Sandbänke und Meer

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Die Wellen schlagen hoch hier draußen und dementsprechend hart schlägt das Zodiac zwischen den einzelnen Wellenbergen im Wasser auf. Die Sonne scheint gnadenlos auf uns herab. Was für ein Sommer! Angenehm erfrischend dagegen, streift der Wind uns durch die Haare. Hinter uns ist der weiße Strand von Usedom zu einem schmalen Band geschrumpft. Menschen sind nicht mehr zu erkennen, obwohl sie ihn zuhauf belagern, bei dieser Anzahl von Sonnenstunden. Die Silhouette des Zinnowitzer Hotels Baltic, welches zu DDR- Zeiten den bezeichnenden Namen „Roter Oktober“ führte, löst sich mit zunehmender Fahrt auf. Unser Kurs entspricht fast östlicher Richtung. Das weiß man, da die Sonne am frühen Morgen leicht steuerbord aus dem Meer entsteigt. Weiter backbord kann ich die Insel „Greifswalder Oi“immer besser erkennen. Sie war in meiner Kindheit, da Sperrgebiet, Inbild der Ferne, des Unerreichbaren für mich und stets Garant für gleichbleibendes gutes Wetter. Hatte sich die Sicht vom Ufer auf sie verschlechtert, konnte ich schon darauf warten, bis in den nächsten Tagen die Wolken kamen und mir die Ferien vermiesten. Der Leuchtturm ist das Wahrzeichen der Insel, auch wenn er aufgrund eines Versehens beim Anschließen, der Einzige an der ganzen Küste ist, welcher linksherum dreht.Man hat es dabei belassen, erzählt uns Martin, der das Boot über und durch die Wellen steuert. Mit meiner linken Hand umklammere ich ein Tau und mit der rechten die Reling, um mich sicher halten zu können. Vor uns in einiger Entfernung ankern mehrere große Schiffe und schwimmende Bagger. Hier wird die neue Trasse für die Erdgasleitung aus Russland verlegt, sagt Stefan. Jenes Projekt, für welches unser ehemaliger Bundeskanzler Schröder sich zum Geschäftsführer hat machen lassen, erinnere ich mich. Durch den verklappten Sand kann es sein, dass unsere Sicht weniger als einen Meter beträgt, wiederholt er noch einmal. Nach etwa 6,5 Seemeilen haben wir unser Ziel erreicht. Nichts ist davon zu sehen, außer einer Markierungsboje, in deren sicheren Abstand wir festmachen. Die beiden anderen Taucher und ich legen ihre Sachen und die Instrumente an, unter des Guides erfahrenen Augen, versteht sich. Er stattet uns mit Lampen aus, die wir nicht ausschalten dürfen. Warum, das werden wir dann schon merken, wenn wir erstmal unten sind.Ich gehe als erster rein und halte mich wieder am Boot fest, damit die Wellen mich nicht abtreiben lassen. Endlich geht’s los. Die Luft weicht aus meiner Auftriebsweste. An einer dünnen Führungsleine gehen wir hinunter. Die Geräuschkulisse wandelt sich von dem Toben der Wellen in das gleichmäßig gedämpfte Rauschen unter Wasser, was nur durch die ausgeatmete Luft unterbrochen wird. Ohne Probleme funktioniert der Druckausgleich bei mir. Die Temperatur ist merklich kühler, so weit vor der Küste. 15° C zeigt mein Tauchcomputer lediglich an.Ich kann ihn nur mit der Lampe ablesen. Denn in den ersten 5- 6 m Tiefe, der Sprungschicht, zieht der von den Arbeiten für die Pipeline aufgespülte Sand, wie dichte Nebelschwaden an uns vorbei. Dann wird es klarer aber die Temperatur sinkt weiter. Erste Umrisse des Wracks tauchen vor uns auf. Ich kann nur Eisen erkennen, das mit allerhand Muscheln besetzt ist. Die See holt sich, was der Mensch der Natur entnommen hat und gibt es dieser zurück. Das Gesehene gleicht dem eines Dokumentarfilms über ein gesunkenes Schiff, allerdings weit weniger deutlich. Wir tauchen am Rumpf entlang und leuchten in die vorhandenen Öffnungen und Luken. Eine Aalmutter schaut mich an. Ich nähere mich nicht weiter, um ihre Ruhe nicht zu stören. Auch die Ruhe der Toten dürfen und wollen wir nicht stören, hat Stefan uns beim Briefing erzählt. Deshalb sollen wiralles so belassen, wie es ist und schon gar nicht Stiefel oder andere Ausrüstungsgegenstände der Soldaten vom Meeresboden aufheben. Wegen der Sichtverhältnisse halten wir uns eh von diesem fern und in klareren Schichten auf. Von den vielen Teilen, die wir sehen können, ist ohne Erfahrung kaum etwas zuzuordnen. Die 10,5cm Geschütze allerdings, kann man nicht verwechseln. Manches an ihnen ist aus Edelstahl. Deshalb konntedie Zeit an dieser Stelle wenig bewirken. Wo keine Muscheln sind, dominiert Rost. Ohne Gefahr durchqueren wir eine der zwei Bruchstellen. Hier ist der Minenleger 5 Tage vor Ende des zweiten Weltkrieges selbst Opfer eines Grundminentreffers geworden. 119 Menschen waren an Bord. Die Meisten überlebten das schnelle Absinken und die eisigen Temperaturen der Ostsee logischerweise nicht. Dramatische Szenen müssen sich abgespielt haben. Gerade 5 Tage und 12m Wassertiefe, die sie vom Frieden trennten. Diese Vorstellung bewegt mich zu Mitgefühl. Das Unverständnis für Kriege jeglicher Art, ist jedoch naturgemäß in mir vorhanden. Wie viele Frauen und Kinder haben den wertvollsten Menschen in ihrem Leben verloren? Was haben Eltern am Tag der Kapitulation gefühlt, wenn sie an ihren sicher stolzen Matrosen dachten? Der Wahnsinn war zu Ende, aber das Leben dieser Menschen und unzähliger weiterer ebenfalls oder für immer gezeichnet. Kalte Schauer laufen mir bei dem Gedanken über den Rücken. Die Kälte des Wassers zeigt dieselbe Wirkung unter meinem Anzug. Der Computer gibt an, dass wir schon eine halbe Stunde unten sind. Immer wieder dreht sich der Guide um und zählt die Tauchlampen. Plötzlich kommt ein äußerst dumpfes Dröhnen näher. Es gibt einen bedrohlich Klang von sich. Das muss die massige Ankerkette der Markierungsboje sein. Ihre schweren Glieder reiben ineinander und verursachen das mahnend anmutende Geräusch. Stefan erzählte vorher davon und warnte uns energisch vor einem Hineingreifen. Die Finger bleiben sonst hier, wie die Toten einst hier unten blieben. Bordwände neben und manchmal über mir, streifen an uns vorbei. Sehe ich nach oben, erkenne ich die Umrisse besser in dem Lichtschein, der das dunkle Blau des Meeres durchdringt. Eigentlich bin ich beim Tauchen so allein, wie sonst nirgends, mit meinen Empfindungen. Alles Betrübliche bleibt oben oder wird abgespült. Diesmal ist es anders. Irgendwie bin ich nicht allein. Es ist ein ähnliches Gefühl, wie damals in der 9.Klasse, als wir die Gedenkstätte des Konzentrationslagers in Niederdachsen-Werfen besichtigten. Der Geist der Zeit ist allgegenwärtig, gerade in solchen Momenten will er uns aus der Vergangenheit lernen lassen. Nicht immer gelingt ihm das, wie ich finde. Allen fröstelt es mittlerweile etwas. Wir steigen langsam auf, kehren an die Oberfläche zurück. Meine Gedanken ebenfalls, aber nicht ohne eine kräftige Portion an Eindrücken mitzunehmen. An Bord wird ausgewertet, sich ausgetauscht. Small- Talk und etwas Taucherlatein machen die Runde. Ein paar Fotos und dann geht es ab in Richtung Ufer. Der ungewollte, wie auch unnötige Friedhof hat seine Ruhe wieder, welche die See ihm gewähren kann. Erneut kämpft sich das kleine Boot durch die Wellen. Es nähert sich, wie die Pipeline, dem Ufer. Mag die Ostsee davon keinen Schaden nehmen, hoffe ich und mehr noch, dass sich so eine Tragödie wie sie am 3.5.1945 hier draußen geschah, nicht wiederholen wird. Ganz egal, wo auf dieser Welt. Nichts ist schlimmer, als Ideologien, die einzelne Menschen oder gar die ganze Gesellschaft befallen, verblenden, und in der größten Absurdität enden, die der Mensch je hervorgebracht hat- den Krieg.Vielleicht ist dieser auch natürlich und nicht von uns hervorgebracht und wir sollten es als unsere Aufgabe betrachten, dieses Manko zu überwinden! Ich für meinen Teil bin froh, außer dem kalten Krieg, keinen weiteren erlebt zu haben.

Ein friedliches Bild tut sich mit dem Erreichen der Küste auf: spielende Kinder, sich sonnende oder badende Menschen. Offensichtlich glückliche Eltern, die für eine Woche oder mehr dem üblichen Alltagseinerlei zu entfliehen suchen. Ablenkung, so weit das Auge reicht und dazwischen die, welche davon leben müssen. Wer weiß schon, dass nur ein paar Meter weiter, noch vor 23 Jahren, nachts von den Grenzsoldaten ein riesiger Scheinwerfer herangekarrt wurde, um die Ostsee wegen möglicher Republikflüchtlinge abzuleuchten. Eine Welt sich offenbarte, über die nicht geredet wurde. Als Teenager schauten wir uns das Schauspiel manchmal an, wenn wir nicht gerade verjagt wurden, ohne wirklich zu verstehen, was dort vor sich ging. Und wenn ich ehrlich bin, auf meine Art verstehe ich es heute immer noch nicht! Aber in der Tiefe, da fühle ich mich zu Hause, egal wo und Grenzen verlieren sich, verschieben sich, neue tun sich auf, innen wie außen. Und irgendwo dazwischen, sind wir. Unter den neugierigen Augen der Urlauberkinder ziehen wir gemeinsam das Boot aus dem Wasser. Einige helfen sogar. Dann wird gepackt und es geht zurück zur Basis, im Auto, vorbei an meiner alten Schule, die keine 500m vom Strand entfernt liegt. Ich habe den Drang, davon zu erzählen, tue das und die Anderen hören zu. Man verabschiedet sich freundlich, nach einem Getränk. Die beiden Ärzte, wie sich herausstellte, fahren zurück zu ihren Frauen, die am Ferienort, in Bansin auf sie warten. Stefan muss morgen wieder auf den Bau. Allein vom Tauchen kann er nicht leben, leider. Mir bleiben noch ein paar Tage, hoffentlich schönes Wetter, in dieser wunderbaren Landschaft, die mich einst geprägt hat. Das ist Leben….

09:29 18.07.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

philoron

Ein verdorrter Geist ist leicht zu entflammen. Ein verstörter Geist ist leicht zu geleiten. Ein befangener Geist ist leicht einzunehmen, ein freier und offener Geist dagegen, schwer zu finden.
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