Unsere digitale Welt ist ein Schrotthaufen

digitales Leben Egal in welchen Bereichen, wir bewegen uns in Feldern, dominiert von Mono- und Duopolisten. Zeit für einen neuen Digitalitätsentwurf
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Unsere digitale Welt ist ein Schrotthaufen

Foto: Japanexperterna.se/Flickr (CC 2.0)

Jeder Form analoger, technischer und digitaler Kommunikation wohnen Barrieren inne, die alle beteiligten KommunikationspartnerInnen überwinden müssen, um miteinander in Austausch treten zu können. Im Gesprochenen ist es zunächst eine gemeinsame Sprache, um einen Brief zu erhalten benötigt man eine Adresse. Um einen Anruf entgegen nehmen zu können, wird ein Telefonanschluss, samt Telefon benötigt, für einen Austausch per SMS eine Mobilfunknummer und ein Handy und schließlich für einen Mailverkehr wird ein Internetzugang, ein internetfähiges Endgerät, sowie ein E-Mailaccount benötigt. Auch wenn all diese Formen (technischer) Kommunikation nicht barrierefrei, aber doch zumindest barrierearm bezeichnen werden können, ist die Wahl des Dienstleisters, der die Kommunikation technisch ermöglicht, relativ frei. Es ist problemlos möglich, von einer Festnetznummer mit einem Vertrag bei einer deutschen Telefongesellschaft jemanden in Kasachstan anzurufen, der einen kasachischen Telefonvertrag besitzt – sofern ich die Nummer kenne natürlich. Dieses relativ offene System liegt auch dem Brief, der SMS und der E-Mail zugrunde. Einen grundlegend anderen Ansatz verfolgen Social Media Seiten, sowie Messengeranbieter, die in den letzten Jahren einen enormen Bedeutungs- sowie UserInnenzuwachs verzeichnen konnten. Die SMS ist zwar noch lange nicht tot, wie regelmäßig prophezeit wird, aber 2013 überholte der Messenger-Dienst Whatsapp, der zu Facebook Inc. gehört, die SMS gemessen an dem Umfang täglich versendeter Nachrichten.

In Deutschland nutzen rund 55 Prozent der Bevölkerung täglich Whatsapp, da ist es auch kaum verwunderlich, dass der Einsatz von Whatsapp in vielen nicht-privaten Kontexten zum Einsatz kommt. LehrerInnen gründen Whatsapp-Gruppen mit ihren SchülerInnen, in denen Hausaufgaben oder andere wichtige Informationen ausgetauscht werden. Auch organisieren sich Mini- und Nebenjobber in solchen Gruppen, um Schichten zu tauschen oder eine Übergabe vom Spät- auf den Frühdienst zu organisieren. Neben berechtigten Bedenken beim Thema Datenschutz, ist es wichtig sich vor Augen zu führen, welche Möglichkeiten es gibt, an diesen Gruppen teilzunehmen. Im Gegensatz zu barriereärmeren Formen wie SMS, E-Mail oder Telefon, kann bei Whatsapp nicht zwischen verschiedenen Anbietern gewählt werden. Das bedeutet z.B. für Schulklassen, dass sich alle Schüler eine App herunterladen müssen, die umfangreichen Zugriff auf nahezu alle Bereiche des Smartphones fordert. Zumal Whatsapp nur auf iPhones, Android- und Windows Phones installiert werden kann. Bei allen drei Betriebssystemen, die die letzten relevanten verbliebenen OS im mobilen Bereich sind, findet ein umfangreicher Transfer persönlicher Daten auf Server in die USA statt, der für die NutzerInnen weder verhinder- noch einsehbar ist. Wer nun aus Überzeugung, oder lediglich aus Mangel an einem passenden Gerät, den Messengerdienst Whatsapp nicht nutzen möchte oder kann, dem entgehen wichtige Informationen, die für den Schul- oder Arbeitsalltag nicht unwichtig sind. Gleichzeitig wird ein kritikfreier Umgang mit Apps, NutzerInnendaten und Betriebssystemen, die zu den drei mächtigsten (Digital-)Konzernen der Welt gehören, vermittelt. Es wird Zeit, einen Kodex für digitale Kommunikation zu entwickeln, der über Fragen der Anrede in nicht-privater Mailkommunikation hinausgeht.

Wir drängen uns gegenseitig in Strukturen, die uns zu unmündigen UserInnen machen

Der etwas abgenutzte, aber dennoch immer noch hilfreiche Vergleich digitaler Kommunikation mit unserer Verkehrsinfrastruktur veranschaulicht die Problematik. Barrierearme Systeme funktionieren wie unser Straßennetz. Wer von A nach B kommen möchte, dem stehen verschiedene Transportarten zur Verfügung, um ans Ziel zu gelangen. Eine Möglichkeit ist es, das Straßennetz zu nutzen. Dafür kann man sich zum Beispiel ein Auto kaufen, bei dessen Wahl des Herstellers und des Antriebs (Benzin, Diesel, Elektro, Hybrid, Wasserstoff) ich frei wählen kann. Alle Pkw-Modelle von jedem Hersteller können die Straßeninfrastruktur nutzen. Möchte ich also von meinem Haus in Hildesheim eine Person in der Uckermark besuchen, stellt das kein Problem dar, sofern ich ein Auto besitze. Es könnte sich nun neben diesem Straßennetz, ein weiteres Netz entwickeln, sagen wir ein privates Schienennetz. Und stellen wir uns vor, mein Arbeitgeber würde seinen Sitz an einen Ort verlagern, an dem es lediglich einen Bahnhof, aber keine Straßen gibt. Von nun an wäre ich gezwungen, auf ein nicht-offenes Netz umzusteigen, da es mir nicht möglich ist, den Anbieter, der mich auf dem Schienennetz zu meinem Arbeitgeber befördert, frei zu wählen. Sollte der Betreiber des Netzes nun anfangen die Preise unverhältnismäßig zu erhöhen oder meine Bewegungsprofile, meine biometrischen Daten oder mein Pendelverhalten zu Werbezwecken weiterzuverkaufen, habe ich keine Möglichkeit, dem zu entgehen, möchte ich meinen Arbeitsplatz behalten.

Alle unsere digitalen Systeme funktionieren über mächtige Monopole

Die Voraussetzung, um überhaupt an irgendeiner Form digitaler Kommunikation teilnehmen zu können, sei es in barrierearmen oder in nicht-barrierearmen Systemen, ist ein technisches Gerät, dessen Oberfläche auf einem Betriebssystem läuft. Egal in welcher Sparte von Geräten, haben wir es immer mit einem großen Monopolisten zu tun, der entweder zu Alphabet (Google) oder Microsoft gehört. Im Desktop- und Laptopbereich steht Microsoft bei einem Marktanteil von 88 Prozent bei mobilen Systemen wie Smartphones und Tablets steht Android aus dem Hause Alphabet bei 84 Prozent. Diese Entwicklung geht auf verschiedene Faktoren zurück, der möglicherweise entscheidende Faktor aber sind wir UserInnen selbst. Uns fehlt im Gegensatz zu vielen anderen alltäglichen Bereichen eine bewusste Auseinandersetzung im Umgang mit dem Digitalen. Unser digitales Verhalten ist konsequent auf das ausgerichtet, was uns selbst als am praktischsten oder einfachsten zu bedienen erscheint.

In anderen Lebensbereichen orientiert sich eine Mehrheit in Deutschland nicht unbedingt am Praktischsten und folgt einem moralischen Kodex. Teile der Bevölkerung trennen Müll, schnallen sich im Auto an oder kaufen Bioprodukte, obwohl es zu all diesen alltäglichen Vorgängen viel praktischere oder einfachere Alternativen gäbe.

Das populärste Beispiel für Auswirkungen von digitalen Monopolen auf unser tägliches Leben, nennt sich SEO, also Search Engine Optimization, oder das Anpassen von Strukturen, Inhalten und Schlagwörtern auf Websites. (Journalistische) Verlage, Online-Auftritte von Tages- und Wochenzeitungen sind auf Visits angewiesen, die von Suchmaschinen kommen, wobei der Plural „Suchmaschinen“ hier ein Euphemismus ist. Google hat einen Marktanteil im Bereich Suchmaschinen von 94 Prozent in Deutschland, weltweit von 92 Prozent. Das bedeutet auch, dass Redaktionen ihre Webauftritte und ihre Artikel so anpassen, dass sie von Google besser gerankt werden und in den Suchergebnissen weit oben angezeigt werden. Das muss nicht bedeuten, dass der Journalismus seine Unabhängigkeit verliert, dennoch können diese SEO-Regeln Artikel und Startseiten verändern. Dass Googles Algorithmus zum Ergebnisranking nicht einsehbar ist, gerät hier häufig in Vergessenheit. Onlinejournalismus richtet sich also teilweise nach einem Regelkanon, der intransparent ist und über den fast nichts bekannt ist.

Wir haben unsere digitale Welt selbst zu verantworten

Alphabet, Facebook und Amazon sind nicht ohne Grund zu den Mono- und Duopolisten aufgestiegen, die sie heute sind. Sie haben zu bestimmten Zeiten innovative und einfach zu bedienende Systeme geschaffen, die mit ihrer reibungslosen Oberfläche positive NutzerInnenerfahrungen erschufen. Und wir haben ohne nachzudenken und dankbar zugegriffen. Das hatte schließlich zur Folge, das ProgrammiererInnen ihre Software und Apps nur für die Betriebssysteme entwickelten, die am meisten verbreitet waren, was letztlich wieder deren Marktmacht stärkte. Da Apps für unterschiedliche Plattformen unterschiedlich entwickelt werden müssen, kostet das die Firmen und Studios viel Geld, und das rentiert sich nur, wenn auf jeder Plattform genug potentielle KundInnen zu erreichen sind. Fand man vor vier bis fünf Jahren die meisten mobilen Apps noch für Android, iOS, Windows Phone und Blackberry OS, sind die Angebote heute größtenteils auf Alphabet und Apple zusammengeschrumpft. Dies kann man EntwicklerInnen kaum vorwerfen, folgen sie doch lediglich der Markt- und Profitlogik.

Die Marktmacht der Mono- und Duopolisten im Digitalen wird noch für einige Zeit Status Quo bleiben und so leicht ist sie nicht zu ändern. Wir stehen selbst in der Verantwortung, uns für Plattformen, Betriebssysteme und Geräte zu entscheiden. Aber wir sollten keine Strukturen schaffen, die andere dazu zwingt, das zu nutzen, wofür wir uns entschieden haben. Dafür ist es notwendig, dass wir uns die grundlegenden Unterschiede der Systeme bewusst machen und jede von uns angestoßene Kommunikation danach auswählen, wie daran teilgenommen werden kann und nicht danach, was am einfachsten ist. Grundsätzlich sollte jede Kommunikation über nicht-barrierearme Systeme in schulischen, studentischen und beruflichen Kontexten aus Prinzip ausgeschlossen werden. Dafür müssen LehrerInnen, SchülerInnen und ArbeitgeberInnen geschult und aufgeklärt werden und darüber sollten wir mit unsere Eltern, Großeltern, Kinder, und FreundInnen auch im Privaten reden.

Kornelius Friz
16:34 15.02.2018
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Geschrieben von

Philou Pfab

https://geschicktgendern.de/ Cultural Manager, Design Thinker
Philou Pfab

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