Pi-Po-Patschehändchen

Feminismus Draußen tobt die #metoo-Schlacht, drinnen werden munter weiter Hintern getätschelt
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Pi-Po-Patschehändchen

Foto: Bertrand Guay/AFP/Getty Images

Kürzlich hat mir wieder einer auf den Hintern gehauen.

Mir ist das lange nicht passiert und ich stelle mir vor, dass ich irgendwann, wenn es gar niemand mehr tut, traurig sein werde und denke, damals, als mir noch dauernd jemand auf den Po gehauen hat, das waren noch Zeiten. Aber wahrscheinlich eher nicht. Ich kann mich nicht entsinnen, je von dieser unsubtilen und archaischen Geste angetan gewesen zu sein. Auch wenn ich oft eher höflich lächele als ausflippe.

Der Delinquent - das ist natürlich scherzhaft gedacht - war ein Freund, also jemand, den ich kenne, wenn auch selten sehe, was die Sache unangenehm gestaltete. Es war noch dazu jemand, den ich als politisch versiert, sphärisch korrekt bezeichnen würde. Jemand, der sich Gedanken macht, politische Messages auf Facebook teilt, resolute politische Beiträge verfasst, auch feministische Inhalte, in Netzwerken aktiv ist, engagiert. Trotzdem tatscht er mir auf den Po. Das muss eine Form kognitiver Dissonanz sein.

Ich weiß natürlich, dass es keine böse Absicht ist. Hoffe es zumindest. Dass es eine scherzhafte, vielleicht freundschaftliche Geste sein soll. Denke ich zumindest. Welche Message genau dahinter steckt, kann ich gar nicht sagen. Ich weiß nicht, was dieses Arschklatschen bezweckt und bin auch immer wieder brüskiert, wenn es jemand tut. Ist das eine Sympathiebekundung? Eine Zurechtweisung? Habe ich etwas Verkehrtes gesagt? Und wenn ja, weshalb dann diese, nun ja, archaische Geste? Kann man das nicht anders ausdrücken? Mir fehlt da etwas das kommunikative Element. Es MUSS eine Möglichkeit geben, Probleme, ja, gewaltfrei zu lösen.

In Wahrheit glaube ich, dass in den meisten Fällen gar keine konkrete Absicht dahinter steckt, sondern eine Art reflexhafter Impuls, der sich im Autopiloten vollzieht. Mir wurde schon oft auf den Popo gehauen, von unterschiedlichen Menschen, hauptsächlich, wenn auch nicht ausschließlich, von Männern und in 98 Prozent ohne mein erklärtes Einverständnis und ohne Vorwarnung. Es macht patsch und dann steht man da (mit wirrem Haar) und weiß nicht, was los ist. Ja, ich halte das für eine obszöne Geste. Eine typisch männliche dazu, auch wenn es ebenso Frauen gibt, die Männern auf den Hintern hauen und Frauen auf Frauen usw. Im besten Fall ist das unziemlich, im ärgsten übergriffig.

Einmal sind mir die Sicherungen durchgebrannt und in einer Art Kurzschlußreaktion habe ich auch einem Typen auf den Arsch gehauen. Ich nenne den Typ Typ, obwohl es streng genommen ein Mann war oder vielleicht ein spätpubertärer Jüngling. Jedenfalls war er berüchtigt, ja, berüchtigt, dafür, Frauen am Hintern herumzutatschen, in durchaus polyamouröser Manier. Da stand der Typ und seine Hände, die schon so viele Frauenpopos befühlt hatten, fuchtelten herum und ich holte aus und *klatsch*. Es war sehr beeindruckend anzusehen, wie sein Gesichtsausdruck sich veränderte, von Erstaunen zu Entsetzen bis hin zu peinlich berührt. In meinem ein diabolisches Grinsen. So stelle ich es mir vor. Später hatte ich ein schlechtes Gewissen, weil ich von Natur her penibel penetrant moralisch bin. Wie heißt es so schön, Rache ist Dinkelgulasch. Aber in diesem Fall war es wohl eher eine reflexhafte Gegenreaktion, die Synapsen sandten die akute Botschaft *so, jetzt reicht's*, die im neuronalen Aktionspotential mit der Handlungsanweisung *hau feste druff* resultierte. Dagegen ist man machtlos. #nichtmitmir statt #metoo. Er hat mir jedenfalls nie mehr an den Hintern gepackt. Er macht einen großen, respektvollen Bogen um mich, bis heute.

Was aber ist nun dieses, nennen wir es liebevoll Schinkenklopfen? Ein Macho-Ausdruck? Eine Unterdrückungsgeste? Die oder der Gehaute ist meist überrumpelt, kann das Geschehen nicht einordnen. Man denkt, was is' nu los? Ich würde es auch als sexistisch bezeichnen. Denn so ein Po ist ja, auch wenn wir oft nur, ohne ihn weiter zu beachten, auf ihm herumsitzen, eine erogene Zone und ich habe es ungern, wenn Menschen daran ungefragt herumtatschen. Das widerspricht nicht nur feministischen Grundsätzen, sondern auch ganz simplen Regeln des Zusammenlebens, des friedfertigen Miteinanders, des respektvollen Umgangs. Die 'Konversation' wird dadurch mehr oder weniger unvermittelt auf eine körperliche Ebene verrückt, was zumeist unpassend ist.

Man könnte behaupten, das Ganze sei ein zärtlicher Anbahnungsversuch, was ich im beschriebenen Fall vehement zurückweisen kann. Und selbst wenn, wäre diese Argumentation alles andere als hiebfest; schließlich sind wir nicht in der Steinzeit und dies die unpassendste Art, jemanden aufzureißen. Das kann man ja höchstens am Ballermann bringen, mit heruntergelassenen Bermuda, rücklings im Sangriakübel hängend. Mir auf den Po tatschen, das dürfen im Grunde nur Menschen, mit denen ich sehr intim bin und das auch schon sehr lange. Jemanden, mit dem man gerade anbändelt, auf den Allerwertesten zu dreschen ist ein bisschen so, als würde man beim ersten Date fragen, ob der Gegenüber nicht noch den Abwasch machen wolle.

Was also tun? Man könnte, ganz profan, den chronischen 'Schläger' fragen, warum er einem gerade auf den Hintern gehauen hat. Man könnte eine Grundsatzdiskussion vom Stapel reißen, zurückdreschen, wie oben, oder sich laut schreiend auf den Boden werfen. All das ändert langfristig und global betrachtet wenig. Männer werden vermutlich weiter auf weibliche Hinterteile hauen, als hätten sie die gepachtet. So, als wäre dort ein rotes Kreuz aufgemalt mit einem Pfeil und der Aufschrift, bitte hierhin zielen. Ist aber nicht so. Nein, wir brauchen tatsächlich mehr aufgeklärte und höfliche Männer (und natürlich auch Frauen, Trans* usw.), die sich nicht von ihren Trieben oder was sonst so durch ihre Venen fließt, treiben lassen. Sie müssen nun nicht gleich bückdienern, unablässig Türen aufhalten. Aber gewisse Grenzen sollte man schon einhalten. Das hat etwas mit Rücksicht und respektvollem Miteinander zu tun.

Heute ist Silvester, da geht's ja bekanntlich zur Sache. Kein Grund, die gute Erziehung über Bord zu schmeißen. Denken Sie also bitte daran, wenn Sie heute abend auf dem Tisch tanzen und der Heidi von hinten ans Fahrgestell wollen. Bevor man jemandem an den Hintern tatscht, sollte man höflich fragen.

15:05 31.12.2017
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