Stumme Zeugen

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Wie stumme Zeugen einer längst vergangenen Epoche stehen die großen Statuen an der Küste der Osterinsel. Seit Jahrhunderten trotzen einige von ihnen den Gewalten der Natur und ihrem Schöpfer, dem Menschen. Sie starren regungslos und mahnend auf das Meer und harren der Dinge, die da kommen. Fast jeder wird dieses Bild kennen. Nicht jeder mag jedoch von der Geschichte Kenntnis haben, welche sich dahinter verbirgt. Geschaffen wurden sie in der Hochblüte einer Kultur, über deren Entstehung die Wissenschaft sich nicht ganz einig ist. Das kann man leicht bei Wikipedia nachlesen. Es betrifft den zeitlichen Rahmen der Besiedlung, sowie den kulturellen Ursprung der Einwanderer. Da keinerlei schriftliche Aufzeichnungen vorliegen,basieren die vorhandenen Annahmen weitestgehend auf den durchgeführten Grabungen. Wichtiger als die Entstehung ist für mich jedoch das Ende jener Hochkultur, von welcher, ähnlich wie der ägyptischen oder mesopotamischen, nicht viel mehr geblieben ist, als ausgegrabenes unddas in Worten überlieferte. Es gibt noch andere Zeugnisse menschlicher Gesellschaften, die nur noch in Mythen bestehen. Was nun führte dazu, dass die Kultur der Osterinsel, wie schon andere vor ihr, sich einfach so aufzulösen schien?

Laut dem amerikanischen Archäologen Terry L. Hunt, hatte sich dort eine Gesellschaft aus 10 unabhängigen Stämmen entwickelt, die räumlich voneinander getrennt aber ohne feste Grenzen auskamen. Die Kulturblühte soll bis in die Mitte des 17. Jahrhunderts gereicht haben, gegen deren Ende eine zunehmende Degeneration einsetzte. Bis 1300 n. Chr. soll der Boden oberflächenschonend bearbeitet worden sein. Dann setzte eine radikale Entwaldung mit zunehmender Bodenerosion ein. Siedlungen wurden aufgegeben und ins Inselinnere verlagert, was den Zugang der Nahrungsquelle Meer wesentlich erschwerte. Später ging man deshalb dazu über, die Landnutzung zu intensivieren. Auch diese wird wieder aufgegeben und nach dem Eintreffen der ersten Europäer kommt es vermehrt zu Überfällen undStammeskriegen. Dabei werden neuartige Waffen angewendet. Der Einfluss der Kriegerkaste gewinnt an Kraft. Gleichzeitig sinkt die Artenvielfalt der Seevögel und das vorhandene Holzangebot zum Bau von Fischerbooten schwindet zusehend. Der Bau von monumentalen Bildwerken kommtzum Erliegen. Ja sogar die schon errichteten werden teilweise niedergerissen. Die traditionelle, auf Ahnenverehrung fußende Kultur findet ebenfalls nicht mehr statt. Die Einwohnerzahlen minimieren sich rapide.

Man ist geneigt an dieser Stelle zu denken, dies hätte herzlich wenig mit uns zu tun. Schließlich ist heute alles anders, viel komplexer, moderner und überhaupt haben wir jede Menge Wissenschaften, die uns schon den rechten Weg weisen werden. Wir leben im Frieden und einem gewissen Wohlstand. Nun, wenn dem so ist, umso besser. Aber können wir uns darauf berufen? Schon im Dokumentarfilm HOME wird warnend jener mögliche Zusammenhang angebracht, der das Ende der Kultur der Osterinsel wahrscheinlich herbeiführte.

Wie stumme Zeugen einer längst vergangenen Lebensperiode hängen die leeren Hüllen der Larven der blauen Azurjungfer an den Wasserpflanzen unseres Teiches. Noch gestern Abend sah ich eines der Insekten, die ihr bisheriges Leben unter Wasser verbrachten, aus dem kühlen Nass am Halm heraufklettern. Als es den für sich passenden Platz offensichtlich gefunden hatte, ließ es noch einmal sein Hinterteil kurz kreisen. Dann rührte es sich nicht mehr. Bereits am nächsten Morgen war die Libelle ihrer alten Daseinsform entschwunden. In den ersten Sonnenstrahlen des Tages saß sie mit zum Trocknen ausgebreiteten Flügeln auf der Holzumrandung des Teiches, an der Stelle, wo vor einigen Jahren nur ein sandiger Hang mit ein paar verwilderten Blumen gewesen war. In so kurzer Zeit hatte sich das Leben mit ein wenig Hilfe völlig neu erschafft.

Ich sitze mit meinem Frühstück auf der Terrasse daneben und beobachte das Geschehen. Plötzlich kommt mir ein Gedanke. Was, wenn die menschliche Gesellschaft einem eben solchen Wandel unterliegt, einem Prozess des Werdens und Vergehens, wie das Leben selbst, sich permanent neu zu ordnen weiß. Sehr gut erinnern kann ich mich an den Eindruck einer mich beeindruckenden Blütezeit und zwar der aufstrebenden Nation Malaysia, die ich im Urlaub bereisen konnte. Man spürte es förmlich an jeder Ecke, egal ob beim Mann oder Frau. Daran konnten auch deren mäßige Verschleierungen nichts ändern oder die damals gerade erst durchgeführten Terroranschläge auf das World Trade Center, die weit weg waren. Stattdessen überall arbeitende Menschen, die noch nicht von Maschinen verdrängt worden waren. Busse hielten nach einigen Stunden Fahrt an und ein neuer Fahrer wechselte seinen Vorgänger ab. Männer und Frauen, die sogar auf Wegen im Urwald die Blätter beiseite fegten oder das Wasser eines Springbrunnes zurück in seinen Abfluss. Schulkinder trugen einheitliche Uniformen und waren in Klassenverbänden zu beobachten. Keine Spur von Aggressivität. Sie schienen gerade erst den Fotoapparat für sich entdeckt zu haben. Jedenfalls gab es offenbar nichts Größeres für sie, als sich mit meiner Begleitung und mir ablichten zu lassen. Überall zeigte die Lebenskurve gefühlt steil bergauf. Kaum waren wir wieder zu Hause angekommen, konnten wir uns des Eindruckes der kollektiven Depression in unserem Land, weniger erwehren, als vor unserem Trip. Dieses mag sich bis heute zweifelsohne noch wesentlich verstärkt haben.

Wann nun erlebt eine Gesellschaft ihre Blütezeit? Ich denke, das ist schwer zu sagen. Es hängt davon ab, woran man es ausmacht. Waren es uns betreffend nun die Zeiten, als Made in Germany, noch etwas bedeutete oder das Wirtschaftswunder selbst, was dem vorausging? Sollte man es überhaupt am Materiellen ausmachen? Vielleicht war es der Moment, als die Mauer fiel? Viele werden generell die Zeit, in der sie leben, als solche Blüte empfinden. Da sind die zahlreichen Errungenschaften. Die vermittelte Richtung zeigt, wenn auch mit Unterbrechungen, stetig bergauf. Man kennt nichts anderes und konjunkturelle Schwankungen sind im Kapitalismus bekanntlich normal. Sonnige Plätze, auf denen es sich gut leben lässt, gibt es trotzdem reichlich. Erst aus einer neutralen Position heraus oder rückblickend, lässt sich die Blüte genauer betrachten. Pessimisten hingegen, die ein heraufziehendes Ende sahen und weissagten, gibt es und gab es schon immer. Nie kam ein wirkliches. Stattdessen ging es immer irgendwie weiter. Selbst nach den schwersten Kriegen oder anderen katastrophalen Nöten. Die Form änderte sich oder die Bezeichnung aber wenn man es genau betrachtet, sind die treibenden Kräfte gleich geblieben. Streben nach Macht, Besitz, Ruhm, Sicherheiten und der daraus resultierende Konkurrenzkampf sowie das Verbreiten von bestimmten Anschauungen sei es die Politik, die Kirche oder die Welt an sich betreffend, wären hier vorrangig zu nennen. Jede Zeit schafft aus diesen treibenden Kräften und dem kollektiven Unbewussten ihren eigenen Charakter, welcher von Schriftstellern oft sehr authentisch in Büchern festgehalten ist. Geradezu beispielhaft dafür, ist das Buch „Mut und Angst“ von Mario Wandruszka. Die mir vorliegende Ausgabe ist von 1950. Gleich am Anfang heißt es darin: „Es wird kaum Zeiten gegeben haben, in denen das deutsche Lebensgefühl gleich heftigen Schwankungen zwischen Mut und Angst, zwischen Heroisierung und Dämonisierung des Daseins ausgesetzt war, wie in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts.“ Weiter zitiert er: „Wie jähe Fiberschauer haben in diesen Jahrzehenten Weltbilder des Mutes und der Angst einander abgelöst. Die feige Sicherheit vom Ausgang des vorigen Jahrhunderts ist zu Ende, rief Oswald Spengler 1933, in den Jahren der Entscheidung. Das Leben in Gefahr, das eigentliche Leben der Geschichte, tritt wieder in sein Recht. Alles ist ins Gleiten gekommen. Jetzt zählt nur der Mensch, der etwas wagt, der den Mut hat die Dinge zu sehen und zu nehmen, wie sie sind. Der Kampf ist die Urtatsache des Lebens, ist das Leben selbst. Der Mensch ist ein Raubtier. Die Geschichte wird durch den Kampf der kühnsten Männer, der mutigsten Rassen um Herrschaft bestimmt. Da gilt es dabei zu sein. Da liegen die Würfel im Spiel. Wer wagt es, sie zu werfen?“ Wir alle wissen, wohin uns solches Gedankengut führte und wie viele Opfer es forderte. Zweifelsohne ist der Neuanfang nach dem 2.Weltkrieg, auch der Beginn einer neuen Epoche gewesen. Vieles war ausgelöscht und ist es bis heute. Jenes Gedankengut, was auslösend war, ist leider bis heute nicht verschwunden. Ausgerechnet in Mecklenburg Vorpommern, meiner eigentlichen Heimat, hat Rechtsextremismus wieder zugenommen. Wie viel Zulauf werden diese Gruppierungen nach dem Durchsetzen der Sparpakete bekommen? Aber sparen müssen wir, das ist Fakt. Steckt also ein gesetzmäßiger Verlauf dahinter?

Sollte ich nun unsere Epoche beschreiben, so würde ich sagen, dass auch unser Tun von Angst geprägt ist, dass der Mut uns in gewisser Weise verlassen hat.Wir befürchten, schon wieder die nächste Krise erleiden zu müssen, nicht mehr ganz vorn dabei zu sein, also den Anschluss zu verlieren und unsere errungenen Standards nicht halten zu können. Andere wie materielle Werte, erschließen sich meinem Blick kaum, besonders wenn ich auf die Jugend schaue. Sie ist direkt in diese Welt hineingewachsen und hat kaum gelernt, dass Werte fernab des materiell Fassbaren mehr bedeuten. Wir versenken uns bei alldem zu oft in Ablenkung. Uns selbst jedoch gestehen wir an vorherrschenden Zuständen, so wenig an Schuldigkeit zu, als dass immer andere diese zu tragen haben. Die zu den verantwortlich Gewählten können nichts tun, als den Lobbyisten hinter den Kulissen gute Dienste zu leisten und weitere zu Schulden machen, somit die Illusion von der Unabdingbarkeit unseres Standes sich am Leben erhalten kann.

Dies hier sollte nicht von Schwarzmalerei Zeugnis ablegen. Vielmehr möchte ich damit zum Nachdenken anregen. Wo stehen wir und wie sind wir dahin gekommen? Welchen Beitrag kann der Einzelne oder die Politik jetzt leisten? An dieser Stelle kommen die Statuen der Osterinsel wieder ins Spiel. Mahnend stehen sie an ihrem Platz…… Ich bin mir sicher, dass alle untergegangenen, sogenannten Hochkulturen eines gemeinsam hatten. Unaufhaltsam sind ihre Mitglieder dem Ende entgegen geschlittert, wobei man sich nicht bewusst war, dass Größenwahn, übertriebene Bürokratie, verbohrte Ideologie, vergessene Nachhaltigkeit oder was auch immer dazu geführt hatte, dass man sich bis zum Schluss auf dem richtigen Weg zu wähnen glaubte. Die Summe aus allem führt am Ende zum Ergebnis, sei es gut oder schlecht und die Dinge unterliegen dabei nun mal einem natürlichen Determinismus. Das Gesellschaftliche, was uns umgibt ist rein menschengmacht, wobei größtenteils unbewusst. „Was er macht, ist er auch befähigt zu zerstören!“Jener Oswald Spengler, dessen Worte so fürchterlich und deshalb warnend in meinen Ohren klingen, sprach in seinem „Untergang des Abendlandes“ ebenfalls von dem Aufgehen, Erblühen und anschließendem Vergehen von Kulturen. Irgendwie hatte er ja Recht behalten. Aber nur darin, kann ich mich in seinen Worten wiederfinden, jenen Unveränderlichkeitsgedanken von mir zu stoßen, in den ich hineingewachsen bin. Das möchte ich hier betonen! Der Boden auf dem wir stehen ist nur so sicher, wie wir ihn selbst gestalten aber wer denkt schon darüber nach?

15:00 20.06.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

philoron

Ein verdorrter Geist ist leicht zu entflammen. Ein verstörter Geist ist leicht zu geleiten. Ein befangener Geist ist leicht einzunehmen, ein freier und offener Geist dagegen, schwer zu finden.
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