Matrix evolution

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Platons Höhlengleichnis besagt, dass Menschen, die von klein auf, an Säulen gefesselt in einer unterirdischen Höhle aufwüchsen, so dass sie ihren Kopf nicht zur Seite richten und sich deshalb gegenseitig auch nicht sehen könnten, es als die wirkliche Welt wahrnehmen würden, wenn hinter den Säulen ein Feuer brennte und davor andere Menschen Schattenspiele mit entsprechendem Lärm dazu veranstalteten. Diese Schattenspiele, an die Wand geworfen, wären dann ihre Realität. Könnte sich einer der Gefangenen befreien und bekäme draußen das Sonnenlicht zu Gesicht, durchschaute er schnell den Schwindel. Er, der beim Hinauslaufen, seine Mitgefangenen sicher gesehen hätte, würde in die Höhle zurückkehren, um seine Erkenntnis mit ihnen zu teilen. Doch wer würde ihm Glauben schenken? Laut Platon niemand und ich sehe es ebenso. Somit ist wohl es die erste Matrix überhaupt. Ich las darüber bei R.D. Precht in seinem Buch „Wer bin ich und wenn ja wie viele?“ Obwohl es mir bewusst nicht bekannt war, kam es mir doch augenblicklich als solches vor.
In einer anderen Matrix erwacht Neo in dem gleichnamigen Film Matrix, wie aus einem schlechten Traum. Menschen sind darin von Maschinen an Schläuche und Kabel angeschlossen, um einerseits Energie abzuziehen und ersatzweise Nährstoffe zuzuführen, andererseits über eine programmierte und in die Köpfe der Menschen projetzierte Scheinwelt, diesem ein schönes Leben vorzugaukeln, damit er funktioniert und weiterhin fleißig seiner zugedachten Aufgabe nachgeht, nämlich Energie zu produzieren. Neo reißt sich unter Schmerzen und Ängsten die Leitungen heraus und zieht es vor, gegen das System zu kämpfen. Er tingelt dabei zwischen den zwei Welten hin und her, wird dadurch dass er die Matrix begreifen lernt, immer stärker.
Ein Dokumentarfilm namens Home, den ich sah und der mich sehr bewegte, hat mich in meiner Meinung sehr bekräftigt, dass die Evolution ein Wesen hervorbrachte, welches ebenfalls nur in einer Scheinwelt lebt. Uns werden gesellschaftliche wie natürliche Gegebenheiten und Werte vermittelt, die auf Dauer nicht zu halten sind. Wir leben einen hohen Standard, obwohl wir eine „Sterbende Gesellschaft“ sind. Wer schon mal in Asien gewesen ist, der weiß was das Gegenteil davon ist. Ältere wissen vielleicht noch, wie sich das in diesem Land einst anfühlte. Offensichtlich ist es ja nun noch recht in Ordnung bei uns. Der Lebensstandard ist nicht gesunken, jedenfalls bei vielen nicht. Alles läuft wie gehabt und wer keine Arbeit hat, hängt sehr bequem in dem sozialen Netz fest. Gut, hier wie da fehlen ein paar Millionen aber in den Nachrichten sehen und hören wir täglich, wie Summen konstruiert sowie imaginär hin und her geschoben werden, was mich doch sehr an unsinnige Stopfversuche eines löchrigen Topfes erinnert. Zurückzahlen kann die Gesamtsumme eh keiner mehr. Verantwortungen werden dabei gleichfalls verschoben, vor allem zeitlich in vorherige Legistaturperioden. >> Die da oben werden das Ding schon irgendwie schaukeln! << verschiebt jeder einzelne seine Bedenken nach Vorbild der Politiker.
Die Menschen sind über die Medien besser denn je lenkbar. Es existieren weit mehr Meinungen, medial geschürt, als Kenntnisse, die auf Tatsachen, Gespür und Schlussfolgern basieren. Kritische Worte in diesen oder anderswo werden, wie die letzten Tage und Monate zeigen ausgeschaltet. Das Bewusstsein wird nach und nach vom Hirn ins I-Phone verlagert. Der freiwerdende Platz im Hirn kann von Wunschvorstellungen und Träumen eingenommen werden. Träume sind schließlich was Feines. In jedem Sprüche Kalender ist das nachzulesen. Den Gesamtcharakter bestimmen die Lobbyisten, was sich an Mehrwertsteuersenkung für das Hotelgewerbe leicht beweisen lässt.
Worauf will ich nun hinaus, könnte man jetzt fragen. Wer kann hinter das verdeckte Blatt sehen und damit wirklich wissen, wie es um uns steht. Oder weiß die Masse der Menschen bereits mehr, als sie vorgibt, will es also nicht wahrhaben? Was kommt nach einem Crash ohne nachfolgende Abwrackprämien oder Wachstumsbeschleunigungsgesetze? Auch der Gelddruckmaschine könnte mal die Puste ausgehen!
Jetzt kommt Platon wieder ins Spiel. Wenn nämlich alles in sich zusammenbräche, wie ein Kartenhaus, wird sich die Scheinwelt offenbaren, in der wir gelebt haben. Philosophen wären ratlos. Nichts ist von Bestand außer Veränderung. Prozesse und Zyklen beschreiben die Natur. Wie könnte der Mensch sich davon je abkoppeln, wo wir ebenfalls ein Naturprodukt sind? Nach dem 2.Weltkrieg fragte man sich, wie ein jahrhundertealtes moralisches Wertesystem einer Gesellschaft, sich nach der Machtergreifung der Nazis so einfach aus den Angeln heben ließ. Mir stellt sich diese Frage nicht! Wie wär es denn heute, wenn es deutlich bergab ginge? Wann würden Nationalisten auf die richtige Bühne treten und gegen die Ausländer, die scheinbar an allem Schuld sind, hetzen? Mich beschleicht der Verdacht, dass wir davor nicht gefeit sind. Denn mit dem Andenken an Krieg und Konzentrationslager ist es nicht getan. Vielmehr müsste sich jeder fragen, wie wenig er selbst einer derartigen Entwicklung, aufgrund seiner eigenen Schwächen, entgegenzusetzen hätte! Die Stasi in der DDR hat auch nicht anders funktioniert und das ist noch nicht so lange her!
Haben wir also Luftschlösser erbaut, schweben damit über den Wolken und sehen von dort oben auf diejenigen, welchen es nicht vergönnt war ebenfalls hochwohlgeboren zu sein, herab? Wenn es ein Gewitter gibt und sich unser Stand dadurch etwas nach unten revidiert, pumpen wir was nur geht in das System, um die Flugkurve wieder nach oben zeigen zu lassen, ohne auch nur daran zu denken, dass der Fall, welcher kommen könnte, immer tiefer wird. Niemand kann mir erzählen, dass die Politiker einer solchen Aussicht nicht in der Lage wären! Vielleicht wissen sie auch nicht weiter und schließlich werden sie für kurzfristige Ziele gewählt. Solange man die Geldmenge erhöhen kann, den Leuten jedoch genug Waren für den Konsum dargeboten werden, funktioniert das Ganze ja auch noch. Was aber kommt dann? Könnte man es einer wütenden Menschenmenge vor einer Bank, die pleite ist erklären? Deswegen darf kein einzelnes Luftschloss herunterfallen, da es die anderen mit sich reißen würde.
Kommt nun einer wie ich daher und bringt derlei Worte zu Papier oder ins Netz, glaubt ihm keiner, wie in Platons Höhlengleichnis. Einige wenige vielleicht würden es tun. Vermutlich jedoch beharrt der Mensch auf seine empfundene subjektive Wahrnehmung, als absolute Realität. Erst ein radikaler Umbruch könnte ihn eines Besseren belehren. Der folgt leider meist erst, wenn es schon zu spät ist.

Ich habe hier nur von gesellschaftlichen oder politischen Gegebenheiten berichtet. Die direkten und indirekten ökologischen Ereignisse, deren Auswirkungen weit gravierender ausfallen werden, sind hier nicht zu Wort gekommen. Man sieht allerdings, dass unserer herrlichen Scheinwelt aus allen Richtungen die Enttarnung als Matrix droht. Und das obwohl Platon schon damals davon sprach und es immer "Eines Tages" gibt!

20:20 02.02.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

philoron

Ein verdorrter Geist ist leicht zu entflammen. Ein verstörter Geist ist leicht zu geleiten. Ein befangener Geist ist leicht einzunehmen, ein freier und offener Geist dagegen, schwer zu finden.
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