Wo Zeiten sich überlagern....

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Eine Schranke versperrt mir den Weg. Ich muss um sie herumlaufen und damit auch das Hinweisschild ignorieren, welches an dieser angebracht ist. „Munitionsverseuchtes Gebiet- Betreten verboten- Der Eigentümer!“ Als ich den Wald betrete, verschwindet die Sonne in den Bäumen. Gott sei Dank, denke ich, denn es ist tierisch heiß, diesen Sommer. Einer wärmsten, den ich je erlebte. Licht und Schatten wechseln einander nun ständig ab und malen die Umrisse der Bäume und Sträucher auf die alte, rissige, geteerte Straße.Mein Hund läuft voraus und schnüffelt sich seinen Weg. Es folgt ein großes Tor, mit Maschendraht bezogen. Wie immer ist es nicht geschlossen. Zu magisch dieser Ort, als dass er die Menschen nicht in seinen Bann zu ziehen vermag und so hatt der Eigentümer es irgendwann aufgegeben, den Maschendraht ständig zu flicken. Das Gebäude des ehemaligen Kontrollpostens, gleich neben dem Tor, ist fast zerfallen. Nur die Grundmauern stehen noch und das Dach ist drauf. Es ist, wie beinahe alles hier, dem Wandalismus des menschlichen Tatendranges ausgesetzt. Ein Stück weiter links steht der erste Bunker. Eine große Halle mit riesigen armeegrünen Toren. Das Ganze ist mit Erde bedeckt und bewachsen. Ein unscheinbarer Erdhügel, wenn man es nicht weiß und die Tore nicht sieht. Schickt man durch diese einen Ruf oder Pfiff hinein, entsteht ein Echo, was unvermittelt zurück kommt. In dieser Stille erzeugt es ein recht schauriges Gefühl in einem. Ich schlüpfe wieder durch einen geöffneten Drahtzaun, der mit Stacheldraht am oberen Ende verstärkt ist. Dahinter sind noch die Isolatoren eines Elektrozaunes vorhanden. Es macht den Eindruck eines Hochsicherheitstraktes, was es auch gewesen ist. Nun gehe ich einen Waldweg am Zaun entlang. Hier wachsen fast nur noch Kiefern. Der Duft der ätherischen Öle ihrer Nadeln liegt in der Luft.Vermischt mit der Frische des angrenzenden Meeres erzeugt das einen unverwechselbaren, wohligen Geruch. Keine Duftlampe kann das imitieren. In mir, dasselbe Gefühl, wie damals, als meine Eltern mit ihrem kleinen Sohn zum Strand gingen und dieser am Geruch ausmachte, dass es nicht mehr weit bis zum Wasser war. Eine Sehnsucht, die er für immer tief in sein Innerstes aufnehmen sollte und welche er später in gewisser Weise mit seiner persönlichen Freiheit verbinden würde.

Links am Zaun hängen ab und zu die benannten Hinweisschilder. Rechts am Weg einige vielleicht 2 Meter tiefen Löcher, in denen wieder Bäume wachsen. Überbleibsel von den schweren Bombenangriffen der Alleierten, aus dem 2.Weltkrieg. Die Krater sind teilweise mit Wasser gefüllt. Es gibt viele Orte auf der Welt an denen sich die Geschichte überlagert, wo komprimiert auf engstem Raum Vergangenes still nebeneinander ruht. Es bedarf Wissen der menschlichen Art, um an dieser Stelle nicht den gesunden Menschenverstand anzuführen, diese Dinge zu erfassen und daraufhin einen möglichst objektiven Standpunkt zu beziehen. Hitler hat an diesem Ort seine Vergeltungswaffen konstruieren und testen lassen. Einige schafften den weiten Weg nach England und brachten den Tod vieler unschuldiger Menschen mit sich. Nur ein Verbrechen von vielen, aus dieser Zeit. Ein dunkles Kapitel unserer Geschichte. Nach dem Krieg nahm sich die Volksmarine der DDR dieses Stückes Land an, um hinter ebenfalls hochgesicherten Zäunen Krieg zu üben, zu spielen. Es gab zwei Sperrzonen. Die von der ich bisher schrieb, ist nur die Äußere, weniger Gesicherte gewesen. Es gab noch einen inneren Ring. Dort wo die Schiffe lagen, sich die Kasernen befanden, die Schulungsräume, die Kommandozentrale, ein Tauchturm u.v.m. Einmal im Jahr durfte man hinein, trotz aller Geheimniskrämerei. Am „Tag der offen Tür der NVA“ öffneten sich die schweren Tore. Schulkindern und Erwachsenen wurde ein Art Volksfest geboten. Ich stand im Laderaum eines riesigen Landungsbootes, in dem zu meiner Verwunderung Tischtennisplatten aufgestellt waren. Die großen Haubitzen der Raketenschnellboote feuerten in die Luft. Schießen durften wir sie nicht aber steuern und ein gedachtes Flugzeug anvisieren. Unten in den Maschinenräumen roch es nach Öl. Überall enge Luken und Leitern. War man alt genug, konnte man sich an Land hinter eine Kalaschnikow legen und mit Platzpatronen auf eine Wand feuern. Höhepunkt war dann eine Militärparade, wo auch, nicht scharf aber geschossen wurde. Ein Höllenlärm. Ich würde lügen, wenn ich sagte, dies alles hätte mich nicht beeindruckt. So und indem man jemanden zum Feinde erklärt, erzeugt man Ideologie. Eine Abscheu dagegen entwickelte ich erst, nachdem ich einberufen wurde, kurz bevor die Grenze fiel und sich ohnehin die ganze Sinnlosigkeit dieser menschlichen Irreleitung offenbarte.

Mehr und mehr öffnet sich das Blätterdach der Kiefern und das Blau des Himmels erscheint dazwischen. Das Rauschen des Meeres ist zu hören. Wind kommt auf. Ich bin am Ziel. Ein etwas anderer Strand. Schilf wächst hier, Gräser und vereinzelt einige kleine Kiefern in den Dünen, die ein schattiges Plätzchen bieten. Allerhand Angespültes liegt herum. Der Uferbereich ist nicht so sauber, wie in den Badeorten, ein paar Kilometer weiter. Dafür ist es weit ruhiger. Der Zaun zieht sich bis ins Wasser hinein. Eine Tafel mit der Aufschrift „Europäisches Vogelschutzgebiet- Peenemünder Haken“, neben dem üblichen Warnschild wegen der Munition. Einige Menschen scheren sich nicht um die Schilder und latschen einfach dorthin, wo Möwen, Austernfischer, Seeschwalben und Co, ihre Ruhe finden sollten. Das ärgert mich schon irgendwie. Weiter draußen liegen mehrere Wracks aus dem Krieg. Sie dienten der Volksmarine als Zielscheiben. Heute sitzen die Kormorane zu Hauf auf ihnen und trocknen ihre Federn von den Beutezügen in der Ostsee. Die Sonne steht sehr hoch und keine Wolke verspricht Abkühlung. Da hilft nur das Wasser. Immer mal rein und zwischendurch, da lese ich in meinem Buch, welches ich mir gerade vorgenommen habe. „Aufstand der Massen“ von Ortega Y Gasset, geschrieben vor jenem Krieg, der diesem Landstrich die Abschussrampen der Vergeltungswaffen Hitlers bescherte und die vielen Betonbauten aus dieser Zeit. Heute ist alles in einem Museum in Peenemünde zusammengefasst. Das ist auch gut so. Werner von Braun war damals auch hier, erfährt man dort. Später forschte er in Amerika weiter. Das Resultat waren zwei verheerende Bombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki, wie wir alle wissen und ein Geist, den die Menschheit herbeigerufen hatte, welcher nicht mehr zu verjagen ist. Atommächte bestimmen seitdem das Gesicht dieser Welt. Abschreckung sagt der eine, Wahnsinn der andere. Das Schlimme ist, es gibt keinen Weg zurück.

„Hier bin ich Mensch, hier kann ich sein.“ Das fühle ich, lese in meinem Buch und bin erstaunt, wie jener Mann, der an der spanischen Verfassung mitschrieb, die geschichtliche Entwicklung der 30ziger des letzten Jahrhunderts so gut vorausgesagt hatte. Er erklärt den Unterschied zwischen dem Einzelnen, der Gemeinschaft und dem Staat, der einst geschaffen wurde, um das Zusammenleben zu erleichtern. Aber irgendwann wird er zu einer Maschinerie, die seine Mitmenschen aussaugt. Ein Skelet, was von innen, vom Mark her das Fleisch um sich herum vertilgt. Mir wird vieles klar beim Lesen. Dunkle in mir vorhandene Züge bekommen ein Gesicht. Die Frage nach der Gültigkeit für das Heute steht plötzlich im Raum. Ein Wort, welches ich in letzter Zeit oft lese: Neoliberalismus wirft er auf. Das alles jedoch ist Stoff genug für einen anderen Blog, denke ich und mache mich auf den Rückweg. Ich muss schnell gehen, denn die Mücken sind um diese Zeit sehr aktiv, stelle ich auf dem Weg durch den Wald schmerzlicher weise fest. Wieder geht’s es über die Straße, auf denen Matrosen mit und ohne Hakenkreuz im Gleichschritt exerzierten. Irgendwie habe ich dem ganzen Irrsinn mein Sein zu verdanken. Mein Vater musste hier einst fernab seiner Heimat den Militärdienst ableisten und hat dabei meine Mutter kennengelernt. Komischer Gedanke, meine ich und vielleicht ist dieser Ort deshalb mein persönlicher, an dem sich die Zeiten sich überlagern, sich zu einer, zu meiner Essenz verbinden- dem Bewusstsein meiner Existenz.

12:23 25.07.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

philoron

Ein verdorrter Geist ist leicht zu entflammen. Ein verstörter Geist ist leicht zu geleiten. Ein befangener Geist ist leicht einzunehmen, ein freier und offener Geist dagegen, schwer zu finden.
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