Die härteste Droge der Welt

Totaltheater Vegard Vinges und Ida Müllers „Nationaltheater Reinickendorf“
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Es gibt sie aktuell nur in zehn Dosen. Zuletzt vor vier Jahren, damals nur als kleinen Dip. Jetzt als volle Packung. Zehn Mal im „Nationaltheater Reinickendorf“. Ein Industriegelände im Norden Berlins. Kilometerlange Backsteinhallen, für zwei Weltkriege wurden dort einst Waffen produziert. Vegard Vinge und Ida Müller haben dort nun eines der größten Kunstwerke aller Zeiten geschaffen. Ein Schwert, das durch alle Welt und Kultur, alle Kunst und Erfahrung schneidet, seine Besucher für immer verwundet, eine offene Wunde sticht, die nach mehr schreit, doch mehr gibt es nicht oder nur um den Preis des völligen Wahnsinns, denn wer aus Vinge/Müller kommt, kann nicht mehr in die Welt, kann nicht mehr in die Codes des Realen als Unterdrückung des Realen, sondern kann nur noch ins Reale SELBST, nach Vinge/Müller schmeckt die Welt schal, man möchte sie nur noch als KUNSTWERK sehen, und man SIEHT sie auch nur noch als KUNSTWERK, die Töne, die Bilder, noch nach Tagen sind sie intensiver, leibhaftiger, augenblicklicher, sind reine Wahrnehmung, sind, was sie sind, keine Interpretation, kein Grund, keine Folgen, sie sind, was sie sind, Vinge/Müllers Totaltheater macht die Welt, wie sie ist, macht die Welt zu Kunst, doch IST die Welt auch ohne die Kunst, ist die Welt, die erbarmungslose Welt, auch kalt und leer und oft viel banaler, stupider, trauriger, undankbarer und brutaler; die „echte“ Welt nimmt keine Notiz, sie ist UNENDLICH GLEICHGÜLTIG, sie lässt einen zurück, und so verlässt man die andere Welt von Vinge/Müller zwar als BERAUSCHTER, aber auch als AUSGESTOßENER, als GEZEICHNETER, für den es kein Zurück und keine Hoffnung mehr gibt. Bei Vinge/Müller ist jeder Moment DIE GANZE WELT. Szenisch geht es nie darum, was vorher war oder danach kommt, dass etwas dem anderen oder aus dem anderen folgt, wie eine Figur irgendwelche Schritte durchläuft, etwas erreicht oder nicht erreicht, es geht immer um ALLES. Jede Szene ist selbst immer schon der ganze Wahnsinn, der ganze Schmerz, die ganze Lust, die ganze Welt, ein Theater der Triebe und Gefühle, des Gehetztseins und der Gewalt, der Unterdrückung und Überwältigung, der Exkremente und des Schleims, der Teufel und Könige, der Demiurgen und Dämonen, der Opfer und Sklaven, ein Theater der Ohnmacht und der Wiedergeburt, der Endlosschleife und Repetition, ein Theater, das sich NIEMALS ERLÖSEN kann, ein Theater der UNTOTEN, der lebenden Toten, die, könnten sie, AD INFINITUM in ihrem 12-Spartenhaus spielen und leben würden, damit die ganze Welt so werde, WIE SIE SIND. Ist die Kunst die Welt oder ist die Welt Kunst? Aus der Kultur, aus der Hölle des eigenen Kopfes gibt es kein Entkommen. Burger King und Joy Division, Nirvana und Madonna, Snickers und Muhammad Ali. Othello wird zu Nivea vs. Nutella. Höllengefängnis der Identität. Höllengefängnis ohne Ausflucht. Vinge/Müllers Theater ist so TOTAL, dass es danach nichts mehr gibt. In der totalen Verfremdung also, in der totalen Kunst liegt die totale Wahrheit. Die „reale Welt“ ist nur ein Schleier, den es wegzuziehen gilt. Genau dies tun Vinge und Müller. Der Schleier fällt, und es existiert nur noch eine gigantische Maschine der Fremdbestimmung, des Unterbewussten, der Triebe und Sehnsüchte, des Verlangens und des Todes – der niemals kommt, Vinge/Müllers Figuren sind wie gesagt UNTOTE, NIEMALS ERLÖSTE –, eine gigantische Ausbeutungsmaschine der Gefühle (Fassbinder – der Einzige, der vielleicht auf einer Ebene mit Vinge/Müller vergleichbar ist, und wäre er kein Kind des Nachkriegs, sondern auch der 80er und 90er, vielleicht hätte er Ähnliches gemacht), ein Räderwerk der Verletzungen und Triebe, das in jedem Moment die Karthasis sucht, die Erlösung jedoch nur für kurze Zeit im Kopf des Zuschauers schafft, und das, da der Trip niemals aufhört und keine Verhältnismäßigkeit kennt, kein Verhältnis zur Welt kennt, den Moment der Karthasis im Kopf sofort mit der nächsten Amphetaminspritze wegjagt, denn es gibt immer NOCH MEHR, es geht IMMER noch weiter, es gibt immer noch einen Körpersaft und noch ein untotes Fleisch, das zu verspritzen und zu schlachten ist, da die Welt UNENDLICHES FICKEN ist, und Vinge/Müller machen dies, sie FICKEN die Welt und ficken den Zuschauer und ihre Figuren, wollen ALLES töten und lassen alles immer wieder auferstehen, bis das 12-Spartenhaus schließt. Wann oder ob es je wieder eröffnet, wissen nur sie. Einsam verlässt man es, die Welt kennt keinen Vinge, sie weiß nichts von ihm und er alles von ihr. Die gefährlichste Droge der Welt. Nach Vinge/Müller will man nur noch Vinge/Müller. „Die gerechte Rache, Mutter“, sagt er, während eine metzelnde Armada Schwarzer über das Meer kommt und eine weiße Strandurlaubfamilie an der Cote d'Azur hinmetzelt. Sollte von Europas Kultur etwas bleiben, sollten sie in zweihundert Jahren das Nationaltheater Reinickendorf rekonstruieren. Sie könnten sich anschauen, wer wir waren, wie wir gelebt haben. Unendlicher Schmerz, unendliche Trauer, unendliche Melancholie.

12:45 24.07.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Philipp von Becker

Filmemacher und Autor von: Der neue Glaube an die Unsterblichkeit. Transhumanismus, Biotechnik und digitaler Kapitalismus. Passagen Verlag 2015.
Philipp von Becker

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