Von Chaos und Besinnlichkeit

Fotografie Jagdev Singh ist freier Fotograf aus Neu-Delhi. Mit Hilfe seiner Bilder entwirrt er die Komplexitäten des Lebens und lädt zum Verweilen ein
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Von Chaos und Besinnlichkeit

Bild: Jagdev Singh

Jagdev Singh, Fotografie ist für dich Medium kreativen Ausdrucks. Aus welchem Grund hast du dich für die Kamera als Mittler zwischen dir und der Muse entschieden?

Ich erinnere mich, auf Familienausflügen als Kind ein paar Bilder hier und da geknipst zu haben. Je älter ich wurde, desto stärker wurde die Verbindung zwischen mir und der Kamera – und letztlich definierte sie sich selbst als das Werkzeug, das es mir am besten erlaubte, meinem kreativen Drang nachzugehen.

Du definierst dich selbst als Street- und Reisefotograf – dabei befinden sich viele wundervolle und aussagekräftige Porträts in Deinem Portfolio. Wie kommt’s?

Ich empfinde Street- und Reisefotografie als meine natürliche Ausdrucksform auf der Makroebene und die People-Fotografie als meine große Liebe auf der Mikroebene. Also könnte man sagen, dass Street dabei die große Leinwand verkörpert und die Porträts kleine Juwelen darauf.

Was inspiriert dich, wer ist Deine Muse?

Das Leben an sich, wie es in so unterschiedlichen Formen und Geschwindigkeiten seinen Gang geht, hat nie aufgehört, mich zu faszinieren. Der tägliche Kreislauf – von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang – wird dabei auf den Gesichtern der Menschen sichtbar. Unschuld, Energie, Spontaneität, Ehrlichkeit, Schlauheit und Fortschritt reichen mir als Inspiration aus und verbinden mich mit meinen Mitmenschen.

Welches Deiner eigenen Bilder nimmt einen besonderen Platz in Deinem Herzen ein? Weshalb?

Dieses Bild eines Mädchens, das ich traf, als ich 2014 Hola Mohalla in Anandpur Sahib fotografierte! Dieses Bild hat für mich einen besonderen Stellenwert. Je öfter ich es sehe, desto mehr wünsche ich mir, es zu sehen. Es besitzt die Eigenschaft, mich an sich zu binden, das ist mit Worten schwer zu beschreiben.

Du lebst in Delhi, einer Stadt mit über 11 Millionen Einwohnern. Wie schaffst du es, an einem Ort monumentaler Dimensionen wie diesem, die Momente herauszufiltern, die du mit Deiner Kamera festhalten willst?

Delhi präsentiert sich an jeder Ecke mit einem neuen dynamischen und einzigartigen Gesicht. Die Stadt als solche erscheint überbevölkert und du siehst den Verkehr sich Stoßstange an Stoßstange über die Straßen schleppen. Umtriebige Märkte, Street Food, Fahrrad-Rikschas und von Menschen überschwemmte Nacht-Basare sind dort kein ungewöhnlicher Anblick. Interessanterweise reflektiert Delhi von morgens bis abends jedoch ganz unterschiedliche Stimmungen. Diese einzigartige Eigenschaft der Stadt macht es für mich einfacher, die besonderen Momente herauszufiltern.

Früh am Morgen:

Abends:

Und spät in der Nacht:

Die gesamte Delhi Serie reflektiert die verschiedenen Stimmungen der Stadt durch ihre Menschen – als Protagonisten.

Apropos Superlative: 2013 hast du gemeinsam mit Photocircle-Fotografin Victoria Knobloch das Kumbh Mela Festival fotografiert. Diese Hindu-Massen-Pilgerfahrt gilt als größte friedliche Menschenansammlung der Welt und findet alle zwölf Jahre statt. Um die 80 Millionen Menschen haben 2013 teilgenommen. Wie war dieses Erlebnis für dich – als Mensch und als Fotograf?

Als Besucher war es ein einmaliges Erlebnis. Diese Menschenmassen zu visualisieren und das alles als einer von Millionen zu erleben kann ich mit bloßen Worten nicht beschreiben. Für uns als Fotografen war es einfach eine riesige Flut an Eindrücken! Es dauerte eine ganze Weile, bis wir verdaut hatten, dass wir tatsächlich bei diesem viel gehypten Festival dabei waren. Der Kontakt zwischen der Kumbh Mela und uns stellte sich nach und nach über Interaktionen mit anderen Menschen und über stilles Beobachten der diversen Aktivitäten und Vorgänge her.

Von überlebensgroßen Riesenveranstaltungen zur Kontemplation: Ein großer Teil Deines Portfolios ist dem Buddhismus in unterschiedlichen Teilen Asiens gewidmet. 2014 bist du zum Beispiel zu der tibetanischen Kolonie Bir gereist, um diesen Ort gelebter Spiritualität mit Deiner Kamera zu erkunden. Kontrastprogramm oder Ergänzung?

Für mich Ergänzung. Auch wenn du dich ins tiefste Chaos vorwagst, findest du dort Reflexion und Besinnlichkeit, und wenn du nach innen blickst, triffst du auch dort das Chaos an. Es ist wie die Natur selbst – in einem einzigen Samenkorn steckt ein riesiger Baum, der Früchte trägt, welche wiederum Samen in sich tragen.

Was steht bei Jagdev Singh als nächstes auf dem Programm?

Menschen!

Jagdev Singh’s nachdenkliche Bilder verkauft er über seine Galerie bei Photocircle. Er unterstützt damit unter anderem ein Projekt des Barefoot College in Rajasthan, Indien.

12:36 05.01.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Photocircle

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