Bericht von der Frankfurter Buchmesse

Cut-Up-Text Wissen besteht aus Informationen. Informationen werden auch heute noch hauptsächlich über das geschriebene Wort festgehalten. Egal, ob Internet oder bedrucktes Papier.
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Text ist daher immer noch das zentrale Medium einer aus Kommunikation bestehenden Welt. Auch wenn diese immer undurchsichtiger wird. Denn spätestens seit der digitalen Evolution unterstützen überdimensionale Textmassen die zunehmende Unwahrscheinlichkeit, aus dem Meer an Informationen auch ein Mehr an Wissen zu produzieren. Die Entropie ist unaufhaltsam.

Dafür ist nichts beispielhafter als eine Buchmesse. Hier lässt sich das Phänomen der explodierenden Informationsmassen bei gleichzeitigem Informationsverlust in seiner Materialität beobachten. Ein Pflichtbesuch für ntropy.de.

Phire und Nemo waren an jeweils unterschiedlichen Tagen unabhängig voneinander vor Ort. Aus den Berichten entstand ein Cut-Up-Text, der die jeweiligen Perspektiven miteinander verschränkt…

Phire, Donnerstag, 9.34 Uhr: Als ich voller Tatendrang die Ameisenstraße Richtung Halle 3 betrete, schrumpft meine idealistische Seifenblase mit jedem Schritt: zu viele Menschen, zu viele Bücher, zu viel Ablenkung vom Wesentlichen. Und statt interessanter Erkenntnisse, die gute Literatur biete, nur Gedankenfetzen, die sich wie unzählige Tabs in meinem Kopf öffnen. Vielleicht sollte ich mich daran gewöhnen, und die imaginären Browserfenster sind das Symbol des modernen, fragmentierten Wissens der Zukunft.

Automat, Sonntag, 12.47: Die Leute in der S-Bahn stehen dicht gedrängt! Ich sehe eine Person mit einem „Free Hug“-Schild. In der S-Bahn fühlt sich jedoch keiner dazu hingezogen, dieses Versprechen in Anspruch zu nehmen. Der Junge mit dem Schild wirkt wiederum nicht im Geringsten so, als habe er die Lust, oder die Reife, bedürftigen Menschen eine Umarmung zu schenken. Die erste realweltliche Begegnung mit der „Free-Hug-Bewegung“ zerstört diese für mich….

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Innen geht es weiter. Menschen in Tierkostümen sind ja eigentlich nichts Außergewöhnliches mehr auf Massenveranstaltungen - trotzdem muss ich hinschauen: Einhörner, Gothic-Lolitas, „Gothic“ Rosa-Lolitas (aber nur unter sich), Gasmasken-Träger, Asiaten mit Atemschutzmasken, Dirndl-Trägerinnen, Elfen mit Köcher und Bogen, Mittelalter-Volk, Zombies mit schlechtem Kunstblut an zerrissenen Strumpfhosen an zukünftigen Bürofachangestellten, eine Person mit einem neuronal gesteuertem Schwanz[1], Super Mario und Luigi, Ich.

Phire, Donnerstag, 10:14: Verlags-Kirmes. In den sieben verschiedenen Hallen kleben die Stände der Verlage förmlich aneinander und konkurrieren mit Bonbons und Kugelschreibern um die kurzen Aufmerksamkeitsspannen der zombiesken Fachbesucher. An jeder Ecke werden meistens überflüssige und selten gute Sachbücher diskutiert, Romane gelesen, Revolutionen ausgerufen, millionenfach Gesagtes wiedergekäut und nicht zuletzt: Business, Business, Business, bis die zerkauten Discounter-Kekse an den Ständen dem gleichen, was in den Köpfen der Besucher längst entstanden ist: Gehirnbrei.

Automat, Sonntag, 13:37: Es ist so voll hier drin. Die Messe ist darauf vorbereitet. Alles ist ausgeschildert und der elektrische Boden transportiert das konsumwillige Volk zur nächsten Attraktion. Es fühlt sich merkwüdig an, diese Ausdrucksweise in Bezug auf Bücher zu verwenden. Aber eine Messe ist eine Messe und auf Messen kommen Massen. Und Massen sind meistens mit Vorsicht zu genießen.

Und so laufe ich über die Buchmesse und denke mir, dass sie Ausdruck der uns umgebenden Entropie ist. Und dann denke ich, dass sie zu altmodisch ist, für meine Vorstellung der Entropie und der damit verbundenen Notion unseres Blogs. Ist die Kommunikation, die Information, nicht vielschichtiger geworden seit dem Phänomen Internet? Die reine Masse an gedruckter Information jedoch nimmt ebenfalls stetig zu. Auf der Frankfurter Buchmesse werden jährlich etwa 75.000 neue Bücher vorgestellt.

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Phire, Freitag, 13.07: Auf der Lese-Bühne des Paschen Literatursalons steht ein Autor, der offensichtlich nichts lieber macht, als in Aufmerksamkeit zu baden. Der populistische Titel seines aktuellen Buches „Denken ist dumm" lässt mich interessiert auf einem der weißgelackten Barhocker Platz nehmen, in der Hoffnung, meine durch Luft- und Welt-Entzug gestiegene Sehnsucht nach Komplexitätsreduktion befriedigen zu können.

Zumindest hier werde ich nicht enttäuscht.

Der hauptberufliche Unternehmensberater erweist sich als ein selbstverliebter „Wenn-er-nicht-Unternehmensberater-geworden-wäre-dann-würde-er-den-symphatischen-und-langhaarigen-Strahlemann-in-einem-ARD-Vorabend-Film-spielen“. Und in der einzigen Action-Szene des Films, unterlegt mit abgenutzter Spannungsmusik aus dem Ton-Archiv, einem Kind das Leben retten, indem er sich selbst in Gefahr bringt und damit doch noch der alleinstehenden Mutter imponiert, die ihn als Neuankömmling aus "der Stadt" zuvor noch argwöhnisch begegnete, woraufhin sich dann doch noch via Liebe auf den zweiten Blick eine zähflüssige Romanze entfaltet.

Automat, Sonntag, 17. 18: Natürlich verändert sich auch die Welt der Literatur. Ich kenne die Probleme und Grabenkämpfe der kommerziellen Bücherwelt, die ängstlichen Verlage, wie sie mit aller Macht versuchen, sich auf das, was manche als Web 2.0 beschreiben, einzustellen und es eigentlich doch gar nicht wollen. „Erzählen Sie mir etwas über Social Media, damit ich es danach als lächerliches Phänomen abtun kann“ scheint die Einstellung mancher zu sein. Zumindest einen kleinen Seitenhieb können sich die ein oder anderen, meist älteren, Teilnehmer von Social Media Workshops nicht verkneifen: „Da wird ja die meiste Zeit eh nur über das Mittagessen oder sonstige Nichtigkeiten gesprochen“. Die fundamentale Revolution von Medien und Kommunikation ist ihnen keineswegs geheuer. Sie würden diesen in ihrer Welt auch gar nicht mitbekommen. Nur durch die Medien, gegebenenfalls durch die eigenen Kinder und durch die Vorgesetzten, die wiederum von ihren Vorgesetzten, aus den Medien oder durch Berater mitbekommen haben. Wozu soll das Ganze also gut sein?

Phire, Freitag, 13:23: Eines muss man ihm lassen, sein beachtliches rhetorisches Talent stehen maximal unproportional zu den vorgetragenen Instant-Weisheiten aus der Kategorie „perfekter Smalltalk-Trash für angespannte Gesprächspausen beim Businesslunch“.

Statistisch legitimierte Binsenweisheiten.

Futter für die amüsier-hungrige Masse.

Der sitcomartige Pointen-Lach-Pointen-Lach-Rhythmus wird mit der Zeit immer unheimlicher. Verwirrung: Sind das Anekdoten aus seinem Alltag als Unternehmensberater oder die Erlebnisse eines Rockstars?

Es ist die aufgezwungene Heiterkeit, mit der im neoliberalen Zeitalter dafür gesorgt wird, dass Arbeit gefälligst etwas zu sein hat, das Spaß macht, gewürzt mit dem latenten Hinweis, dass es auch in den Führungsetagen dieser Welt lustig und lässig zugeht.

Es ist die beängstigende Zwangsjacken-Lockerheit des realistischen Kapitalismus, der immer damit beschäftigt ist, den Leuten die Übermacht des Marktes als die einzige gesellschaftliche Alternative zu verkaufen.

to be continued...(Teil 1/2)

[1] sowas gibt es mittlerweile wirklich. Es geht aber noch abgefahrener: http://youtu.be/9jpWiTVR0GA
Phire, Nemo
12:26 10.12.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Phire

Phire ist Soziologe & Journalist (taz, SPEX, De:Bug, Jungle World, WOZ) und arbeitet u.a. an der Auflösung eines elitären Kulturbegriffs.
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Phire

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