kleiner Nebengedanke zu Feminismus und Arbeit

Zeit teilen. Die Forderung nach beruflicher Gleichberechtigung für Frauen und Männer ohne grundsätzliche Infragestellung der Arbeit als höchsten Wert läuft ins Leere
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In der modernen Praxis des Feminismus setzt sich immer mehr die Tendenz durch, dem Ziel der Chancengleichheit eher durch stattliche Investitionen in Kinderbetreuung als durch Förderung emanzipierter partnerschaftlicher Modelle näher kommen zu wollen.

Dabei stellt sich schon die Frage, warum in Zeiten der nach wie vor steigenden Produktivität (also tendenziell geringerem Bedarf an Arbeitsleistung) das Gemeinwesen in die Freisetzung potentieller Arbeitskräfte investieren soll. Wo sollen denn die hochqualifizierten Arbeitsplätze herkommen, die auch den Frauen dieselben Status im Erwerbsleben bieten?

Eine völlig neue Definition des Begriffes „Vollbeschäftigung“ muß in der Folge realisiert werden und tatsächlich die Unerreichbarkeit dieses Zieles, in dem sich die Restbestände des bürgerlichen Schaffensstolzes gegen die Einsicht verschanzen, daß es an der Zeit ist, den Arbeitsbegriff als zentrale Chiffre der bürgerlichen Autonomie zu hinterfragen.

In einer Zeit, in der

  1. Frauen die sicherlich teilweise erfüllende Mutterrolle zunehmend nicht als lebenserfüllend begreifen,

  2. immer mehr Männer eine aktive, zeitintensive Rolle in der Kinderbegleitung als beglückenden, sinnvollen Teil des Lebens leben wollen,

führt an einer vertieften Diskussion der Geschlechterrollen kein Weg vorbei, geht es doch tatsächlich um eine Neuverteilung der Arbeitszeit und der in der ökonomisch fokussierten Wahrnehmung nicht vorkommenden Familienarbeit. Natürlich kann man die Teilzeitstelle, die die Frau, wenn die Kinder „aus dem Gröbsten raus sind“, als schwachen Ersatz für gesellschaftliche Teilhabe angeboten bekommt, als unzureichend verachten - für Männer, die ihre väterlichen Talente mehr als zwischen Tür und Angel zur Wirksamkeit bringen wollen, sollte die Reduzierung der „Norm“-Arbeitszeit das zentrale Anliegen sein, zugunsten produktiver Entfaltungsmöglichkeiten der Frauen und erhöhter Lebensqualität für sich selbst.

Daß Männer nach wie vor größtenteils widerspruchslos akzeptieren, daß die Leistungsstandards von kinderlosen Workaholics und von der Familienarbeit qua Rollenmodell befreiten Alleinernährern gesetzt werden, ist der eigentliche Skandal. Auf der anderen Seite hat die feministische Strategie, alleinerziehenden Frauen über staatliche Hilfen und Kinderbetreuung ein möglichst aktives und von Rücksichten auf Ex-Partner befreites Leben zu ermöglichen, zur Folge, daß der Druck auf getrennte Eltern, gemeinsame Verantwortung für Kinder zu übernehmen, sich zumindest amtlicherseits in finanziellen Forderungen erschöpft, die das Modell des vollzeitarbeitenden Mannes, der der teilzeitarbeitenden Frau finanziell beisteht, perpetuiert. Natürlich ist es sinnvoll, Alleinerziehenden (meistens Frauen) zu helfen, wenn die „Andereltern“ (meistens Männer) ihrer Verantwortung nicht gerecht werden wollen oder können. Daß dieses Modell aber in Rechtsprechung und Ämterhandeln nach wie vor als normal und quasi alternativlos erscheint, macht es den Menschen schwer, die eine Neuordnung der Geschlechterrollen auch jenseits der lebenslangen Partnerschaften verwirklichen wollen. In diesem Sinne empfehle ich an Emanzipation interessierten Feministinnen, nicht jedes Urteil zugunsten des Sorgerechts der Väter mißtrauisch zu zu beäugen, sondern den kurzfristigen Nachteil für bekennende Allein-Mütter in Kauf zu nehmen zugunsten einer wirklichen Veränderung der Rollen. Und den Männern kann man nur zurufen: Kämpft für eure Lebenszeit, für Zeit mit Kindern.

20:38 17.06.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

philmus

hauptberuflich Musiker, Hobbyphilosoph: http://philmus.wordpress.com/
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