Aus der Heimat, weit weit weg (3-8)

Schule und Geld verdienen Über das Leben von Kindern in einer irakischen Kleinstadt. Birhat erzählt weiter...
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Mein Vater hatte in Baadre Elektrogeräte repariert um Geld zu verdienen. Nach seinem Tod mussten wir – meine Mutter, meine Brüder und ich überlegen wie wir zu etwas Geld kommen können. Mein älterer Bruder Sherzad war damals 11 Jahre alt, ich ungefähr neun. Gemeinsam mit meiner Mutter hatten wir eine super Idee. Es gab in unserer Nachbarschaft nur einen großen Lebensmittelladen. Dort wurde aber alles nur in großen Packungen verkauft. Wenn ich mir eine einzelne Cola kaufen wollte, musste ich an einen weiter entfernten Ort gehen. Deshalb wollten wir unseren eigenen, kleinen Laden eröffnen, in dem man Chips, Getränke und Süßigkeiten kaufen kann. In Deutschland nennt man so etwas Kiosk. Die Werkstatt meines verstorbenen Vaters konnten wir als Geschäftsraum verwenden. Mein älterer Bruder Sipan hatte schon eine eigene Arbeit und konnte uns ungefähr 25€ als Startkapitel geben. Wir begannen mit dem Verkauf von Chips und Saft. Die Nachbarkinder haben uns schon am ersten Tag alles abgekauft. Danach konnten wir uns mehr Waren besorgen.
Nach ein paar Monaten hatten wir viele verschiedene Dinge zu verkaufen. So stand ich, mit gerade neun Jahren oft alleine im Laden und verkaufte dort auch Bier und Zigaretten. Ganz normal!

Wegen unserem Laden musste ich meistens sehr früh aufstehen. Viele Kunden wollten auf dem Weg zur Arbeit oder in die Schule etwas einkaufen. Danach hieß es schnell Schuluniform anziehen, etwas zu trinken einpacken und ab in die Schule! Eigentlich war die Schule im Irak ganz ähnlich wie in Deutschland. Auch die Tische in meiner Grundschule sahen aus wie in Deutschland, aber mehr so wie in einer Museumsschule..
Grundschule heißt im Irak Madrasa Shera und hat sechs Klassen, die Mittelschule danach heißt Madrasa Mitra. In meiner Klasse waren mehr Jungs als Mädchen, weil Mädchen oft zuhause arbeiten müssen. Aber auch ich habe meistens nach der Schule noch gearbeitet und Geld verdient.

In unserer Schule gab es keine islamischen Kinder, alle waren Yeziden. Die Lehrer und Schüler haben im Unterricht immer Kurdisch gesprochen. Arabisch und Englisch wurde als Fremdsprache unterrichtet.
Geschrieben und gerechnet haben wir mit arabischen Schriftzeichen und Zahlen. In Deutschland denken alle, dass man hier mit arabischen Zahlen rechnet, aber wir haben im Irak ganz andere Zahlen verwendet.

In islamischen Schulen müssen die Kinder den Koran auswendig lernen. In unserer yezidischen Schule mussten wir stattdessen den Ezdiati auswendig lernen, ein Buch mit den Lebensregeln der Yeziden.

An einem besonderen Tag im Jahr müssen alle Schüler gemeinsam die Stadt sauber machen. Wir wurden in Dreiergruppen aufgeteilt. Ich war mit meinen Freunden in einer Gruppe und wir sollten unsere eigene Straße putzen. Wir hatten aber gar keinen Bock darauf! Als wir bei meinem Laden ankamen, haben wir uns dort versteckt. Haben Sonnenblumenkerne geknabbert, Süßigkeiten gefuttert und uns etwas zu trinken gesucht. Alle anderen aus unserer Klasse haben uns in der Zwischenzeit erfolglos gesucht. Erst als wir rauskamen, haben sie uns entdeckt.
Zur Strafe mussten wir drei danach alleine länger arbeiten. Auch meine Mutter war sauer und wir mussten auch noch den Laden sauber machen.

11:07 19.02.2021
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Geschrieben von

Philipp Tenta

österreichischer Komponist und Autor. Kulturrezensionen für die Neue Westfälische. Betreut seit 2015 minderjährige Flüchtlingee
Philipp Tenta

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