Deutscher geht's nicht

Hipster CDU-Politiker Jens Spahn möchte, dass in deutschen Landen gefälligst Deutsch gesprochen wird. Was für ein hinterwäldlerisches Ansinnen
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Deutscher geht's nicht
Spricht Deutsch: Jens Spahn
Foto: Olaf Selchow/imago

Jens Spahn hat sich in einem Interview über die Berliner-Hipster-Cafés echauffiert, in denen er nicht mehr auf gut Deutsch bedient wird und dafür Kritik geerntet. Jetzt hat er noch eins drauf gelegt und in einem Gastbeitrag sein Ansinnen näher vertieft. "Sprechen Sie doch deutsch!" fordert er haltlos. Das kann man wirklich nicht so stehen lassen.

Jens Spahn ist, wie es scheint, kein Mann von Welt. Bis nach Dänemark jedenfalls hat er es wohl nicht geschafft, auch Holland, Finnland oder Schweden waren ihm vielleicht zu weit. Dort nämlich spricht man nicht nur im Urbanen und im Ländlichen Englisch, auch die meisten Fernsehsendungen sind nicht synchronisiert wie hier in Deutschland. Was zur Folge hat, dass so gut wie jeder ein ziemlich passables Englisch spricht und sich 15- ebenso wie 60-Jährige mühelos fließend zweisprachig unterhalten können, während hierzulande 40 Prozent nicht mal ein paar halbwegs verständliche Sätze zustande bringen.

Jens Spahn hingegen nennt den touristisch bedingten innovativen Berliner Kosmopolitismus provinziell und behauptet gar, man sei im Schwarzwald, im Münsterland oder in Hessen innovativer. Dort spricht man nur leider oftmals gar kein Deutsch, sondern irgendeinen seltsamen Dialekt, den kein Ortsfremder versteht und weigert sich standhaft selbst Reisenden gegenüber ins Hochdeutsche zu wechseln. So viel zu Thema kosmopolitisch.

Spahn behauptet auch, die "Hipster" aus Berlin würden sich von den "Normalverbrauchern" abschotten, indem sie ein auf der ganzen Welt als Universalsprache verbreitetes Idiom verwenden und bezeichnet es als "eine verschärfte Form des elitär-globalisierten Tourismus". Man solle doch an die Leute denken, die da nicht mithalten können, mahnt er, seine Eltern zum Beispiel. Man möchte ihm zurufen, ja Himmel, schenken Sie Ihren Eltern halt eine Sprach-CD. Schade genug, dass die kein Englisch können. Es ist ja nicht so, dass man hierzulande heute keine Möglichkeiten hätte, Fremdsprachen zu lernen. Kein Englisch zu sprechen, ist wie zu behaupten, man wisse nicht, mit welchem Knopf die Waschmaschine angeht. Bräsig und bequem, sich so verschroben gegen jedwede Sprachinfluenz zu versperren ist das. Als sei Kultur oder Sprache eine VHS-Kasette, die beim Erlernen von etwas Neuem überspielt wird. Aber Herr Spahn besteht darauf, dass wir ungebildet bleiben wie die "Bediensteten und Handwerker", wie er es nennt, nicht weltgewandt wie der Hofadel des 18. Jahrhunderts, den er als Argument anführt, der sich sprachlich-elitär vom niederen Volke abgrenzte und den die Berliner "Hipster" seiner Meinung nach verkörpern.

Weiter im Text heißt es, wir würden von Migranten "mit Recht" verlangen, dass sie Deutschkurse absolvieren. Nein, das tun wir nun wirklich nicht. Ich tue das nicht. Wer sind wir denn, dass wir von Menschen, die gerade durch die Hölle gegangen sind, verlangen, dass sie als erstes, nun, da sie endlich in Sicherheit sind, da sie einmal ruhig schlafen können, ohne zu befürchten, dass ihnen das Dach über dem Kopf wegfliegt, zu verlangen, dass sie jetzt erst einmal Deutsch lernen. Wie absurd. Sie dürfen das gerne tun, aber wenn sie nicht wollen oder können, sollte das meiner Meinung nach kein Zwang sein, so wie es auch kein Zwang sein sollte, anderen die eigene Kultur aufzudrängen. Das ist doch irgendwie ein Widerspruch in sich. Die einen sollen sprachgewandt sein, die anderen dürfen ihr Leben lang in ihrem kauzigen Hinterwäldler-Dialekt herumdümpeln. Und das Ganze wird geopolitisch, quasi ortsbezogen festgemacht, daran, in welchem Land man gerade weilt. Wir sollten über solche Kurzsichtigkeiten wirklich langsam hinweg sein, weltoffener im Denken.

Wenn es Herr Spahn stört, dass er im Urlaub nicht mehr die hübschen kleinen kulturellen Besonderheiten genießen kann, dass Brüssel dasselbe sei wie Belgrad und die Unterschiede "nivelliert" würden, dann möchte man ihm tunlichst empfehlen, sich zunächst an ein paar global operierende Großkonzerne zu wenden - McDonald zum Beispiel oder Starbucks, das wären ja eher die richtige Adressaten - anstatt ein paar lustige Großstadt-Hipster anzunörgeln, die ja auch nur versuchen, den stinkigen deutschen Mief der Starrköpfigkeit mal ein bisschen durchzulüften. Und Herr Spahn könnte für den Anfang zur Abendunterhaltung seine Lieblings-Serie einfach mal im Originalton ansehen?

14:32 24.08.2017
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