Der vollendete Tanzpartner (2/12)

Nahtoderfahrung Nach dem vermeintlich Abtritt in eine andere Welt, ein wunderliches Wiedererwachen
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Ein Bett für einen Riesen

Hektisches Treiben um mich herum, mit besorgten Gesichtern ist man hektisch beschäftigt. Dabei dämmert es mir langsam, dass es anscheinend um mich geht, mein Gesundheits­zustand aber gar nicht mehr im Mittelpunkt der Sorge steht. Ich wurde gerade aus der Intensivstation gefahren und soll jetzt auf ein reguläres Krankenzimmer gebracht werden. Dafür ein lang genuges Bett für einen europäischen Hünen wie mich zu finden, scheint eine beträchtliche Herausforderung darzu­stellen.

Man hebt mich mit vereinten Kräften auf ein herbeigekarrtes Bett mit Überlänge, doch meine Füße ragen weiterhin ein bisschen über die Matratze hinaus. „Geht doch!“, versuche ich dem besorgten Pflegepersonal mitzuteilen: „Stört mich doch überhaupt nicht!“ Doch die sind anderer Meinung, geben nicht auf und suchen weiter.

Während weiter angestrengt nach einem Riesenbett gesucht wird, drückt man mir ein Telefon in die Hand. Am anderen Ende höre ich die vertraute Stimme einer taiwanesischen Studienkollegin und Cembalistin. Sie hatte mich bei meiner Ankunft in Taiwan am Chiang Kai-Shek Flughafen abgeholt und mich für ein paar Tage in ihr Haus im Zentrum Taipehs eingeladen, bevor ich weiter in den Süden Taiwans gereist war. Am ersten Abend in Taipei hatte ich sie zur Generalprobe eines Konzerts begleitet, vermutlich hatte dieses Konzert in der Zwischenzeit schon stattgefunden.

„Wie ist dein Konzert gelaufen?“ frage ich sie zum Einstieg in das Telefongespräch, aber sie lacht nur auf diese Frage. Jedes Mal, wenn ich sie sehe,würde ich ihr dieselbe Fragestellen! Wann soll ich sie, seit meiner Abreise aus Taipei gesehen haben? „Ich bin gerade in einem Krankenhaus.“, versuche ich erneut die Konversation anzukurbeln, aber auch diese Mitteilung erregt nur Gelächter. Sie wäre gerade auf dem Rückweg von diesem Krankenhaus, wo sie die größte Zeit der letzten Tage verbracht hätte. Offensichtlich ist mir einiges entgangen und ich lasse sie weiterreden. Manches wird mir nun allmählich klar.

Anscheinend war ich während drei Tagen auf der Intensiv­station zwar etwas verwirrt, aber zumindest ansprechbar gewesen. Hatte ich mich angeblich sinnvoll mit Ärzten und Krankenhaus­personal unterhalten können. Dabei hatte ich, was anscheinend beeindruckte, immer gewußt ob mein Gegenüber auf Englisch, Deutsch oder Chinesisch angesprochen werden mussten, um mich verständlich zu machen. Erinnern konnte ich mich aber an nichts davon. Vermutlich war, wenn jemand damals mein Chinesisch tatsächlich verstanden haben sollte, meine Aussprache in diesem Trancezustand besser als sie in den folgenden Jahren jemals werden sollte. Auf alle Fälle schien man daraus zu schließen, dass mein Hirn bei diesem Abenteuer keinen allzu großen Schaden genommen hätte. Sehr beruhigend!

Ein mit ihr befreundetes Ehepaar, Jesse und Cher, er Architekturprofessor und Maler, sie Blockflötistin und wie ich auf alte Musik spezialisiert, würde sich in den nächsten Tagen weiter um mich kümmern. An die beiden erinnere ich mich, hatte sie bereits am Tag meiner Ankunft in Tainan kennen­gelernt.

Alles schien so weit geklärt zu sein, am Abend wollen wir noch einmal miteinander telefonieren. In der Zwischenzeit hatte man endlich auch ein XXL-Bett gefunden. Man hebt mich vor­sichtig hinüber und alle scheinen damit zufrieden zu sein. Der Transfer in ein Einzelzimmer in einer der oberen Etagen kann beginnen. Rückblickend würde diese Suche nach einem aus­reichend großen Bett heute auch in Taiwan verwunderlich erscheinen. Bereits 25 Jahre später waren auf jedem Schulhof einer Mittelschule die meisten Schüler entweder gleichgroß oder größer als ich. Mitte der 80er Jahre war ich hingegen mit gerade einmal 173cm gefühlt meist einen Kopf größer als die meisten der mich umgebenden Chinesen.

Während ich durch Krankenhausflure geschoben werde, habe ich Zeit meinen aktuellen Körperzustand zu inspizieren. Ich habe ein Krankenhaus-Nachthemd an, angesichts meiner überdurchschnittlichen Größe ist es verstörend kurz. Am Arm hängt ein Tropf, was mir nicht ungewöhnlich erscheint. Mit Verwunderung entdecke ich hingegen ein Pflaster über dem Herzmuskel, ziehe es ab und ertaste eine deutlich spürbare Einstichstelle. Ein junger Arzt, der mich während dem Transfer begleitet, erklärt mir, als er meine Verwunderung bemerkt, dass bei einer nur 10 Minuten späteren Ankunft im Spital alles vorbei gewesen wäre.

Mit dieser Information tauchen auch langsam Erinnerungen wieder auf, an die Zeit bis zu meinem Abtreten im Haus der taiwanesischen Ärztin. Ich wundere mich hier zu sein, denn für mich war ja eigentlich schon alles vorbei gewesen. Aber meine Erinnerungen scheinen abrufbar zu sein, also vielleicht wirk­lich kein bleibender Hirnschaden.

Nach diesem kurzen Zwischencheck meiner geistigen Fähig­keiten, setze ich meine körperliche Inspektion weiter fort. Offensichtlich habe ich in den letzten Wochen ordentlich abge­nommen. Während diese Feststellung willkommen ist, irritiert mich eine letzte Entdeckung. Man hat mir einen Katheder eingesetzt! Gar nicht lustig! Mit einem kühnen Ruck entferne ich das Unding und verursache damit verhaltene Schreie des Entsetzens beim medizinischen Personal. Hat zwar ein bisschen weh getan, aber mit dieser erfolgreichen Aktion beende ich den ersten Anlauf meiner Rückkehr ins Leben. Bin verdammt müde und brauche erst einmal eine kleine Pause.

11:14 16.02.2021
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Geschrieben von

Philipp Tenta

österreichischer Komponist und Autor. Kulturrezensionen für die Neue Westfälische. Betreut seit 2015 minderjährige Flüchtlingee
Philipp Tenta

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