Der stolze Jäger

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Man sagt, es wäre die längste Lindenallee Europas, ob es stimmt, vermag ich nicht zu wissen. Ihre Schönheit jedoch, kann jeder genießen, der mit dem Fahrrad über jene Straße, bestehend aus aneinander gereihten Platten, fährt. Im Auto mag dies eher lästig erscheinen, da es einen gewissen Lärmpegel in diesem verursacht. Auf besagtem Rad aber, höre ich die aber tausenden Insekten, die sich an den Blüten der Bäume zu schaffen machen. Es ist eine andere Welt, die nur beim Innehalten zu sehen ist und ich kann mich auf sie einlassen, wenn die Stille nicht durch Lärm zerrissen wird. Man riecht sie, obgleich der Geruch zu jeder Tageszeit ein anderer ist. Habe ich den langsamen Anstieg hinter mich gebracht, gibt er den Blick auf das kleine Fischerdorf frei. Schon aus der Ferne erkenne ich die reetgedeckten Dächer einiger Häuser am Ortsrand. Die Ruhe, welche ich auf dem Weg hierher eingefangen habe, scheint auch im Ort selbst normal zu sein. Aufregung gibt es nur, wenn der alte Kran im kleinen Hafen ein großes Schiff zu Wasser lässt oder eines heraus hebt. Gleich vor dem Hafen, die alte Kirche, in dem typisch vorpommerischen Stil gebaut. Tafeln erklären mir die Geschichte dieses Backsteingebäudes, weshalb ich ohne Mühe in die nächste Welt abtauchen kann, eine längst vergangene, obgleich nicht weniger reizvolle. Das gab es früher nicht, fällt mir ein, jedoch fanden wir es auch nicht immer interessant. Es stand ja quasi vor der Tür und wir waren noch grün hinter den Ohren, wie das Blätterdach der Lindenallee im Mai. Außerdem befand sich gleich in der Nähe die Gaststätte. Mein Ziel ist aber selten der Ortskern, vielmehr biege ich links ab in Richtung der ausgedehnten Wiesen, welche sich entlang des Achterwassers schlängeln. Achtern heißt hinten und das Gewässer so, weil es sich im Hinterland der Insel Usedom befindet.

Ich fahre über einen Plattenweg, der stellenweise aus blanken Moniereisen besteht, da der Beton aus DDR-Zeiten längst am bröckeln ist, passend zu diesem Land, was es nicht mehr gibt. Einen Autoreifen hat mich das mal gekostet. Ich kenne diesen Weg schon seit meiner Kindheit und bin ihn zu allen möglichen Tageszeiten gefahren. Wenn ich ihn morgens im Dunkeln befuhr, da ich wohl seiner Zeit vom Nachtangeln fasziniert war, zeigte mir ein helles, flackerndes Licht den Weg. Erst später erfuhr ich, dass dies brennendes Gas, von den nicht weit entfernten Ölförderpumpen war. Überflüssig und deshalb an diese ewige Fackel geschickt, schien es das Wahrzeichen vom Dorf zu sein, jedenfalls bei Nacht. Von Bohrinseln auf dem Meer hatte ich keine Ahnung. Auf halbem Wege zwischen beiden Orten lag mein Ziel und dort liegt es noch immer. Heute freilich ohne Angel, dafür mit Fernglas und mit einer gewissen Sehnsucht, dieses Bild in mich auf zu nehmen. Ernst Mach, der eigentlich die Schallgeschwindigkeit berechnete, wie gegensätzlich, schrieb einst in seiner „Analyse der Empfindungen“: „Bei einem Spaziergang, in der Umgebung Wiens, an einem frühen Sommertag, erschien mir einmal die Welt, samt meinem Ich, als eine ganze, zusammenhängende Masse an Empfindungen, jedoch im Ich stärker zusammenhängend. Obgleich sich die eigentliche Reflexion erst später dazu gesellt hatte, so ist doch jener Moment für mein ganzes, späteres Leben bestimmend gewesen“.

Wenn ich nun dort auf dem Wall stehe , vor mir das Achterwasser mit seiner Bucht und der daran gelegenen Steilküste und hinter mir die Nebelschwaden über den saftigen grünen Wiesen, ich die feuchte, ja modrig riechende Luft atmen kann, dann weiß ich , wo von dieser kluge Mann gesprochen hat. Wie gesagt, das Angeln überlasse ich lieber anderen, z.B. den Kormoranen, wobei es so zu bezeichnen, mächtig untertrieben wäre. Einmal beobachtete ich, wie ein ganzer Schwarm von diesen Tauchern einen eben solchen Schwarm Fische vor sich her trieb. Eine regelrechte Treibjagt, wobei immer die hinteren aufstiegen, um sich gleich zwischen die vorderen Vögel und die flüchtenden Fische zu setzen. Direkt vor mir am Ufer endete das Schauspiel. Die Gejagten waren von den schwarzen Räubern eingekreist. Diese brauchten nur noch abzutauchen, um Beute zu machen. Ich dachte: „Einer trübet das Wasser und andere fischen ab“. Aufgewühlt war es nämlich schon und ich nicht weniger. Meine Kamera hatte ich natürlich dabei, war also doch irgendwie auf Jagd, eine ohne Opfer, sozusagen. Gewartet habe ich freilich auf einen anderen Jäger, von größerer Spannweite, der meist allein auftritt. Manchmal tut dieser es, gleich jenem Sprichwort, er jagt einen Kormoran solange, bis jener seinen eben erbeuteten Fisch hervor würgt und fallen lässt. Leichte Mahlzeit für unseren heimischen Seeadler, könnte man es nennen. Ich würde lügen, zu behaupten, solch ein Schauspiel schon gesehen zu haben, außer bei Eins Plus oder so. Doch kenne ich seine Gewohnheiten, sich morgens in aller Frühe in den freistehenden Eichen am Wasser nieder zu setzen, um vielleicht ein wenig Sonne zu tanken. Dann sehe ich gut die Hellfärbung seines Federkleides am Hals oder den weißen Stoß. Einer der Alt Vögel also, die immer hier sind, denn im Herbst teilen sie ihr Revier mit allerlei Junggesellen und Durchzüglern. Ist es still genug, höre ich auch seinen den Möwen ähnlichen Ruf, und sehe, wie er dabei seinen Kopf nach oben streckt. Das, obwohl er fast 1000m entfernt ist, denn auf diese Größe ist seine Fluchtdistanz im Laufe Jahrhunderte langer Verfolgung angewachsen. Hat er so einige Zeit auf den Ästen verweilt, seinen Platz auch mal gewechselt, weil ein anderer ihn streitig machte, erhebt er sich, um über die Bucht zu steigen. Die Sonne hat bis dahin die Luft erwärmt, so dass er sich in den warmen Luftmassen hoch schrauben kann. An seinen brettartigen Flügeln, die er dort oben kaum bewegt, erkennt man ihn. Seine Jagd hat nun begonnen und meistens führt sie ihn aus meinem Blickfeld weg. Es kommt auch vor, dass ich Glück habe oder er, je nach dem wie man es sieht, dann nämlich macht er sich keine Mühe, sondern wartet bis die Fischer in ihrem kleinem Boot die Netze leeren. Nach kurzem Zögern nimmt er mit dem sogenannten Beifang vorlieb und verschwindet damit im Wald. Ansonsten ist er ein recht ruhiger Geselle, der sich nicht so viel bewegt. Sieht man ihn auf den nahe gelegenen Feldern nach der Ernte, hüpft er auch schon mal wie ein Geier, den es auch früher bei uns gab. Dafür muss man aber im Traktor sitzen, wegen der schon besagten Fluchtdistanz. Seinen asiatischen kleineren Bruder, mit dem weißen Bauch, habe ich da anders in Erinnerung. Er fliegt am Strand umher, wie es bei uns die Möwen tun. Auch ist er durch aus beweglicher. Es kommt schon mal vor, dass zwei Rivalen sich in großer Höhe mit den Zehen in einander verkrallen und sich so drehend hinunter fallen lassen. Erst knapp über den Gipfeln der Bäume des Urwaldes lassen sie von einander los. Solche Bilder sind es wert, erhalten zu werden, überall auf diesem Planeten und dass nicht nur um eine Touristenattraktion zu bewahren. Oftmals kann man heutzutage sehen, dass etwas dafür getan wird. Sicher noch nicht genug, doch besser als zu jener Zeit, als wir den stolzen Vogel selbst noch jagten. Überlege ich mir ein Motto für mich selbst, um zwischen der eben beschriebenen Welt und der in welcher ich gewöhnlich lebe, eine Brücke zu schlagen, so fällt mir Aristoteles ein, der da sagte:
„Denken was wahr, fühlen was schön und wollen was gut ist: darin erkennet der Geist das Ziel des vernünftigen Lebens.“
.....und wieder habe ich das Gefühl, die alten Griechen waren uns damals weit voraus!

19:59 30.05.2010
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Geschrieben von

philoron

Ein verdorrter Geist ist leicht zu entflammen. Ein verstörter Geist ist leicht zu geleiten. Ein befangener Geist ist leicht einzunehmen, ein freier und offener Geist dagegen, schwer zu finden.
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hibou | Community