1.Mai damals und heute

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Es ist nun mehr 21 Jahre her, seit dieser Tag seine Bedeutung für mich verloren hat. 17 meiner Lebensjahre zählte ich bist dahin, welche im sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaat ich gelebt hatte. Wie fast alle aus meiner Klasse war ich durch die Schule, Ausbildung und meine Eltern ideologisch auf das System eingeschworen. Den Westen kannte ich nur aus dem schwarzen Kanal im Fernsehen und durch einen flüchtigen Blick vom Kirschberg hinüber über die Grenze, wenn ich in den Ferien bei meiner Oma war. Die Bäume trugen dort dasselbe Grün und die Felder malten jahreszeitlich die Farben nach, wie ich es nicht anders kannte. Unfreiheit spürte ich lediglich, wenn die Grenzpolizei mich dort beim Austeigen aus dem Bus, nach meinem Ausweis und meiner Zieladresse fragte. Zu unbeschwert ging ich dieser Tage, als dass ich hätte lange daran denken müssen. Es gab viele Dinge in jenem Alter, die ungleich wichtiger schienen. Das war auch der Grund für mich und ein paar andere von uns, an diesem besagten 1.Mai 1989, nicht die rote Nelke anzustecken und mit zu marschieren. Wir waren auch gerade erst aus dem Wehrlager zurückgekehrt, empfanden es deshalb als eine Zwangsmaßnahme zu viel. Trotz angedrohter Berücksichtigung, seitens des Betriebes, diesen Entschluss auf dem Zeugnis der Lehre einließen zu lassen, taten wir also das, wonach es uns einfach gelüstete. Der marschierte Weg war sowieso immer der gleiche und hinter Trommeln und zwischen gezähmten aber gleichgültigen Gesichtern Schritt zu halten, langweilte mich seinerzeit genauso, wie es ein Schützenumzug heutzutage nicht besser vermag Stimmung zu erzeugen.

6 Monate später, ich tat schon einige Wochen meinen Militärdienst bei der Marine, sollte diese Welt, die für mich meine Realität darstellte über Nacht aus den Angeln gehoben werden. Ich kam morgens gerade von der Wache, hatte also nur wenig geschlafen, als die Meldung über die Öffnung der Grenze im Radio verkündet wurde. Konnte ich meinen Ohren trauen, fragte ich mich. Es sollte noch 8 Wochen dauern, bis ich trotz Verbot für Militärangehörige die Grenze überschritt und mir selbst ein Bild machen konnte. Ein sehr buntes Bild, bekam ich zu sehen, das muss ich schon zugeben. So gesehen sehr verlockend, wie ein Besuch im Intershop vorher bereits erahnen ließ. Schon vor der Rückfahrt in die DDR war mir klar, dass der Arbeiter- und Bauernstaat in seinen Grundfesten keinen Bestand mehr hatte und deshalb bald Geschichte sein würde. Den Dienst bei der Armee tat ich dementsprechend mit einiger Belustigung, vor allem, weil man die verzweifelten Gesichter der Offiziere sah. Nebenher und auch später wurde mir gewahr, dass wir ein Volk von Patrioten gewesen sind. Fast jeder zählte sich dazu und man musste sich ernsthaft fragen, wie sich die sozialistische Ideologie überhaupt solange halten konnte. Wie ist das heute? Zugegeben, die Idee vom Staat in der alle Menschen gleich sind und keiner sich auf Kosten von anderen bereichern will, die finde ich noch immer klasse. Leider ist es damals nicht gelungen, weil Menschen eben nur Menschen sind und keine Idealisten aus Büchern. Ihre Schwächen unterlaufen sie und ihr Egoismus kennt keine Grenzen.

Ich passte mich unmerklich an die neue materialistische Welt an, wurde von ihr gefangen genommen. Mich mit meinem Ego und Ellenbogen durchs Leben zu drängeln, dafür fehlt mir bis heute die Fähigkeit und auch die Einsicht. Stattdessen ist mir klar geworden, gegen welche Mauern solche Leute, wie Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht oder Marx angekämpft haben. Was haben diese versucht den Menschen die Augen zu öffnen. Als Lohn dafür mussten manche von ihnen ihr Leben lassen aber sind doch unsterblich geworden. Wenn ich darüber nachdenke, dann kommt mir der Sinn des Kampf- und Feiertages der Arbeiterklasse wieder in das Bewusstsein. Vieles von dem, was man uns in der DDR gelehrt hatte, gleichsam. Das ist etwas ganz anderes, als in Krawallnächten Autos und Geschäfte in Flammen aufgehen zu lassen.

Nun, da mir klar ist, dass unsere jetzige Gesellschaftsordnung auch nichts weiter ist, als eine gedachte Realität, also ein Bild, welches der Mensch sich selbst gemalt hat, nun frage ich mich in Anbetracht der geballten ökonomischen und ökologischen Vorkommnisse der letzten Monate, was als wir demnächst zu erwarten haben. Lieber wäre ich Optimist oder eigentlich bin ich einer aber mein Bewusstsein richtet sich jedoch schon mal darauf ein, dass es bald wie im November 89 eine Wende geben könnte. Ob diese genauso friedlich von statten geht, vermag ich nicht zu wissen.

Vielleicht erkennen wir auch einfach, dass das Geld, welches am Ende doch für alles verantwortlich ist, nicht nur Kopf oder Zahl hat. Auch so hat es zwei Seiten, die erschaffende und die zerstörende! Einst eingeführt, um den Tausch von Waren zu erleichtern, so hat es diese Seele längst eingebüßt, um es mit aristotelischen Augen zu betrachten. Wir sitzen alle gierig an einer Schüssel und löffeln daraus, bis diese leer ist. Aber was kommt dann? Das jüngste Opfer dieser unersättlichen Gier des Menschen ist der Golf von Mexiko. Wird es zugleich das größte? Es treibt mir Tränen in die Augen, wenn ich die Bilder der ölverschmierten Vögel sehe.

Ich finde, wir sollten am 1.Mai wieder auf die Straße gehen, um zu protestieren gegen die Machenschaften der Großkonzerne wie Mansanto, welcher Nahrungsmittel patentieren lässt und gegen die Atom- und Öl Lobby, die Politiker, welche nach deren und ihren eigenen Interessen entscheiden. Überhaupt gegen alles, was uns ein selbstbestimmtes Leben im Einklang mit der Umwelt verweigert. Man sollte dem einzelnen Menschen die Eigenverantwortlichkeit zugestehen, welche einem solchen Wesen gebürtig wäre. Auch für eine Veränderung dessen, was wir in der Schule lernen, sollten wir kämpfen. Warum müssen wir in persönlichen Schicksalsschlägen bitter erfahren, was seit den Griechen der Antike längst bekannt ist? Ja, die Griechen konnten einst auch etwas anderes, als Schulden machen. Sie hatten die Wankelmütigkeit zwischen der Gesellschaft und den Leidenschaften längst durchschaut.

Aber wir sollten bei alledem nicht vergessen, auch in uns hinein zu sehen. Was trage ich als einzelner dazu bei, dass es so ist, wie es ist? Wie würde ich mich verhalten an anderer Stelle, wär ich besser? Wie man sieht, Fragen über Fragen. Ich hoffe dass am Ende nicht eine Antwort übrig bleibt. Nämlich, wir wären nichts weiter, als den Weg der Lemminge gegangen, weil wir einfach zu viele waren und es nicht durschauten.

02:05 02.05.2010
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Geschrieben von

philoron

Ein verdorrter Geist ist leicht zu entflammen. Ein verstörter Geist ist leicht zu geleiten. Ein befangener Geist ist leicht einzunehmen, ein freier und offener Geist dagegen, schwer zu finden.
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