Der vollendete Tanzpartner

Nahtoderfahrung (1/12) In den späten 80'er Jahren entwickelt sich eine Reise nach Taiwan zu einer intimen Begegnung mit dem Sterben
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Eine Frage nach weißem Licht

Allmählich wird es dunkel, Kartoffeln liegen im Feuer, Getränke warten angenehm gekühlt auf uns. Kleine Abschlussparty auf der Wiener Donauinsel nach einem gemeinsamen, internationalen Kulturprojekt mit Jugendlichen. Jeder plaudert aus seiner persönlichen Geschichte, warum ist man jetzt gerade hier, weshalb war man früher ganz woanders. Es ist ein bisschen anders als gewohnt. Niemand versucht sich selbst in Szene zu setzen, sondern man hört einander interes­siert zu. Woanders sein ist eine meiner Stärken, deshalb bleibt das Gespräch bald bei mir hängen. Wie es dazu gekommen ist erzähle ich auch. Normalerweise begnüge ich mich in solchen Fällen mit einer unverfänglichen Kurzfassung und erzähle etwas von Einladungen, Bekanntschaften und beruflichen Gelegenheiten. An diesem Abend erzähle ich stattdessen die sehr persönliche und etwas komplexere Version dieses Lebens­abschnitts. Man hört interessiert zu, nach einiger Zeit fragt eine der Kolleginnen: „Und ganz am Ende? Hast Du auch das weiße Licht gesehen? Die Antwort fällt mir nicht leicht. Muss erst einmal in Gedanken ein paar Schritte zurück gehen.

Es ist schwül warm, weit über dreißig Grad, ganz anders als auf der Wiener Donauinsel an diesem angenehmen Sommerabend. Ich liege auf einem Bett in einem kleinen Zimmer und schaue auf ein vergittertes Fenster. Wie lange schon? Keine Ahnung, ist eigentlich auch egal! Es wundert mich immer noch, dass ich mich in keiner Weise gewehrt hatte. Bereitwillig hatte ich alles mit mir machen lassen, ohne jede Widerrede.
Auch hier könnte ich eigentlich noch rebellieren, zumindest theoretisch. Das Wollenkönnen ist das Handicap der Rebellion! Müsste doch eigentlich nur aufstehen, das Fenster aufschieben und durch die Vergitterung um Hilfe rufen. Wäre möglich gewesen, früher... irgendwann...
Aber diese Zeit scheint jetzt weit weg. Vor dem Fenster höre ich Markttreiben, viele Leute scheinen am Feilschen und Plaudern zu sein, hätte es doch wenigstens versuchen können. Vielleicht hätte mich sogar jemand verstanden, wenn ich „Help!“ oder „Ju-bi-lai!“ gerufen hätte. Viel früher hätte ich mich wehren müssen, jetzt scheint es zu spät zu sein.

Mit logischem Denken und überhöhter Skepsis verfüge ich über Charakterzüge mit denen ich meine Mitmenschen zu nerven gewohnt bin. Hier wo es um mein eigenes Leben geht, habe ich beides ganz offensichtlich weit ins Abseits ver­bannt. Habe alles mit mir machen lassen, ohne irgendetwas zu hinterfragen oder mich um ein Sicherheitsnetz zu kümmern. Hätte die Notbremse ziehen können oder mich wehren können, aber für einen letzten Versuch habe ich die Gelegenheit wohl endgültig verpasst, wundere mich aber weiter, dass ich es bis jetzt nicht einmal versuchen will. Würde sehr wahrscheinlich aber auch nichts bringen.

Kann ich eigentlich noch laut um Hilfe rufen? Habe ich noch genug Energie, um ein Fenster aufzuschieben? Würde ich es überhaupt noch schaffen aus dem Bett heraus zu kommen, um die zwei Schritte bis dorthin zu gehen? Ich könnte es wenigstens versuchen, aber wozu? Es würde ohnehin keine Menschen­meute in das Haus stürmen, um mich zu befreien, stattdessen wäre im besten Fall die Zimmertüre aufgegangen, man hätte mich zurück ins Bett bugsiert und das Fenster wieder verriegelt. Vielleicht hätte man auch versucht mir eine Tasse mysteriösen Kräutertees einzuflößen. Nein Danke! Ein zum Scheitern verurteiltes Vorhaben, aber ich hätte es wenigstens versucht. Zu Verlieren gab es ohnehin schon lange nichts mehr.

Ich bin in Tainan, historische Großstadt im Süden Taiwans. Keine Ahnung wie lange ich in diesem kleinen Zimmer über der Praxis und Wohnung einer traditionellen, chinesischen Ärztin liege. Einen Tag? Zwei Tage? Eine ganze Woche? Gelegentlich geht die Türe auf und jemand schaut herein, aber von einer konkreten medizinischen Behandlung ist nichts zu erkennen. Warten.
Eine Gewissheit hat sich in kurioser Weise in meinem Bewusstsein eingebrannt. Mein Verstand ist aber von ihrer Wahrheit mittlerweile sich nicht mehr so ganz überzeugt:

Alles wird gut – Es ist noch nicht vorbei!

Der Verdacht beschleicht mich, dass es sich dabei um ein vorprogrammiertes Sicherheitprotokoll handeln könnte, das einem das Sterben mit einer Wahnvorstellung erleichtern soll.

Eine junge Frau steht plötzlich im Zimmer und erklärt mir auf Englisch, man habe sich entschlossen nun doch einen westlichen Arzt zu rufen, der in wenigen Minuten eintreffen wird. Wird also doch noch alles gut? Hatte ich ganz wider Erwarten mit meiner Ahnung Recht gehabt?

Tatsächlich betritt kurz danach ein junger Arzt, gemeinsam mit der mir vertrauten chinesischen Ärztin den Raum. Er versucht mit mir Englisch zu sprechen, sein Englisch ist ausgezeichnet, ich stelle aber verwundert fest, dass ich mich offenbar nicht mehr verständlich machen kann. Oder will er mich gar nicht verstehen? Meine Gastgeberin drückt ihm eine halbleere Medikamenten­ampulle in die Hand, er betrachtet sie aufmerk­sam und ich erkenne mein Insulin, dass ich seit dem Beginn meiner Behandlung nicht mehr genommen habe. Offenbar lag es seitdem, fern von jedem Kühlschrank, bei Temperaturen nahe der 40° Marke irgendwo bei meinen persönlichen Sachen herum. Versuche zu erklären, dass dieses Medikament vermut­lich kaum noch irgendeine Wirkung besitzt, dass ich noch andere Ampullen besitze, die in meinem früheren Zimmer wohl verwahrt in einem Kühlschrank liegen müssten. Wo sich dieses Zimmer befindet, hätte ich aber nicht mehr sagen können, interessiert aber offensichtlich auch niemanden. Meine Verständigungsversuche erzielen jedenfalls keinerlei Wirkung. Der junge Arzt verpasst mir eine kleine Injektion, minimale Dosis eines wirkungslos gewordenen Medikaments, und verabschiedet sich eilig.

Letzte Hoffnung verpufft! Das war es wohl mit der Alles-wird-gut-Gewissheit! Wieder allein in dem kleinen Zimmer fällt es mir immer schwerer bei Bewusstsein zu bleiben. Aber wenn ich jetzt loslasse, gibt es sicher kein Zurück mehr.

Heilung von Typ I Diabetes mit traditioneller chinesischer Medizin, warum habe ich mich eigentlich auf ein derartig irrsinniges Abenteuer eingelassen? Ich habe Kinder, bin seit kurzem zum zweiten Mal frisch verheiratet, kann doch hier nicht so einfach abtreten und alle zurück zu lassen. Während es mich immer stärker aus meinem schlaffen Körper hinauszieht, mache ich eine letzte überraschende Entdeckung. Mit dem beginnenden Loslösen hört auch jede Trennung von anderen Menschen auf. Ich lasse in Wirklichkeit gar niemanden zurück, dämmert es mir. Im Gegenteil! Auf einmal sind sie alle da, die Lebenden genauso wie die Verstorbenen. Alle sind da, mein verstorbener Vater, meine ebenfalls verstorbenen Geschwister aber auch die vielen anderen mir nahen Menschen, die noch leben. Raum und Zeit verschmelzen und hören auf zu existieren. Nicht der Tod sondern das Leben bedeutet Isolation und Einsamkeit. Hier läuft man sein Leben lang Illusionen und Sehnsüchten von menschlicher Nähe nach, aber jetzt ist das endlich vorbei und es enden alle Trennungen, sowohl im Raum wie in der Zeit. Ein fantastischer Gewinn auf ganzer Linie! Es ist kein Abschied, wie ich es erwartet hatte, sondern eine Ankunft!

Was kommt jetzt noch? Sollte nun nicht der Moment kommen bei dem man von einem weißen Licht angezogen, umströmt oder sonst etwas wird? Kommt das jetzt endlich, damit auch ich verstehe, dass es definitiv vorbei ist? Es passiert aber etwas ganz anderes. So wie sich die Grenzen von Raum und Zeit bereits aufgelöst haben, verschwindet auch die Polarität von Licht und Finsternis. Kein finstrer Tod in dem ich versinke, aber auch kein Licht das mich zu sich holen möchte. Es gibt keinen Lichtschalter der brutal ausgeknipst wird, keinen Scheinwerfer der mir den Weg in eine neue Realität zeigt. Stattdessen hören sowohl Licht als auch Dunkelheit auf zu existieren. Eine unfassbare Erfahrung. Entspannt lasse ich los und bin dann mal weg.

Heute, sobald ich mich an diesen Moment zurückversetze, drängt sich mir eine ganz andere widersprüchliche Erinnerung auf, die dem soeben Geschilderten zu widersprechen scheint. Während sich das Überschreiten der Grenzen von Raum und Zeit ohne Schwierigkeiten zurückrufen lässt, verwehrt sich meinem Vorstellungsvermögen das Verlassen von Licht und Finsternis noch einmal nachzuempfinden. Sich dorthin zurück­ziehen, wo sich die Trennungen durch Raum und Zeit auflösen, steht mir jederzeit frei und ist zu einem ruhespendenden Zufluchtsort geworden, der auf Wunsch abrufbar ist und mich begleitet. Ganz anders ist es aber mit dem Verlassen der Gegensätze von Licht und Dunkelheit. Hier bleibt meine Erinnerung weitgehend abstrakt. Ich weiß zwar, dass es an diesem Punkt angekommen weder Licht noch Finsternis mehr gab, aber zurückrufen läßt sich diese sinnliche Empfindung nicht.

Versuche ich mir diese letzten Momente noch einmal vorzustellen, scheint sich eine ganz andere Wahrnehmung aufzudrängen, gleichzeitig beschleicht mich dabei aber das Gefühl einer Gaukelei meiner Sinne zum Opfer zu fallen: Ich liege auf einem Bett und schaue auf das Fenster vor mir. Schaue auf das matte, orange getönte Licht, das durch das Fenster dringt. Mein Körper scheint kein Gewicht mehr zu haben. Alles scheint um mich herum zu verschmelzen und auf einmal gibt es weder Fenster noch Bett oder sogar Wände mehr. Stattdessen kommt mir ein strahlend helles, weißes Licht entgegen. Es erscheint mir vollkommen realistisch und tatsächlich erlebt zu sein, trotzdem habe ich Zweifel an diesem Bild, das versucht meine ursprünglichen Erinnerungen zu verdrängen. Ich bin sicher das so niemals gesehen zu haben aber mein Gehirn gaukelt mir anscheinend erfolgreich das Trugbild einer fiktiven Erinnerung vor. Ein Ersatz für das Aussetzen jeder Sinneswahrnehmung?

Kühl hinterfragt scheint mir dieses weiße Licht lediglich ein Produkt meines Erinnerungswillen zu sein, mit dem die Abwesenheit jeder Sinneswahrnehmung überdeckt wird. Aber sind Bilder unserer Erinnerung nicht eigentlich immer eine Fabrikation unseres Gehirns und keine objektive Wahrheit?
Was ist dann mit Berichten all derer die bei einem Nahtod­erlebnis ein weißes Licht gesehen haben wollen? Würden die nicht auch freimütig sagen, sie hätten es gar nicht mit ihren Augen gesehen, sondern es wäre vielmehr eine übersinnliche Wahrnehmung gewesen? Wenn aber eine Erfahrung nicht mehr über eine Sinneswahrnehmung läuft, heißt das ganz eigentlich auch, dass man gar nichts mehr sieht oder hört. Die Behauptung ein weißes Licht erlebt zu haben, wäre dann genau genommen nur die Übertragung eines übersinnlichen Phänomens verpackt in unsere Welt der eingeschränkten Sinneswahrnehmungen.

Wie soll ich also auf die Frage meiner Gesprächspartnerin auf der Donauinsel antworten? Das weiße Licht ist nur eine para­normale Illusion, eine Manipulation unserer Erinnerungen oder kann ich mit gutem Gewissen und der leichteren Verständlich­keit halber einfach sagen: „Ja, natürlich! Ganz am Schluss habe ich das weiße Licht gesehen!“ Nicht gelogen, denn ich kann mich ja irgendwie, trotz aller Skepsis ganz genau daran erinnern.

Während ich noch grüble, werden die fertig gebratenen Kartoffeln aus dem Feuer geholt, eine Flasche Grüner Veltliner wird entkorkt. Die allgemeine Aufmerksamkeit wendet sich wieder den alltäglichen Bedürfnissen zu und ich bin gottlob von der Frage nach dem weißen Licht fürs erste erlöst.

22:54 06.02.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Philipp Tenta

österreichischer Komponist und Autor. Kulturrezensionen für die Neue Westfälische. Betreut seit 2015 minderjährige Flüchtlingee
Philipp Tenta

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