale gegen Italien 2006 im Stadion war, mithin als positives Vorzeichen nicht taugt, zeigen solche Äußerungen, wie sehr die Menschen auch heute noch versuchen Mutmaßungen und Vorherrsagen über zukünftige Ereignisse anzustellen. In allerlei Phänomenen glauben sie positive oder negative Zeichen erkennen zu können. Und in Brasilien und Ghana versuchten zauberkundige Fußbalfans, die Gegner ihrer Mannschaften zu verfluchen. Aus Deutschland sind derartige Versuche nicht bekannt geworden. Aber auch hier feiert die Faszination für transzendente Hilfe im Fußballwettstreit fröhliche Urständ.

Ein Kraken als Orakel

Anders läßt es sich kaum erklären, wieso die 2010 Öffentlichkeit fasziniert verfolgte, wie ein Krake namens Paul die richtigen Resultate bei den Spielen der deutschen Elf „vorhersagte“. Man wendete sich also mit seinen Fragen – in diesen Fall nach den Fußballergebnissen - aktiv an ein Medium, von dem man sich Antworten auf zukünftige Ereignisse versprach. Einfach gesagt: Sie befragten ein Orakel (lat. „Götterspruch“). Dass zahlreiche weitere Tier-Orakel keine richtigen Ergebnisse vorhersagten, na ja, man soll nicht zu kleinlich sein.

Vieles von dem Erwähnten ist eher mediales Kasperletheater, als ernstgemeinte Zeichendeutung, aber dieses bedient ein Bedürfnis, dass Teil der conditio humana zu sein schein: Wie kann ich meine Zukunft erkennen und was muss ich tun, damit mir das Glück hold ist? Bereits im Altertum war die Deutung von Omen und Orakeln eine komplexe Wissenschaft, die große Kenntnisse in Anatomie, Biologie, Psychologie, Astronomie und anderen Gebieten vorraussetzte. Von Eingeweiden über den Vogelflug, den Sternenhimmel bis hin zu Insektenwanderungen: Es gab nichts, was nicht auf irgendeine Weise als Medium für die Nachrichtenübermittlung transzendenter Mächte verstanden werden konnte. Viele überzeugte Monotheisten schwören natürlich nicht auf derartigen "heidnischen" Zauberkult – aber viele betrachten die Sache durchaus pragmatisch. Andere beten zu ihrem Gott und erflehen seine Unterstützung. Beide aber vereint ein gemeinsames Ziel: Transzendente Mächte durch eigenes Handeln zu beeinflussen. Auch dies ist bei den großen Fußballturnieren regelmäßig im Fernsehen zu beobachten.

Bis heute ist die Zeichendeutung fester Bestandteil menschlichen Handelns. Sie ist gesellschaftlich sanktioniert, allerdings in einem empirisch falsifizierbaren Rahmen: Man nehme nur die Wettervorhersage oder die ärztliche Diagnose. Auch hier wird mittels Zeichendeutung versucht, zukünftige Entwicklungen vorrauszusehen, um gegebenenfalls notwendige Maßnahmen umzusetzen. Die Fenster zu schließen, wenn ein Sturm droht, etwa. Oder ein Medikament einzunehmen, um eine Krankheit zu heilen.

Hannibal und das Kalbfleisch

Der Streit über Sinn und Unsinn von Zeichendeutung ist keineswegs ein Phänomen der Moderne. Schon Cicero setzte sich in seinem Werk De divinatione kritisch mit der Zeichendeutung auseinander. Dass bei Divinations-Handlungen häufig geschummelt und betrogen wurde, war auch damals schon bekannt. Keineswegs alle folgten Wahrsagern und Sterndeutern. Cicero und andere historische Figuren sah in ihrem Wirken nur einen sinnentleerten Aberglauben – einige sarkastische Äußerungen sind überliefert. So soll der karthagische Feldherr Hannibal einmal verächtlich über eine Eingeweideschau gesagt haben: „Tatsächlich, du vertraust lieber einem Stückchen Kalbsfleisch als einem alten General?“.

Die Beobachtung von Omen und die Befragung von Orakeln, von Cicero unter dem Begriff Divination zusammengefasst, erfüllt eine wichtige gesellschaftliche Funktion. In einer unsicheren Realität bieten sie dem Gläubigen die Möglichkeit, die Kontingenz des Lebens einzudämmen. Dabei verharrt dieser nicht zwangsläufig in einer passiven Rolle. Durch Opfer und Gebete kann er sich des göttlichen Wohlwollens versichern. Auch war man bereits in der vormodernen Zeit durchaus pragmatisch, wenn um die Zeichendeutung ging. Brachte die Zeichen nicht die gewünschten Resulate, suchte man solange nach kreativen Lösungen, bis das Ergebnis stimmte. Man konnte das Ritual ggf. wiederholen und es war auch nicht verboten, sich an verschiedene Orakel zu wenden. Die Vielfalt der Zeichen und ihre Mehrdeutigkeit ließen indes viel Raum für deren positive Deutung. Das man mit Vieldeutigkeit von Orakel-Botschaften vorsichtig sein muss, beweist das Schicksal des lydischen Königs Kroisos bzw. Krösus.

Für den Skeptiker mag das alles Augenwischerei und Betrug sein, die Anhänger der Zeichendeutung halten daran fest. Aber auch vermeintlich aufgeklärte Menschen sind nicht davor gefeit, außergewöhnliche Phänomene als Zeichen höherer Mächte zu deuten. Der Dichter Georg Heym (1887-1912) beschreibt in seinem düsteren Gedicht Umbra Vitae anschaulich und nicht frei von Spott die apokalyptische Stimmung, die im Jahre 1910 in bürgerlichen Kreisen durch das Erscheinen des halleyschen Kometen hervorgerufen wurde. Es wäre aber falsch, in der Angst vor dem Unbekannten einen Beweis dafür zu sehen, dass der Mensch ein „homo religiosus“, also ein grundsätzlich religiös denkendes Wesen ist.

Göttliche Botschaft oder (Selbst-)Betrug?

Das Unbekannte wirft immer Fragen auf, die nach Antworten verlangen. Was aber tun, wenn diese Fragen nicht beantwortet oder nicht einmal die Fragen klar formuliert werden werden können, weil sie lediglich nebulöse Angstgefühle reflektieren? Dann ergeben sich große Freiräume für kreatives Denken. Die Gewissheit, ein gutes Zeichen gesehen zu haben, gibt vielen Menschen Kraft für die Bewältigung des Alltags. Dabei mag es sich um eine psychologisch erklärbare Form des Selbstbetruges handeln. Die Grenzen zwischen Religion und Psychologie sind an dieser Stelle fließend, ebenso wie die Grenzen zum Missbrauch der Ängste leichtgläubiger Menschen durch Scharlatane.

Cicero Marcus Tullius: Über die Wahrsagung. München 1991.

Maul, Stefan M.: Die Wahrsagekunst im Alten Orient. Zeichen des Himmels und der Erde. München 2013.

21:21 17.07.2014
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Geschrieben von

Philipp Schaab

Studierte Religionswissenschaft, Geschichte und etwas Geographie in Heidelberg und Krakau. Schreibt über Religionen, Geschichte u. a. schöne Dinge.
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Philipp Schaab

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