Zehn kleine Optimisten

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Die Nachmittagssonne steht hell und heiß über dem Wasser der Talsperre. Ringsherum rahmen bewaldete Berge die Konturen des Bildes. Serpentinenartige Wege schlängeln sich dort hinauf. 27° Celsius und Windstärke 3, in Böen 4 schreibe ich in das Bootstagebuch. Weiterhin notiere ich Betriebsstunden, Benzinverbrauch und den Zweck des Wachdienstes: Begleitendes Fahren beim Trainingslager vom ansässigen Segelverein.Die jüngsten Segler, manche von ihnen sind erst wenige Male auf dem Wasser gewesen, mögenin der 4.Klasse sein. In diesem Alter machte ich ebenfalls meine ersten Erfahrungen am Ruder des gleichen Schiffstyps, allerdings auf einem größeren Gewässer. Optimist nennt man diese kleine Bootsklasse. Etwas unsicher aber voller Optimismus segelte ich damals drauf los und später in die Welt hinaus. Ich lernte gegen den Wind zu kreuzen, das Boot zu wenden oder zu halsen,mich mit dem Wind von hinten, treiben zu lassen und was das Wichtigste war, nach dem Kentern das Schiff wieder aufzurichten. Genau das lernen die kleinen hier auch und das Strahlen in ihren Gesichtern spiegelt sich in dem der Erwachsenen wieder, in meinem besonders, so denke ich! Auch der Zusammenhalt innerhalb einer Gemeinschaft und der faire Wettstreit mit anderen sind zu erlernen bzw. uns naturgemäß mit auf den Weg gegeben. Was Luv und was Lee ist, das wissen die zehn kleinen Optimisten, die wir motorisiert umkreisen, schon sehr gut, stelle ich bald fest. >>Das Segel straffen, nicht im Wind stehen! << Ruft die Trainerin den kleinen ein ums andere Mal zu. Ein Kommando von vielen, an diesem Tage. So geht dieser äußerst kurzweiligdahin. Schon hat die Sonne sich in den Bäumen am Oberlaufder Talsperre verfangen. Die Veranstaltung geht ohne uns weiter, nach der herzlichen Verabschiedung.

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Nachdem ich wieder auf unserer Station am Ufer angekommen bin, sehe ich auf der anderen Seite nur noch die bunten Segel der Optimisten. Die fröhlichen Stimmen der Kinder klingen mir noch im Ohr. Nun sollte der 2. Teil des Tages beginnen. Ich hatte mir am Morgen eigens dafür ein Buch eingepackt. Hier draußen würde ich Zeit und Muße finden, meinen nächsten Blog zu schreiben. Hier wo es keinen Strom und kein fließend Wasser gibt. Dafür auch keine dauernden Bewohner, außer einem recht zahmen Siebenschläfer. Eigentlich habe ich das nächste Thema „Gedanken eines Entrückten oder die entrückte Gesellschaft“ nennen wollen. Angesichts der Eindrücke des Tages, schiebe diesen Titel jedoch nach hinten und lasse mich von dem kindlichen Optimismus etwas anstecken. Über was aber sollte ich schreiben? Das „Und täglich grüßt das Murmeltiergehabe“ der sogenannten Medien, vermag meine Gedanken kaum in ruhige Gewässer zu schiffen. Eine Welle nach der anderen rollt über mich hinweg und nur mit Mühe kann ich den Kopf über Wasser halten. Katastrophen scheinen trotz allen Leids unsere ständigen Begleiter zu werden. Eine fürchterliche Stimme in mir sagt: >>Wir können uns noch warm anziehen. Das ist jetzt erst der Anfang! << Längst habe ich mit dieser Stimme arrangiert, meinen Frieden geschlossen. Katastrophal auch die restlichen Meldungen in den Medien. Chipkarte für das Waldschwimmbad um die Ecke, natürlich nur für Hartz 4 Empfänger. Was ist mit der alleinerziehenden Mutter, die arbeiten geht und ebenfalls kaum Geld zum Baden über hat? Rente mit 67 ist plötzlich wieder ein Thema. Belassen, Aussetzen oder die Entscheidung revidieren, fragt die SPD, die sie selbst beschlossen hat? Für mich ist klar, ich werde kaum bis zu diesem Alter arbeiten können, in meinem Beruf. Außerdem steht die 65 als Austrittstermin in meinem Arbeitsvertrag fest. Ein Verband, dessen Name ich mir nicht merkte, fordert, ich solle nur noch 4 Wochen im Jahr Urlaub bekommen, damit aus dem angeblichen Aufschwung nicht wieder ein Abschwung wird. Haben wir nicht immer noch Millionen von Arbeitslosen? Warum soll ich dann mehr arbeiten? Zu hoch für mein Primaten- Hirn. Verlängerung der Laufzeiten von Atomkraftwerken, für wie viel Geld? Im Iran geht der erste Meiler russischer Bauart feierlich ans Netz. Es reicht, das ganze Geredein den Medien kann man nur in einen großen Sack stecken, diesen fest verschnüren und tief in der Erde vergraben, bis auf das den Iran Betreffende, vielleicht! Oder man verinnerlicht Christoph Schlingensiefs Zitat: Politik ist nicht wirklich real an Lösungen interessiert. Genauso wenig wie die Medien. Politik ist eine Simulation, die Lösungen vorgaukelt, die Medien simulieren die Aufdeckung dieser Simulation und manipulieren dadurch auf ihre Art!Ausgerechnet ein solch klarsichtiger Mensch muss so früh gehen. Es macht mich traurig und betroffen. Die Meldung las ich natürlich bei der Freitags- Community. Dort unternehme ich gern „Simple Streifzüge“ durch das Netz, zu Themen wie z.B. Moral, Spiegelneuronen und wie beides miteinander zusammenhängt. Ich erfahre nach Vorbild Novalis etwas von benachbarten Kulturen, die gerade dabei sind ihre „Unkultur“ auszufliegen. Viel persönlichen Frust einzelner Menschen kann ich hier lesen oder schlichtweg schöngeistige Literatur, auf der Suche nach Beifall. Manchmal kommt mir die FC auch wie eine Stierkampfarena vor, vielleicht nicht gleichwertig unfair. Aber auch dieser Spieß kann sich umkehren, wie man diese Woche in Spanien gesehen hat. Kurzum, ein bunte Mischung mit viel Inspiration und Aufregung. Da keine Begierde natürlicher ist, als die Begierde nach Wissen, wie Montaigne in seiner Essays schrieb, durchpflüge ich wie ein Waalhai mit seinem riesigen Maul das Meer auf der Suche nach Plankton. Worte spüle ich wieder aus und was mir als Wissen erscheint, nehme ich tief in mich auf! Ein Lehrer sagte einst zu uns „Zerlegen sie jedes technische Problem in ein geometrisches. Dann können sie es anhand von Winkeln berechnen und daraufhin zurückwandeln.“ Diese Maxime hatte ich mir zu Eigen gemacht. Nachdem mir Heideggers Schlussfolgerung „Worte sind das Haus des Seins- in ihrer Behausung wohnt der Mensch.“ zu Augen kam. Ich trat aus meiner Behausung hinaus ins Freie, um mich im Lande der Fassadenmenschen wiederzufinden!

„Zerlege jedes Problem in Bilder. Bedenke es anhand dieser oder suche natürlich vorhandene bzw. andersartige Vergleiche. Das minimiert die Schwächen der menschlichen Sprache, des menschlichen Denkens. Was verstandesgemäß von meinem Verstand nicht zu verstehen ist, bekommt somit deutlich klarere Umrisse!“ Will ich bspw. die Gesellschaft zergliedern in Kapital und dieselbe, werde ich kläglich daran scheitern, da das Kapital jeden noch so kleinen Winkel der Gesellschaft, ja selbst des Unterbewusstseins des einzelnen Menschen infiltriert hat! Ein System in dem, Geld wie Blut in dessen Adern fließt, wird aufgrund ungesunder Lebensweise zwangsläufig an einem Blutgerinnsel erkranken! Man wird wieder und wieder künstliche Verdünner verabreichen müssen. Aber wie lange lässt sich nun das Ende damit herausschieben?

Nehme ich nun mein mitgebrachtes Buch von Jose Ortega y Gasset: „Der Aufstand der Massen“aus den Jahren vor dem 2.Weltkrieg, so malt dieser Mann viele Bilder, der Gesellschaft darin oder von Teilaspekten, die diese betreffen. Sie sind heute noch beinahe so zutreffend, wie damals. Um ein Haar hätte ich es nach den ersten Seitenwieder beiseite gelegt, da mir das anfängliche elitäre Gebaren zu wider war. Eindringlich und geduldig jedoch erklärt er mir später, dass er etwas ganz anderes unter Elite versteht und unter der sogenannten Masse, wie ich beides in meinem schnell gefassten Vorurteile würde bezeichnen wollen. Sicherlich kann man nicht alles 1 zu 1 aus diesem Buch übernehmen, so wie man wahrscheinlich in jedem Buche etwas korrigieren könnte.

Ein besonders gut gezeichneter Absatz: „Die schöpferischen Kräfte der Gesellschaft werden durch die Dazwischenkunft des Staates immer wieder vergewaltigt; kein neuer Samen kann Frucht tragen. Die Gesellschaft muss für den Staat, der Mensch für die Regierungsmaschine leben. Und da der Staat letzten Endes eben nur eine Maschine ist, deren Dasein und Erhaltung von der Lebenskraft ihrer Besorger abhängt, wird er, nachdem er der Gesellschaft das Mark ausgesogen hat, selber ein klapperndes Gerippe werden und sterben- den rostigen Tod eine Maschine sterben, der viel leichenhafter ist, als der eines lebendigen Organismus. Das ganze Leben wird bürokratisiert. Diese Maßnahmen erzeugen in allen seinen Ordnungen deutliche Verfallserscheinungen. Dies war das klägliche Schicksaal der antiken Kultur.“

Welche Parallelen können wir hier nun ziehen, auf der Suche nach einer Utopie von einer besseren Gesellschaft?Schließlich müssen wir erst einmal schauen, wo wir stehen, also eine Bestandsaufnahme vornehmen. Außerdem frage ich mich, wann der erste Nationalist auf die Bühne tritt und das Vakuum, welches die aktuellen Verfallserscheinungen durch missratene Politik erzeugen, auffüllt.

Auch stellt er in dem Buch fest, dass es keine Helden mehr gibt. Sondern nur noch einen Chor, der Heldenlieder singt. In meinen Augen hat die Geschichte der Menschheit zu wenige Helden, vor allem ohne Schwert gekannt! Überall sieht man Gewalt, obwohl wir uns doch nach dem Gegenteil sehnen. Brauchen wir neue Helden oder neue Heldenlieder? Ich denke, beides!

Aber ich habe noch einen anderen Traum. Auf der Suche nach einem neuen Gesellschaftmodell werfe ich ein alternatives Gewicht auf die Waagschale: „Stell dir vor es gibt Geld und keiner nimmt es!“ Utopie? Sicher doch, eine noch dazu Verrückte. Das gebe ich zu. Es geht jedoch nicht darum, das Geld als Zahlungsmittel von heute auf morgen abzuschaffen. Doch sollten wir die zwei Seiten des Geldes betrachten und erkennen lernen. Nicht Kopf und Zahl sondern die erschaffende und die zerstörerische Seite! Was war einst die Seele des Tauschmittels und was ist aus ihr geworden? Wie können wir unser Tun und Handeln zwischen beiden Seiten entsprechen einordnen? Außerdem gibt es bestimmte Bereiche in der Gesellschaft, in denen Geld nichts verloren hat. Die sind einfach selbstverständlich.

Die zehn kleinen Optimisten vom Anfang sind unsere Zukunft und werden wie ich in die weite Welt hinaus segeln. Wie aber wird diese Welt aussehen? Was wird von dem Grün noch übrig sein? Was werden wir ihnen antworten, wenn sie fragen, was wir unternommen hätten, gegen all diese Machenschaften von Konzernen, Lobbyisten, Politikern und nicht zuletzt von uns selbst? Können wir sie damit beruhigen, dass wir den Spiegel kauften, mit einem ölverschmierten Vogel auf der Titelseite und der Frage: „Warum zerstört ihr unsere Welt?“ Dass wir uns aufgeregt hätten darüber? Ich denke, das reicht nicht. Und deshalb würde ich manchmal am liebsten die Segel setzen, in tosende Meere hinausfahren, auf der Suche nach neuen Ufern. Mit dem Segel an der Oberfläche gewinne ich dabei Fahrt. Doch den Kurs, den halte ich mit dem Kiel und dem Ruder. Beide zeigen in die Tiefe. Nur dort kann ich meinen Hallt finden, den Kurs halten! An der Oberfläche jedoch oder in Fässern ohne Boden, kann ich mich nur jämmerlich verlieren!

Und morgen? Da gehen wir wieder tauchen in dem See, der kleinen Optimisten, welcher zufälligerweise Innerste heißt. Denn im Innersten, da ruht der Kern und dort tauche ich am liebsten ab!

14:23 22.08.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

philoron

Ein verdorrter Geist ist leicht zu entflammen. Ein verstörter Geist ist leicht zu geleiten. Ein befangener Geist ist leicht einzunehmen, ein freier und offener Geist dagegen, schwer zu finden.
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gerhardhm | Community