Aus der Heimat, weit weit weg! (2-8)

Erinnerungen aus dem Irak Birhat Alshaibo (15 Jahre) berichtet von seiner Kindheit in einer jesidischen Kleinstadt
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Nicht nur Ziegen und Schafe sind hungrig

Meine Freunde in Deutschland haben eine Katze. Sie heißt Kuro. Ich habe hier ein paar Wellensittiche, aber die beiden haben keinen Namen. Im Irak geben wir unseren Tieren meistens keine eigenen Namen, vermutlich weil die meisten Familien zu viele Tiere besitzen. Wir hatten meistens zwischen zwölf und fünfzehn Schafe und Ziegen, aber auch Hühner, Tauben, Wellensittiche und Kanarienvögel. Hunde hält man sich nur wenn man sie zum Aufpassen für die Schafe braucht. Obwohl ich fast jeden Tag unsere Tiere auf die Weide gebracht habe und gerne einen Hund dabei gehabt hätte, durfte ich keinen mit nach hause nehmen. Hunde hätte es überall gegeben. Sie leben frei auf der Straße, manche waren sehr gefährlich aber es gab auch andere die ganz freundlich aussahen.

Auch die Familie meines Cousins, der damals wie ich elf Jahre alt war, hatte Schafe und Ziegen. Nach der Schule haben wir gemeinsam unsere Tiere aus unserer kleinen Stadt hinaus geführt. Einer von uns ging immer vorne um den Weg zu zeigen, der andere ganz hinten damit kein Tier verloren geht. Wir mussten darauf aufpassen, dass die Tiere auf den Wiesen bleiben und nicht in die Felder der Bauern gehen.

Im Irak regnet es sehr selten. Wasser für die Tiere gibt es deshalb nur in Kanälen. Diese Kanäle bringen Wasser von weit her auf unser Land. Das Wasser fließt dort durch einen steinigen Abhang, der an mehreren Stellen über fünf Metern tief ist. Dort ist es gefährlich hinunter zu steigen. Nur wenn wir alleine, ohne unsere Tiere waren, haben wir uns getraut bis zum Wasser hinunter zu klettern. Mit den Schafen und Ziegen mussten wir aber sichere Wege benutzen, damit sie Wasser zum trinken bekommen konnten.

Wir blieben jedesmal viele Stunden mit mit unseren Tieren draussen. Die Schafe und Ziegen wurden mit der Zeit satt, weil sie überall etwas zu fressen fanden. Wir beide wurden aber gleichzeitig immer hungriger. Darum ist jeden Tag einer von uns zurück nach hause gelaufen, um Fleisch und Tomaten zu holen. Der andere hat in der Zwischenzeit Brennholz für ein Grillfeuer gesucht. Wir hatten uns an einer steinigen Stelle einen festen Grillplatz hergerichtet. Dort konnte sich das Feuer nicht ausbreiten. Wir hatten uns vier größere, viereckige Steine ausgesucht auf die wir unsere Grillspieße legen konnten. Unser gemeinsames Essen war immer sehr lecker.
Am Ende unserer Mahlzeit haben wir auf dem offenen Feuer auch noch Tee gekocht. Alle Iraker können euch bestätigen, dass Tee auf offenem Feuer zubereitet am aller besten schmeckt.

13:30 10.02.2021
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Geschrieben von

Philipp Tenta

österreichischer Komponist und Autor. Kulturrezensionen für die Neue Westfälische. Betreut seit 2015 minderjährige Flüchtlingee
Philipp Tenta

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