"Es gibt nie nur eine Seite einer Geschichte"

Fotografie Der südafrikanische Fotograf Jac Kritzinger über Introspektion, Stereotype und Komfortzonen
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"Es gibt nie nur eine Seite einer Geschichte"
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Bild: Jac Kritzinger

Jac Kritzinger wurde 1976 in Kapstadt, Südafrika geboren. Er ist überzeugt, dass sein Fernweh, Sinn für Humor und die Fähigkeit, die Essenz seiner Motive zu definieren, seinen Erfolg als Fotograf ausmachen. Er ist Teil des African Photography Network, einem Verbund von Fotografen aus ganz Afrika.

Jac Kritzinger, Du hast Dir viele unterschiedliche Ausdrucksformen zu eigen gemacht: Du bist selbstständiger Fotograf und Poet, schreibst Kurzprosa und Biografien. Was kannst Du nur über die Fotografie, und nicht mit Worten zum Ausdruck bringen?

Sowohl meine Fotografie als auch mein Schreiben zielen immer darauf ab, das auszudrücken, was nicht gesagt, sondern nur gefühlt werden kann. Es ist auch ein Versuch, das Gewöhnliche auf neue und interessante Weise zu präsentieren. Bilder haben natürlich die Macht der unmittelbaren Wirkung auf den Betrachter. Ich glaube nicht, dass ein Bild grundsätzlich mehr sagt als tausend Worte, aber wir sind eine visuelle Spezies - und die Bildsprache ist eine universelle. Letztendlich denke ich, dass es bei meinem Schreiben mehr um Stil geht, während ich mich bei der Fotografie mehr auf Inhalte konzentriere. Das bedeutet natürlich nicht, dass Stil und Inhalt in einer dieser beiden Disziplinen überhaupt von einander getrennt werden könnten.

Auf Deinem Blog beschreibst Du Dich als "unheilbaren Selbstbeobachter". Wie passen denn Selbstbeobachtung und Fotografie zusammen?

Es hat einige Zeit gedauert, um an diesen Punkt zu kommen, aber in letzter Zeit fotografiere ich viel nach Instinkt. Ich drücke selten den Auslöser, wenn der äußere Rahmen in mir nicht irgendein besonderes Gefühl wachruft. In diesem Sinne denke ich, dass meine künstlerische Arbeit zu einem gewissen Grad tatsächlich das Ergebnis einer „nach innen gerichteten“ Kamera ist. Andererseits kann es einen großen Effekt auf die eigene Arbeit haben, über seinen Platz auf der Welt nachzudenken. Ich kam irgendwann an einen Punkt, an dem Ästhetik, oder einfach clever und kreativ in meinem Schaffen zu sein, nicht mehr ausreichten – ich will mit dem, was ich tue, positive Veränderungen auslösen. Leichter gesagt als getan, wenn man in einer Welt, die materiellen Gewinn über alles andere stellt, seinen Unterhalt mit Kunst verdienen muss. Zudem „nötigt“ Dich die Fotografie oft in Situationen hinein, die Du normalerweise vermeiden würdest; man sieht sich gezwungen, den eigenen Ängsten, Grenzen und Vorurteilen zu begegnen, um genau das Foto zu bekommen, das man eigentlich will.

Du lebst und arbeitest in Kapstadt - wenn Du Südafrika in drei Worten beschreiben müsstest, welche wären dies? Weshalb?

Traurig, schön, mutig. Das Land steht - 20 Jahre nach seiner Demokratisierung - weiterhin vor massiven Problemen. Korruption, Missmanagement und Inkompetenz sind in der politischen Arena weit verbreitet. Die Seele seines Volkes jedoch stellt sich diesen Problemen, unabhängig von Ethnizität und sozialer Herkunft, mit viel Mut und Hoffnung entgegen. Nicht nur auf politischer Ebene. Und diese Seele ist schön, so schön wie die unglaublich vielfältige Natur des Landes.

Du bist Teil des African Photography Network, das Fotografen aus ganz Afrika vereint und vorstellt. Das Selbstverständnis des Netzwerks ist es, afrikanische Fotografen "zu unterstützen und zu fördern, die über eine differenziertere Darstellung die Kontrolle über das eigene Narrativ zurückerlangen wollen“, da "wenige Regionen fotografisch so fehlrepräsentiert sind wie Afrika“. Kannst Du uns ein wenig mehr darüber erzählen?

Um ein sehr altes Klischee zu verwenden: Afrika ist ein Kontinent, kein Land. Es ist ein riesiges, enorm vielfältiges Gebiet, aufgeteilt in souveräne Länder und bevölkert von Kulturen so vielfältig und unterschiedlich, dass es den Geist verwirrt. Ich denke, die stereotype fotografische Darstellung vieler afrikanischer Länder – mit Schwerpunkt auf Themen wie Armut, Leid und Krankheit – wurde von der modernen Schule der Dokumentarfotografie populär gemacht, die meiner Meinung nach sehr auf Schockwirkung baut. Auch sind besagte Fotografen meist nicht aus der Region. Auch diese Geschichten müssen erzählt werden, um ein Bewusstsein zu schaffen; aber es gibt immer mehr als nur eine Seite einer Geschichte. Ich denke, was das APN zu tun versucht, ist diese eindringlichen Klischees mit den Ansätzen verschiedener lokaler, afrikanischer Fotografen zu begegnen, die ihre eigene persönliche und künstlerische Vision mit ihrer Arbeit verfolgen. Das Ergebnis ist erfrischend und inspirierend.

Du machst auch Auftragsarbeiten – was war bislang Dein interessantestes, schönstes oder merkwürdigstes Projekt?

Hmm, es ist schwierig, nur ein einziges zu nennen. Ganz oben auf der Liste würde eine Geschichte über die AWF stehen, einer lokalen Wrestling Vereinigung. Ein anderes Mal habe ich eine Geschichte über Weiße gemacht, die in schwarzen Townships (verarmten schwarzen Wohngebieten) leben. Und jeder Auftrag auf Robben Island für sich war faszinierend und herausfordernd.

Was steht als nächstes auf dem Plan?

Auf geschäftlicher Ebene bin ich gerade dabei, mich ein wenig vom Feld des Fotojournalismus zu entfernen, und mich mehr auf Porträts zu konzentrieren. Ich würde auch gerne mehr im Bereich der Reisefotografie arbeiten. Auf künstlerischer Ebene arbeite ich im Moment an meinem ersten Fotobuch, wobei ich trotzdem immer auch für neue Projekte und Ideen zu haben bin. Ein neues Buch mit meiner Lyrik ist ebenfalls in der Mache.

Jac Kritzinger verkauft eine Auswahl seiner Fotos über seine Galerie auf Photocircle. Damit unterstützt er ein Bildungsprojekt für Kinder in einem Township bei Kapstadt.

10:32 10.06.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Katrin Strohmaier | Photocircle

Sprachrohr von Photocircle mit Faible für Entwicklung, Kunst & Menschenrechte
Photocircle

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