Turmbau zu Stuttgard u.a.

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Diese Woche sind in meinem Kopfbahnhof wieder einige Züge eingerollt, welche mir sehr eindringlich erklären konnten, wie weit es Demokratie heute offensichtlich gediehen ist. In erster Linie scheint sie nichts anderes zu sein, als ebenfalls ein fahrender Zug, der mit wechselnden Geschwindigkeiten durch die Zeit rast und alles umfährt, was sich ihm in den Weg stellt, auch Menschen mit Hoffnungen, Gefühlen und Ängsten. Ich fühle mit ihnen und ebenso täglich dieselbe Ohnmacht im medialen Ereignistaumel. Aber ich will keine Ohnmacht, denn sie macht krank! Ich kann aus dieser Entfernung genau so wenig über die Wichtigkeit des Bauvorhabens in Stuttgart befinden, wie über den Turmbau zu Babel. Aber ich sah die Menschen, im Regen sitzend, ausharrend, für eine Sache, die längst beschlossen ist, auf anderen Ebenen natürlich. Dann hörte ich, der Oberbürgermeister wäre mit der Abrissfirma, die den alten Bahnhof beseitigt, geschäftlich verbunden. Wenn das stimmt, verstehe ich es besser. Was mir selbst hier in der Ferne Sorgen macht, neben den übergangenen Menschen, sind die Zahlen, welche im Raum hängen, über 4 Mrd. Euro Baukosten sind fürs Erste veranschlagt. Jeder weiß, dass solche Projekte immer nach Nachschlag dürsten. Da in der Demokratie Kosten oftmals von kommunaler Ebene zumindest teilweise nach oben solidarisch durchgereicht und dann im Umkehrschluss ebenfalls solidarisch nach unten an die arbeitende Bevölkerung zurückgegeben werden, zieht man mich unwillentlich mit ins Boot. Man spannt mich vor einen Karren oder den besagten Zug der Demokratie, somit ich genau das ziehen muss, was mich umfährt, wenn ich mich ihm in den Weg zu stellen getraute. Eine Zwickmühle kann ich da nur befinden und mir mein eigenes Bild von Freiheit zeichnen!

Ein anderesBeispiel zur Erläuterung der Demokratie ist die Verlängerung der Laufzeiten der AKWs. Wofür habe ich vor einigen Jahren die Rot- Grün gewählt, wenn das damals per Gesetz beschlossene heute per Gesetz für null und nichtig erklärt würde. Da kann ich mir den Weg zum Ankreuzen auf dem Wahlzettel gleich sparen. Ich möchte mich hier nicht weiter in persönlichen Wertungen verfangen und stattdessen nur ein paar Zahlen anbringen. Die Halbwertzeit von Plutonium, einem Zerfallsprodukt der Kernspaltung, beträgt 14,4 Jahre. Nach dieser Zeit ist die Hälfte des Plutoniums in Americium mit einer Halbwertzeit von 432,2 Jahren zerfallen. Das heißt also, es dauert über 5 Generationen unserer Spezies, bis sich nur die Hälfte der Menge des zweitgiftigsten Elementes Americiumaufgelöst hat. Es fallen noch weitere Spaltprodukte, wie ein weiters Uran, Cäsium und jede Menge strahlender Anlagenteile an. Im AKWGreifswald bspw. waren bis 1991 allein 4 Druckwasserreaktoren mit je 440 Megawatt Leistung in Betrieb. Jeder Reaktor trug 336 Arbeitskassetten und 36 Regelkassetten in sich, welche etwa 3 Jahre in Betrieb waren. Nach dieser Zeit mussten sie noch ein paar Jahre im Abklingbecken auskühlen, bevor sie ihren getarnten Abtransport zur Wiederaufbereitung in Russland antraten. Heute ist bei Lubmin ein atomares Zwischenlager überirdisch angelegt, welches keine 10 km Luftlinie zum Urlaubsparadies Insel Usedom entfernt liegt. Kaum ein Urlauber weiß darum. Die momentane Gegenrechnung der Medien, Politik und Atomlobby wird davon getrieben, dass in einem Kilogramm Uran die Menge Energie steckt, welche der Anzahl von 93 Waggons Kohle oder 67 Kesselwagen Heizöl entspricht. Die erspart uns ja tausende Tonnen CO2- so gesehen. Man bilde nun sich selbst ein Urteil, ob sich die Waagschale zu Gunsten der Gewinne von Stromkonzernen, des Treibhausgases oder der nachfolgenden Generationen neigen sollte, gegen eine strahlende Zukunft also. Ich denke, strahlen sollte diese Zukunft schon, jedoch in anderen Bereichen!

Das waren nur zwei Beispiele, die mir auf sehr undemokratische Art und Weise vor Augen führen, was ich tun kann oder auch nicht. Außer schreiben wird nichts bleiben, denn von direkter Volksherrschaft - keine Spur. Nur frage ich mich, wie hoch müssen die Mauern in unseren Köpfen wohl sein, dass wir uns dies alles gefallenlassen.

19:14 29.08.2010
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Geschrieben von

philoron

Ein verdorrter Geist ist leicht zu entflammen. Ein verstörter Geist ist leicht zu geleiten. Ein befangener Geist ist leicht einzunehmen, ein freier und offener Geist dagegen, schwer zu finden.
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