Der vollendete Tanzpartner

Nahtoderfahrung (3/12) Eine Reise nach Taiwan war zu einem Besuch auf der anderen Seite geworden, doch diese Erfahrung war nicht ganz neu.
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Erste Begegnung mit einem Dauergast

Was heute als Volkskrankheit gilt, war in den sechziger Jahren noch Exotik pur! Spezialisten wurden aufgesucht, die nicht mehr tun konnten als ihre Köpfe zu schütteln. Was fehlt dem Bub bloß? Ist es vielleicht das Hirn? Ab zum nächsten Facharzt, um Elektroden anzuschließen die meine verdächtigen Hirnströme überwachen sollen. Oder ganz einfach nur Band­würmer? Unbedingt aber auch zum Cardiologen gehen! Während diesem medizinischen Rätselraten verbringe ich meine Zeit zwischen Trinken und Dauerpinkeln. In kürzester Zeit hatte ich bereits elf Kilo abgenommen. Im taiwanesischen Krankenhaus hatte ich mich über meinen Gewichtsverlust gefreut, doch im Alter von elf Jahren war das beinahe ein Drittel meines Körpergewichts.

Bin ich gerade dabei zu sterben, frage ich mich zu diesem Zeitpunkt immer wieder. Allein aufstehen wird zunehmend schwieriger. Der körperliche Abbau geht immer schneller voran und sehr viel weiter kann es nun wirklich nicht mehr gehen. Und wenn schon?

Auch damals nahm ich die Hypothese eines unmittelbar bevor­stehenden Todes mit distanzierter Gelassenheit wahr. War doch bis jetzt alles gar nicht so schlecht gelaufen, warum sich also beklagen, wenn es jetzt vorbei sein sollte? Die Beunruhigung meiner Eltern schien mir hingegen verwunderlich, ließ es aber über mich ergehen, als sie mich mitten in der Nacht einpackten. Ziel war das Salzburger Kinderspital, gefühlt die letzte medizinische Anlaufstelle wo ich in den letzten Wochen noch nicht gewesen war.

Einer der dortigen Assistenzärzte hatte zuvor an einer Kinder­klinik in Lausanne gearbeitet, die auf jugendliche Diabetiker spezialisiert war. Ohne lange Fragen zu stellen wurde ein simpler Teststreifen in den Urin getaucht und alles war klar. Ein Insulintropf wurde innerhalb weniger Minuten angelegt. Die Bestimmung des Blutzuckerwert verlangte damals noch aufwendige Laborarbeit. Erst am nächsten Morgen kam das Ergebnis. Mit einem Wert von über 640 statt der üblichen 100 eigentlich ein Todesurteil, aber ich hatte es irgendwie überlebt. Der Zucker ging rapide bergab, nach zwei Tagen war er bereits auf „nur noch“ 380 gesunken. Super! Alles wird gut.

Obwohl nur knapp am Tod vorbei geschrammt, war es damals mit elf Jahren vermutlich doch keine richtige Nahtod­erfahrung, zumindest wenn man den Begriff ganz eng definiert. Trotzdem hat mich diese Erfahrung entscheidend geprägt, wobei es schwierig ist den Einfluss der Erfahrungen vor der rettenden Diagnose von den nachfolgenden Erlebnissen zu trennen. Für Diabetiker heute ist das ganz anders und einfacher, obwohl das Avancieren zur Volkskrankheit nicht unbedingt als Fortschritt zu werten ist. Junge Menschen werden heute bereits nach ersten Krankheitszeichen oder einfach auf einen allgemeinen bestehenden Verdacht hin getestet und danach mit einer Insulintherapie versorgt. Sie erleben die damit verbundene Lebensumstellung und Therapie mehr oder weniger als lästiges, aber beherrschbares Übel.

Vor über fünfzig Jahren waren hingegen heute neolithisch anmutenden Behandlungsmethoden der einzige lebensrettende Strohhalm. In Ermangelung praktikabler Möglichkeiten den Blutzucker zu überwachen, war man ganz auf sich gestellt. Ein immerwährender Balanceakt mit verbundenen Augen. Die nach heutiger Sicht oft grotesken Regeln und Vorschriften, die damals üblich waren, widersprachen häufig allen eigenen Erfahrungen und entbehrten gerne auch jeder naheliegenden Logik. Gefühlt hatten sie vor allem den Zweck die Verant­wortung vom Arzt auf den Patienten zu schieben. Wirklich hilfreich waren sie nur selten und häufig genug standen sie in extremen Widerspruch zu Empfehlungen und Ratschlägen, die heute ausgesprochen werden.

So war ich zwar dem Tod gerade noch knapp entkommen, gleichzeitig schien er mir aber ständig wohlwollend über die linke Schulter zu blicken. Ohne verfügbares Insulin hätte er mich innerhalb kürzester Zeit an der Hand genommen, genauso wenn bei einer Überdosierung niemand helfend eingegriffen hätte. Gleichzeitig erkannte ich aber auch mit höchster Ver­wunderung über wie viel Überlebensenergie wir verfügen, aus wie vielen objektiv lebensbedrohlichen Situationen man am Ende doch, mit traumwandlerischer Sicherheit, immer wieder herausspazieren kann.

Wie oft bin ich als Kind mit einer schweren Unterzuckerung nachhause gestolpert, konnte mich kaum mehr auf den Beinen halten und wurde dabei auch noch von erwachsenen Passanten angepöbelt, weil sie meinten ich hätte Alkohol getrunken? Wie oft musste ich an einen Zuckertropf gehängt werden, weil ich nicht mehr in Lage war irgendetwas hinunter zu würgen? Das waren immer wieder lebensbedrohende Situationen, aus denen ich ohne das Zutun anderer kaum herausgekommen wäre. Das war aber absolut kein Grund sich zu beklagen. Im Gegenteil, mein Leben erschien mir spannend, aufregend und lebenswert. Dabei sollte ich aber anmerken, dass meine Vorstellung eines erfüllten Lebens mit denen meiner Altersgenossen wenig gemeinsam hatte.

16:43 19.02.2021
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Geschrieben von

Philipp Tenta

österreichischer Komponist und Autor. Kulturrezensionen für die Neue Westfälische. Betreut seit 2015 minderjährige Flüchtlingee
Philipp Tenta

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