Frustrierte Kita-Erzieherinnen?

Wohlstandsansprüche Vereinbarkeit von Familie und Beruf nicht realisiert. - Wir sollten über unsere Ansprüche nachdenken
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Welchen Wohlstand wollen wir? Diese Frage stellt sich nicht nur im Zusammenhang mir den ökologischen Auswirkungen. Auch die Entwicklung unserer Kinder wird entscheidend von Wohlstandsaspekten geprägt. Die Aufrechterhaltung unseres Wohlstandniveaus fordert offensichtlich sowohl aus Wachstumsgründen als auch aus Gründen der persönlichen Lebenssicherung eine weitgehende, erwerbsbezogene Vollbeschäftigung. Daraus entstand die Forderung nach der „Vereinbarkeit von Familie und Beruf.“ Kitaplätze wurden in hohem Tempo eingerichtet. Es entstanden neue Arbeitsplätze für Erzieherinnen.

Im Hamburg-Teil der Zeit (46/2014) beklagen nun Erzieherinnen ihre Arbeitsbelastungen. Zitat: „Der Job ist hart, am Ende hat man eine winzige Rente. Da kann ich mich auch bei ….an die Kasse setzen, verdiene ungefähr genauso viel und habe nicht die psychische Belastung….. Es macht die Erzieher kaputt.“

Laut SPIEGEL-ONLINE SCHULSPIEGEL werden 6% der Kitas als gut bis sehr gut, 80% als mittelmäßig und 7% als unzureichend bewertet. Eine Erzieherin mahnt in Zeit-Hamburg, Zitat: „Hallo? Wir erziehen Deutschlands Zukunft hier. Diese Kinder werden morgen unsere Zukunft gestalten.“ Schaut man sich in Foren um, trifft man nicht selten ebenfalls auf multipessimistische Äußerungen ihrer Berufskollegen.

Wie sieht es dagegen mit dem angestrebten Ziel aus? Am 02.10.2014 liest man dazu in ZEIT ONLINE einen Beitrag mit dem Titel: „Wieso Familie und Beruf nicht zu vereinbaren sind.“

Die Autorinnen bekennen, nachdem sie geglaubt hatten, alles sei eine Frage der Organisation, Zitat „Der Alltag moderner Familien ist oft genug ein Kraftakt…. Wer macht was, wie, wann? Beim Frühstück erfahren dann die Kinder, wie die Woche läuft…“ und fragen heute: Zitat:„Wie geht es eigentlich unseren Kindern dabei? Sind sie damit einverstanden, immer funktionieren zu müssen?“ Und stellen fest, Zitat: „Wir geben ihnen häufig einen Takt vor, der eigentlich unserer ist, und vergessen dabei, was sie wirklich brauchen: Zeit, Muße und eine sichere Bindung, um das Leben in seiner ganzen Vielfalt kennen und begreifen zu lernen.“ Die Lösung sehen die Autorinnen in einem System, „in dem sich Phasen der Erwerbsarbeit mit Phasen der Familienarbeit abwechseln können“. – Eine Forderung!

Ist es stattdessen nicht längst überfällig, über unsere Ansprüche nachzudenken? Unser materieller Überfluss-Wohlstand ist das Ergebnis unserer Ansprüche, der dafür zu zahlende Preis drückt sich nicht nur in ökologischen Veränderungen aus. Der Anspruch auf Vereinbarkeit von Familie und Beruf, so verständlich er aus der Situation junger Familien erscheinen mag, steht neben Sachzwängen auch in Verbindung mit individueller Selbstverwirklichung, die ohne Gemeinwohlorientierung nicht zu sozialverträglichen Ergebnissen führt. Organisationsgenervte Eltern, sozial unterversorgte Kinder und „kaputte Erzieher“ weisen auf Defizite hin: Ansprüche und Potentiale stehen vermutlich nicht im Gleichgewicht.

17:46 12.11.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

phvollmer

Meine Ansichten und meine Motivation zur Teilnahme an der Social-Media-Kommunikation sollte aus den Beiträgen meines Blogs hervorgehen (s.u.)
Schreiber 0 Leser 0
Avatar

Kommentare 2