Warum der Klimawandel uns kalt lässt

Psychologie Warum der Klimawandel den meisten Menschen eher egal ist, hat neurobiologische Gründe. Der Meeresspiegel steigt, weil wir noch immer mit der Keule durch den Wald laufen.
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Warum der Klimawandel uns kalt lässt
Atomkraftwerke gibt es auch hierzulande. Die Gefahr ist real. Warum aber wird sie nicht permanent als solche wahrgenommen?

Foto: Sean Gallup/Getty Images

Mit dem Klimawandel ist es so eine Sache. Wissenschaftlich ist es erwiesen, dass es ihn gibt, dass er in Gange ist und ein globales Problem darstellt. Das arktische Meereis schrumpft seit Jahren bedenklich. Sturmfluten, tropische Wirbelstürme, Überschwemmungen nehmen zu. Die Gefahr von Dürren und Trockenheiten steigt. Trotzdem lässt uns das alles weitgehend kalt.
Nehmen wir ein anderes Thema, die Verschmutzung der Umwelt. Wachsende Müllberge, Bilder gigantischer Autoreifenberge, Schiffsladungen Elektromüll, Kunststoffstrudel in den Ozeanen.
Oder der CO2-Ausstoß. Oder die Luftverschmutzung. Erst kürzlich wieder die Meldung, der Fleischkonsum sei gestiegen. Das ist nicht nur ein Fall für Peta. Fleischproduktion verursacht Treibhausgase, vor allem Methan. Methan belastet die Atmosphäre, 23-mal mehr als Kohlendioxid.

Dass wir ein Umweltproblem haben, ein massives noch dazu, ist offensichtlich. Aber es lässt uns weitgehend kalt. Im Oktober ging die Meldung durch die Medien, das französische AKW Fessenheim werde womöglich doch bis 2022 am Netz bleiben. Der Reaktor steht im Elsaß, nahe der deutsch-französischen Grenze, in einer Erdbebenzone, hat immer wieder Sicherheitsprobleme und sollte bereits 2018 heruntergefahren werden. Käme es zu einem ernsten Unfall, hätte das unvorstellbare Folgen für Mitteleuropa. Warum uns das so kaltlässt, obwohl die ganze Welt erst 2011 im Life-Ticker der Kernschmelze in Fukushima beiwohnen konnte, hat psychologische Gründe. Es ist nicht so, dass wir uns der Gefahren und Folgen eines atomaren Unglücks, der Umweltverschmutzung, des Klimawandels nicht bewusst sind. Es ist uns mehr oder weniger egal. Und zwar genau so lange, bis es uns direkt betrifft oder genügend Ausmaße hat, um einer Sensationslust zu genügen. Man kann es auch so sagen: wenn in Mogadishu hundert Zentner Schrott vor sich hin kokeln, ist uns das absolut Stulle, solange niemand seinen Müll direkt vor unserer Haustür ablädt. Dann werden wir ein bisschen stinkig.

Um uns aufzuregen, müssen die Dinge uns also entweder direkt betreffen oder genügend Schlagkraft entwickeln um als halbwegs annehmbare Sensation durchzugehen. Das hat neurobiologische Ursachen. Natürlich ist der Mensch in der Lage, ein Gewissen und Mitgefühl zu entwickeln, aber was ihn wirklich aufregt, darüber entscheidet sein Kopf.

Das menschliche Gehirn ist ein sehr altes Organ und hat sich in den letzten paar hunderttausend Jahren kaum verändert. Es genügt den Ansprüchen des reinen Überlebens. Der Mensch läuft, übertragen gesagt, noch mit der Keule durch den Wald, egal was wir tun, ob wir im Auto sitzen oder Nachrichten sehen oder den Müll wegbringen.
Warum bestimmte Dinge uns mehr aufregen als andere, hängt damit zusammen, ob eine Situation als bedrohlich eingeordnet wird. Die Meldung, dass etwas passieren könnte, genügt allein nicht. Die Bedrohung muss erfahrbar sein. Wenn vor laufenden Kameras ein Atomreaktor schmilzt, ist das der Fall. Wenn eine Brücke einstürzt, ein Sturm eine Insel verwüstet, ist das auch der Fall. Man kann life mitfühlen, allerdings nur, wenn die Bedrohung auch akut ist und einen selber betrifft. Deshalb hat eine eingestürzte Brücke in Italien mehr Schlagkraft als eine Sturmflut in Indonesien. Atomkraftwerke hingegen gibt es auch hierzulande. Die Gefahr ist real. Warum aber wird sie nicht permanent als solche wahrgenommen? Warum war das Thema Atomkraft schon ein Jahr nach der Katastrophe von Fukushima aus den Köpfen verschwunden?

Aus zweierlei Gründen. Zum einen liegt es an der medialen Abnutzung von Bildern in unseren Köpfen. Zum anderen wirken dabei neurologische Prozesse, die mit dem Nervenkitzel zusammenhängen, den eine derartige Katastrophe auslöst. Biologisch funktioniert das ähnlich, wie wenn man nachts durch den Wald läuft oder einen Horrorfilm ansieht. Im Körper werden dabei bestimmte Botenstoffe freigesetzt, unter anderem Dopamin, weil eine Gefahrensituation an das Gehirn gemeldet wird. Der Körper wird in Handlungsbereitschaft versetzt, die Sinne werden geschärft und Gehirnareale aktiviert, die für Flucht- und Angriffsreflexe zuständig sind. Dadurch, dass wir eine bedrohliche Situation sehen, visuell wahrnehmen, werden wir emotional erregt. Das war in der Urzeit lebenswichtig, wenn unerwartet ein Säbelzahntiger auftauchte, musste man die Beine in die Hand nehmen und sich so schnell wie möglich vom Acker machen. Diese Fähigkeit ist uns erhalten geblieben. Nur dass wir nicht mehr wirklich wegrennen, sondern in der Lage sind, die Situation einzuschätzen und uns nach einer Weile beruhigen. Wir bleiben im Kinosessel sitzen und essen weiter Popkorn.

Dieser ganze Prozess wird jedoch als anregend empfunden. Dopamin ist ein Neurotransmitter, der beispielsweise auch bei Sex oder beim Essen ausgeschüttet wird. Wenn der Dopaminspiegel steigt, erzeugt das ein Glücksgefühl. Deswegen gucken wir nicht nur gerne Gruselfilme, sondern auch Katastrophenmeldungen. Sie euphorisieren uns für einen kurzen Moment, steigern die Herzfrequenz, machen uns wach.
Die Möglichkeit einer eventuellen Gefahr vermag das nicht. Man kann sich das etwa so vorstellen: die Aussage, dass es im Wald zu nächtlicher Urzeit gruselig ist, dass dort womöglich Gefahren lauern, wilde Tiere oder ein Axtmörder, lässt uns eher kalt, solange wir in der heimischen Küche sitzen und Latte Macchiato aus der Maschine trinken. Laufen wir aber tatsächlich nächtens durch den Stadtpark, so kann uns das leiseste Knacken eines Zweiges in helle Aufruhr versetzen, das Herz rast und eventuell rennen wir weg, was uns möglicherweise davor bewahrt, Opfer eines Serienkillers zu werden.

Genauso verhält es sich mit Nachrichten. Die Mitteilung, dass die Umwelt verschmutzt ist, ein Kernkraftwerk marode oder in zehn Jahren das Risiko für Sturmfluten steigt, wenn wir nicht öfter mal den Bus nehmen, ist uns so ziemlich gleichgültig. Die Reaktion bleibt aus, bis das Ereignis wirklich eintritt. Wir sind Opfer eines Gehirns, eines Mechanismus, der dazu konzipiert ist, unser Leben zu beschützen, aber auf die gegenwärtigen, langfristigen Probleme nicht gut anwendbar. Im Übrigen sind wir mittlerweile auch einfach übersättigt von den endlosen schlechten Botschaften und Zukunftsvorhersagen. Diese Abstumpfung ist ebenso lebensnotwendig wie die kurzzeitige Erregung. Der Körper kann nicht ununterbrochen in Alarmbereitschaft sein, das würde unsere Kräfte übersteigen. Abstumpfung ist somit auch ein Selbstschutz, ansonsten könnten wir das ganze Elend, Leid und die Katastrophen, die am laufenden Band auf uns einprasseln durch die Allgegenwart der Medien überhaupt nicht ertragen. Für die Umwelt und auch für die Zukunft der Menschen, Kinder und Kindeskinder ist das mehr als fatal. Die Evolution wird uns am Ende besiegen.

16:05 07.11.2018
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