Stress, lass nach!

Eltern unter Zeitdruck Die Grünen Katja Dörner und Kerstin Andreae behaupten: „Es ist die Aufgabe der Politik, Eltern ein kinder- und karrierekompatibles Leben zu ermöglichen“. Stimmt das so?
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In einem Artikel „Stress, lass nach“ (ZEIT 26/2016) behaupten die stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden der Grünen Katja Dörner und Kerstin Andreae: „Es ist die Aufgabe der Politik, Eltern ein kinder- und karrierekompatibles Leben zu ermöglichen“. Stimmt das so?

Eine Antwort:

Seit Jahren haben Eltern den Wunsch nach einem Arbeitszeitmodell, das zeitlich und finanziell eine höhere Familienfreundlichkeit gewährleistet. Diesen Wunsch richten betroffene Eltern an die Politik – als Nachfrage entsprechender gesetzlicher Regelungen. Vor diesem Hintergrund wurden u.a. Kindergarten, Kinderkrippe, Schulhort, Elternzeit, Elterngeld realisiert. Doch es reicht noch nicht. Im Gegenteil – das Empfinden von Zeitknappheit, Zeitdruck nimmt offenbar zu. Der Ruf nach Hilfe von außen ist verständlich. Doch möglicherweise könnte ein Blick auf die eigenen Handlungsmöglichkeiten neue Perspektiven eröffnen.

Unser auf Wachstum basiertes Wirtschaftsystem bezeichnet uns als Konsumenten - die immer mehr konsumieren sollen. Wir, die Konsumenten, scheinen das System perfekt zu bedienen. So besaß ein durchschnittlicher Haushalt vor hundert Jahren ca. 180 Gegenstände. Heute sind es ca. 10.000. Die Funktion des Konsumenten mit seiner wachstumsunterstützenden Wirkung wird durch den Begriff „Verbraucher“ besser beschrieben. Er passt auch gut zu unserer kaum reflektierten Wegwerfmentalität. Die verursacht beispielsweise in Deutschland jährlich 770.000 Tonnen Elektroschrott, 700.000 Tonnen Kleidungsstücke und 2.300.000.000 Tonnen Sperrmüll. Man könnte die Liste deutlich verlängern.

Wir wissen seit längerem, dass es für unsere Kinder und Enkel sehr schwer wird, wenn wir unser Konsumverhalten nicht gravierend verändern. Steht unser Konsumanspruch nicht auch im Zusammenhang mit dem beklagten Zeitdruck? Unterteilen wir doch einmal unsere 10.000 Gegenstände in „hilfreich“ und „belastend“. Bewerten wir doch nur einmal den Zeitaufwand für Beschaffung und Entsorgung verschiedener Gegenstände – oder schauen wir mal bewusst in die „Ausstattung“ unserer Kinderzimmer – oder betrachten wir einmal den Zeitaufwand für den Transport unserer Kinder für Schule, Freundschaftsbesuche, Kunstunterricht und Sportaktivitäten. Man kommt ins Grübeln.

Eine separate, ausschließlich auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf fokussierte Betrachtung unter Beibehaltung des sonstigen Business as usual führt eher nicht zu einer nachhaltigen Lösung. Wir sollten uns schnellstmöglich, gerade unter diesem Aspekt, über Lebensformen Gedanken machen, die die Lebensgrundlagen der folgenden Generationen nicht weiter zerstören. Dazu gehört wohl auch ein Nachdenken über die Umwelt- und Sozialverträglichkeit unserer (materiellen) Ansprüche. Eine Weisheit scheint sich in vielfacher Weise zu bestätigen: Weniger ist mehr. Davon könnten Kinder und Familien profitieren.

15:43 21.06.2016
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Geschrieben von

phvollmer

Große Transformation. Auf der Suche nach gesellschaftlichem Wandel
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