Kinder brauchen Grenzen?!

Post-68er Der Anstand, immer wieder wird sein Schwinden beklagt und die Schuldigen sind - die 68er.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Ein Gespenst geht um in Deutschland: der bürgerliche Anstand soll wieder gelehrt werden. Junge Eltern, die zwischen Liebe und Autorität nicht weiter wissen, sollen endlich wieder davon ausgehen dürfen, daß ihre Autorität – Liebe ist.

An vorderster Front kämpfen dabei die Kinder der 68er, zu denen ich mich (geb.7.6.1968) wohl ausdrücklich zählen muß. In bester Tradition ihrer Eltern stellen sie erst einmal deren Verdienst in Frage, verbünden sich mit den Großeltern, die noch mit dem Rohrstock Respekt lernen durften, bieten also das erheiternde Bild von Leuten, die sich öffentlich über ihre schlechte Erziehung beklagen. Wo bleibt da der Anstand? Auf rein persönlicher Ebene mag das erst mal so hingenommen werden, zumal die 68er selber nur sehr spärlich protestieren, aus schlechtem Gewissen oder Ratlosigkeit, mag ich nicht zu beurteilen.

Zum Politikum wird diese Abrechnung der jüngeren da, wo es daran geht, die Errungenschaften der letzten Jahrzehnte zu verleugnen, ja in Lehrplänen und öffentlichen Erziehungsmaximen rückgängig zu machen. Wie oft muß man sich als liberal Erziehender anhören, daß „Kinder Grenzen brauchen“, daß „klare Hierarchien“ wichtig seien und dergleichen. Dem läßt sich so pauschal ja auch garnicht widersprechen, jedenfalls nicht im Eifer des Alltagsgefechts...

Wenn aber die Liberalität der 68er für den Verfall der Sitten und des gegenseitigen Respektes verantwortlich gemacht werden, wird die Grenze zur Demagogie in für mich unerträglicher Weise überschritten.

Sachlich bleibt doch festzuhalten, daß der bürgerliche Anstand in dem Moment fragwürdig wurde, wo es möglich war, als „anständiger Familienvater“ eine Mordmaschinerie wie die von Auschwitz durch bloßes Funktionieren nicht nur nicht zu verhindern, sondern erst zu ermöglichen. Den Zusammenhang zwischen Faschismus und autoritärer Erziehung hat ja schon Wilhelm Reich herausgearbeitet, auf den sich dann viele antiautoritäre Erzieher beriefen. Mit Erziehungsprinzipien zu brechen, die tatsächlich mörderisch wirkten, ist das historische Verdienst der 68er-Generation, wie hilflos und fragmentarisch auch immer ihre eigenen Entwürfe daherkamen. Das als Nachkomme zu leugnen und nachträglich noch nach der Prügel zu schreien (die sie erst jetzt verdienen würden), ist wirklich – unanständig und unreif, selbsttherapeutisches Geschwätz im politischen Raum, wo es wirklich Schaden anrichtet. Freilich gilt es die Kritik auch ernstzunehmen, wo sie differenzierend über die Vorgänger hinausgeht: wo sie Respekt vor der Autorität von der Achtung des Mitmenschen unterscheidet und damit bürgerliche Freiheit von bürgerlicher Autoritätshörigkeit. Es war historisch die Nachkriegszeit kein guter Moment, die bürgerliche Freiheit, die sich noch nicht von den autoritären Regimen der 30er und 40er Jahre erholt hatte, schon als überholt zu verwerfen; aber nach dem Versagen des Bürgertums im Nationalsozialismus eine verständliche, wenn auch hilflose Reaktion. An uns ist es wohl, die emanzipatorischen Anteile des bürgerlichen Selbstbewußtseins von dem zu scheiden, was unsere Vorgänger zu Recht nicht mehr wollten: Autoritätsgläubigkeit und Ignoranz gegenüber schlechtergestellten. Haben sie nicht selbst bewiesen, was Bürgerlichkeit auch sein kann, unsere ehemaligen Studenten, die ein elitäres Bildungssystem demokratisiert und für andere Schichten zugänglich gemacht haben? Das waren ja nicht Proletarier, sondern selber – Bürger, denen das Prädikat „anständig“ weit mehr gebührt als den (unfreiwiiligen?) Mordbrennern, die von Himmler damit geadelt wurden...

Freilich, die „antiautoritär“ Erzogenen, mit denen wir alle auch zu tun haben, sind ein ärgerliches Phänomen: ohne Achtung vor den Grenzen, die die Freiheit ihrer Mitmenschen der Ihren setzt, trampeln sie durchs Leben, bis sie in mühsamer Selbsterziehung den Unterschied zwischen Kuschen und Platz machen aus Menschenachtung vielleicht noch lernen. Es handelte sich da wohl auch nicht um antiautoritäre Erziehung, sondern um die Autorität der kindlichen Bedürfnisse über die elterlichen, eine simple Umkehrung, die mit der Weigerung, die eigenen Eltern (nach Auschwitz) noch zu achten, korrespondiert nebenbei die Anstrengung erspart, das eigene Leben und die Bedürfnisse des Kindes abzuwägen und womöglich miteinander zu verbinden. Den Begriff der antiautoritären oder wenigstens unautoritären - warum nicht einfach: Liberalen Erziehung würde ich jedenfalls nicht an diese gescheiterten Experimente abtreten. Natürlich wissen Eltern mehr über die Welt als ihre Kinder und müssen Gefahren umschiffen helfen. Aber das ist die natürliche Autorität, von der meistens garnicht die Rede ist. Es gibt aber auch genug Situationen, wo die Einfälle des Kindes die besseren sind, und wegen „klaren Hierarchien“ usw. nicht zuzulassen, daß Kinder auch mal Recht haben, ist dumm und schädlich; es sei denn, man will autoritäre Strukturen konservieren.

Denn eines muß immer klar sein: Eine wertfreie Erziehung gibt es nicht: Jede Art und Weise hat für die Gesellschaft Folgen und stärkt bestimmte Werte, während sie andere schwächt. Wenn wir den Zivilisationsprozeß bejahen und für die Freiheit des Individuums sind, ist uns mit „klaren Hierarchien“ nicht geholfen;

Wenn wir eine Kultur der gegenseitigen Achtung wollen, müssen wir auch die Persönlichkeiten unserer Kinder achten und aber auch die Achtung für uns und Andere bei ihnen stärken: also die Grenzen da setzen, wo sie in demokratischen Gesellschaften hingehört: da wo die Freiheit und Würde des Anderen verletzt wird (und nicht etwa seine Autorität). Dabei gilt es ein Bewußtsein zu wecken für den diskursiven Charakter von Regeln: Was den einen stört, mag vielleicht ein anderer gerne tolerieren, wenn er sich selbst dafür gewisse andere Freiheiten nehmen kann; es gibt keine absoluten Regeln für das konkrete Leben, nur die prinzipielle Rücksichtnahme, die das Leben angenehmer für alle werden läßt. Natürlich muß auch der Umgang mit autoritären Strukturen gelernt werden: wo man sich und/oder anderen nur schadet, wenn man auf seiner Freiheit besteht. Aber auch hier macht es einen Unterschied, ob ich aus vernünftiger Einsicht in die konkreten Gegebenheiten gehorche oder aus angelerntem Respekt vor jeder angemaßten oder echten Autorität.

Wie gerne lassen wir uns von dem, der uns etwas voraus hat, belehren, wenn wir auch da widersprechen dürfen und können, wo Unsinn verzapft wird. Das alles ist zugegebenermaßen nicht einfach, aber es ist ein Preis der Freiheit, den ich persönlich gerne zahle, und ich bin meinen Alt-68er-Lehrern sehr dankbar dafür, daß sie mich im Widerspruch unterstützt haben, ihrerseits für Kritik dankbar waren und mir und anderen eine Zeit des Ausprobierens und Lernens ermöglicht haben, die kaum eine Generation vor uns und unsere Altersgenossen im Osten auch nicht genießen durften. Deshalb muß ich meine Mit-88er ermahnen, unsere Alten nicht von hinten, sondern von vorne zu kritisieren und das Kind der Freiheit nicht mit dem Bade der schlechten Manieren auszuschütten: Was die für uns ausgefochten haben, können wir garnicht zu hoch achten, müssen aber weiter Fechten für unsere Kinder, damit es nicht demnächst von Oben heißt: Menschen brauchen Grenzen. Oder seid ihr die Freiheit wirklich schon Leid? Mir schaudert...

Was unsere Alten immer hören mußten, gälte dann Euch:

Geht doch nach drüben!

Zu den Mullahs und Putins und Bushs, und laßt euch vom Befehlsnotstand regieren.

Aber, laßt eure Kinder hier, denn Kinder brauchen Achtung und Liebe und Eltern, die sich selber achten und lieben und nicht bei jedem Problem nach Autorität schreien.

Das mag die Natur des Menschen (frei nach Schiller´schen Begriffen) unbequem ankommen, aber den Menschen im Menschen, den laßt doch einfach mal das tun, was wir als Kind am liebsten tun:

Spielen!

ein Text von 2005, den ich hier gerne mal zur Diskussion stelle...

20:52 17.06.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

philmus

hauptberuflich Musiker, Hobbyphilosoph: http://philmus.wordpress.com/
Avatar

Kommentare 2