Der vollendete Tanzpartner (7/12)

Nahtoderfahrung Leben ohne Angst
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Todesfahrt auf der Überholspur

Rund zehn Jahre nach meiner Rückkehr ins Leben werde ich für ein Seminar in Taipehs Kunstakademie eingeladen. Ein Nachmittag zur Einführung in historische Tänze der Renais­sance für die Studierenden der Tanzabteilung. Die Akademie wurde vor kurzem neu gebaut und liegt auf einem Berggipfel in der Umgebung der Taiwanesischen Hauptstadt. Enge Serpentinen führen zum Campus hinauf der, wenn man aus der hektischen, niemals endenden Betriebsamkeit der Metropole kommt, wie ein meditativer Rückzugsort wirkt. Das sonnige Wetter führt hier nicht zu schwüler Hitze. Frischer Wind weht vom nahen Meer her und vermittelt entspannte Ferienstim­mung. Der Unterricht wird spontan ins Freie verlegt, meine theoretischen Überlegungen über musikalische Interpretations­fragen und historisch-soziale Hintergründe stoßen bei den jungen Studentinnen auf gerade einmal höfliches Interesse, das gemeinsame Tanzen von Pavane, Gagliarde und Volte besitzt dagegen weitaus höheren Unterhaltungswert.

Nach dem Seminar am Vormittag werde ich gemeinsam mit anderen Dozenten vom Rektor der Akademie zum Teetrinken in sein Büro eingeladen. Nach einiger Zeit erinnert man mich an die mittlerweile vorgerückte Zeit. Am späten Nachmittag werde ich für weitere Kurse in der Innenstadt erwartet, bei der praktisch jederzeit chaotischen Verkehrslage, muss mit einer Fahrzeit von weit über einer Stunde gerechnet werden. Es ist Zeit sich zu verabschieden und ein Taxi zu rufen.

Wenig später trifft das bestellte Fahrzeug ein. Ein offensicht­lich neuwertiger, kraftvoller Wagen und ein junger, dynamischer Fahrer erwarten mich. Der junge Mann mustert mich kurz und fragt, ob ich ein Schön-Land-Mensch wäre, die Chinesische Bezeichnung für einen Amerikaner. Mein Bekenntnis aus Au-Di-Li, also Österreich zu stammen beeindruckt ihn nicht sonderlich, offensichtlich werde ich als armseliges Mitglied einer unbedeutenden Untergruppe ausländischer Weicheier eingestuft. Ich ahne was nun auf mich zukommen wird. Eine Frage der nationalen Ehre!

Taiwanesische Taxifahrer halten sich für die tollkühnsten, wagemutigsten und schnellsten der ganzen Welt. Das bestätigt zwar kein Guinness Buch der Rekorde, dafür aber jeder der in einem Taxi gesessen hat, in dem ein taiwanesischer Fahrer seine übermenschlichen Fähigkeiten unter Beweis stellen wollte.
In der Regel endet der versuchte Rekordversuch nach verzweifelten Bitten eines kreidebleichen Kunden um ein langsameres Tempo und der Fahrer mäßigt sich dann bereitwillig, wohl auch um das Risiko zu vermeiden ein vollgekotztes Auto reinigen zu müssen.

Wenn ich früher mit mehreren Freunden in einem Taiwan­esischen Taxi unterwegs war, wurde ich in der Regel immer umgehend auf den Beifahrerplatz gedrängt. Schnell hatten sie festgestellt, dass ich auf Angst machen mit erstaunlicher Lethargie reagiere. Während sie zitternd auf der Rückbank saßen, lümmelte ich entspannt neben dem Fahrer und studierte Taipehs Straßenleben.

Unterdessen hatte mein Fahrer, nachdem er den Rückspiegel zurechtgerückt hatte, um mich während seinen Fahrkünsten im Blick zu haben, den Motor aufheulen lassen und begann die steile Bergstraße hinunter zu brettern. Ohne von seiner tollkühnen Fahrweise beeindruckt zu sein, wundere ich mich über mein Fehlen gesunder Angstgefühle. Es war mir schnell klar geworden, dass ich nach meiner Nahtoterfahrung über ein irgendwie gestörtes Verhältnis zu Angst verfügte. Dabei bin ich in meiner Lebensführung keineswegs übermäßig draufgängerisch oder tollkühn geworden, sondern nach eigener Einschätzung eher philosophisch und bedächtig. Angst ist für mich zu einem exotischen Untersuchungsobjekt geworden, das mir selbst fremd geworden ist.

Offenbar ist Angst, so erschien es mir, eine omnipräsente Triebfeder, die unser soziales Zusammenleben entscheidend prägt, mit der ich selbst aber kaum etwas anfangen kann. Angst nicht geliebt und anerkannt zu werden, Angst finanziell oder beruflich zu kurz zu kommen, Angst Besitz, Freunde oder Gesundheit zu verlieren. Immer wieder muss ich mich selbst daran erinnern, dass bei Konflikten oft gar nicht die unterschiedliche Inter­pretation von Fakten die Triebfeder der Auseinander­setzung ist, sondern der Gesprächspartner meist ganz einfach von der unbewussten Angst gesteuert wird Anerkennung und Respekt einzubüßen, sobald er von seiner ursprünglichen Position abweicht. Oder aber er ist von dem Bedürfnis getrieben seinem Gegenüber das Fürchten zu lehren und gleichzeitig eigene Selbstsicherheit und Furchtlosigkeit vorzuspiegeln. Ist am Ende der Kitt, der unser soziales Zusam­menleben aufrechterhält, einfach nur Angst?

Während ich entspannt auf der Rückbank des Taxis über solche Fragen sinniere, scheint der sportlich engagierte Fahrer bereits deutlich frustriert. In der Zwischenzeit haben wir die Berg­strecke hinter uns gelassen und fahren im dichten Verkehrs­gewühl von Taipehs Vorstädten. Vier bis sechsspurige Auto­straßen, auf denen wir jedes Fahrzeug entweder links oder rechts überholen. Ist eine Ampel auf Rot gesprungen, wird nicht auf die Bremse sondern aufs Gaspedal getreten. Langsam fühle ich mich ein bisschen gemein, weil ich die abenteuerliche Fahrt nicht mit dem erwarteten Winseln um ein langsameres Tempo beende, aber irgendwie finde ich diese Situation doch auch amüsant.

War es wirklich meine Erfahrung, die nun zehn Jahre zurück­liegt, die mir jede Empfindung von Angst genommen hat? Bereits vorher war ich nicht ängstlich. Sich un­vermittelt erschrecken lassen ist etwas ganz anderes als von Ängsten gesteuert zu werden. Ob angstfrei zu leben mehr Segen oder Fluch ist, kann ich bis heute nicht wirklich beantworten. Auf alle Fälle ist es aber sicher ein Handicap bei der alltäglichen Kommunikation. Für meinen Fahrer jedenfalls ist meine Furchtlosigkeit offensichtlich eine Heraus­forderung.

Wir erreichen die Zhong-Shan North Road, eine zehn- bis zwölfspurige Hauptverkehrsstrecke, die Taipehs Norden mit dem Stadtzentrum verbindet. Angeblich soll sie zu dem einzigen Zweck gebaut worden sein dem früheren Staats­präsidenten Chiang Kai-Shek eine angenehme Autofahrt von seiner Residenz an den Füßen des Yang-Ming Berges zum Präsidentenpalast im Stadtzentrum zu erlauben. Der Zubringer­verkehr, alle die sich auf eine bevorstehende Abfahrt vorbe­reiten und Nahverkehrsbusse die häufig anhalten müssen werden auf die beiden äußersten Fahrbahnen verwiesen, die durch Verkehrsinseln vom schnellen Durchgangsverkehr getrennt sind. Der Verkehr kriecht aber auf diesen angeblich schnelleren Fahrspuren, lediglich die Autobusse kommen auf den ihren reservierten Spuren etwas schneller voran.

Kurzerhand auf der Busspur fahren? Langweilig, denn auch die zockeln gemütlich vor sich hin. Eindeutig nicht schnell genug, um dem resistenten Fahrgast einen Herzkasperl zu verpassen! Darum ein letzter radikaler Versuch! Zwischen den Kreuz­ungen sind die Spuren der beiden Fahrrichtungen durch Verkehrs­inseln voneinander getrennt. Die Busspur der Gegen­richtung scheint leer zu sein. Auf dieser Spur bis zur nächsten roten Ampel rasen, sich dort vor die wartenden Autos wieder hineinquetschen und die Operation danach sofort wiederholen. Genial und todesmutig! Aber keine Anzeichen von bevor­stehen­dem Herzinfarkt bei mir und mein Fahrer scheint langsam zu verzweifeln.

Hätte ich vor meiner Nahtoderfahrung in Taiwan genauso reagiert? Oder hatte ich jedes gesunde Angstgefühl bereits mit elf Jahren verloren, als ich in der Mitte der Sechziger Jahre vielleicht nicht ganz so weit weg aber doch auch schon unterwegs auf die andere Seite gewesen war?
Von der Chung-Shan North Road wechseln wir auf eine der Stadtautobahnen. Hier das Gaspedal herunter zu treten ist kein besonderes Kunststück mehr. Die Abfahrt Jen-Ai ist nach wenigen Minuten erreicht. Keine halbe Stunde hat die Fahrt gebraucht, dadurch habe ich unerwartet die Zeit vor meinem nächsten Unterricht mich in einem Coffee-Shop etwas verwöhnen zu lassen. Bedanke mich bei meinem Fahrer für die gewonnene Erholungszeit, er ist davon nicht wirklich beein­druckt. Gebe ihm ein ordentliches Trinkgeld, was ihn ebenfalls nicht nachhaltig versöhnt. Mehr kann ich für ihn aber auch nicht tun.

10:17 26.03.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Philipp Tenta

österreichischer Komponist und Autor. Kulturrezensionen für die Neue Westfälische. Betreut seit 2015 minderjährige Flüchtlingee
Philipp Tenta

Kommentare