Aus der Heimat, weit weit weg! (6/8)

Die Gefahr kommt näher. Birhat (15) erzählt von der ersten Flucht aus seiner jesidischen Heimatstadt
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Daesh kommt näher!


Der Irak im Krieg gegen Israel? Krieg gegen den Iran? Nie davon gehört! Auch von den amerikanischen Irakkriegen weiß ich nichts. Amerikanische Soldaten habe ich bei uns nie gesehen. Meine Großmutter hat mir aber viel von Kämpfen gegen die Yeziden erzählt.
In meiner Familie habe ich zum ersten Mal von Daesh gehört, aber erst nachdem sie Shingal, unsere yezidische Hauptstadt angegriffen hatten. Daesh ist unser Name für den „Islamischen Staat“. Aus unserer Stadt sind viele Männer und Frauen nach Shingal gegangen um dort gegen diesen Islamischen Staat zu kämpfen. Der Mann meiner ältesten Schwester war damals Soldat und ist auch in Shingal zum Einsatz gekommen. Die Erwachsenen haben viel über Daesh gesprochen, aber wir Kinder durften dabei fast nie zuhören.

Ein Nachbar hat uns spät an einem Abend alarmiert, dass die Kämpfer von Daesh schon ganz in unserer Nähe wären. Wir sollten alle möglichst schnell aus der Stadt fliehen! Wir hatten in dieser Zeit schon Verwandte bei uns wohnen, die aus Shingal geflüchtet waren. Auf den Dächern der Stadt sollten nur einige Männer zurückbleiben mit Waffen und Maschienengewehren.

Die Straßen waren voll mit Autos, deshalb ging es nur langsam vorwärts. Zusammen mit anderen Verwandten haben wir eine Gruppe von sieben Autos gebildet. Vor der Abfahrt haben wir unseren Laden leer geräumt und alles mitgenommen. Auch Decken, Matrazen und Klamotten haben wir eingepackt. Um nicht im Stau zu stehen, sind wir über einen Feldweg aus der Stadt gefahren. Den Rest der Nacht haben wir auf einem Berg verbracht. Wir konnten nur ein bisschen schlafen, mein kleiner Bruder Sivan war damals fünf Monate alt und hat die ganze Nacht geweint.

Am nächsten Morgen sind wir im Dorf einer meiner Tanten angekommen. Unser Auto hatte fünf Sitzplätze, wir hatten es aber geschafft neun Personen hinein zu quetschen. Ich habe sogar Leute gesehen, die im Kofferraum von Autos mitgefahren sind und dort ihre Sachen festgehalten haben. Meine Tante hatte genug Platz um uns alle unter zu bringen. Manchmal, weil es zu dieser Zeit sehr heiß war, haben wir nachts auf den Dächern der Häuser geschlafen.

Um unsere Schafe, Ziegen, Hühner und meine Wellensittiche zu füttern, die zurückgeblieben waren, mussten wir trotzdem öfters zurück nach Baadre fahren. Die Stadt war wie ausgestorben und fast menschenleer! Aus der Ferne konnte man immer wieder Bomben und Schüsse hören. Erst nach mehreren Wochen war es wieder sicher genug um in unser Haus zurückkehren zu können.

13:14 07.03.2021
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Geschrieben von

Philipp Tenta

österreichischer Komponist und Autor. Kulturrezensionen für die Neue Westfälische. Betreut seit 2015 minderjährige Flüchtlingee
Philipp Tenta

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