"Das ist ein Teufelskreis"

Interview Leo Dobbs vom Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen glaubt, dass man das Problem der Staatenlosigkeit in den Griff bekommen kann
"Das ist ein Teufelskreis"
"Staatenlose haben keinen Zugang zu grundlegenden Rechten."

Bild: Aris Messinis/AFP/Getty Images

der Freitag: Herr Dobbs, wie viele Kinder sind gerade staatenlos?

Leo Dobbs: Wir schätzen, dass es über zehn Millionen Staatenlose weltweit gibt, davon sind ungefähr drei Millionen Kinder.

Wie wird man staatenlos?

Wenn ein Kind dessen Eltern aus einem Land kommen, in dem man die Staatsangehörigkeit über den Geburtsort bekommt, im Ausland geboren wird, dann ist es staatenlos. Zumindest dann, wenn das Kind in einem Land geboren wird, in dem die Staatsangehörigkeit über die Eltern vergeben wird. In Kriegszeiten ist die Wahrscheinlichkeit deshalb höher, staatenlos zu werden. Menschen fliehen und kriegen Kinder in fremden Ländern. Oder sie verlieren ihre Dokumente auf der Reise.

Kinder, die auf der Flucht geboren werden, sind also besonders gefährdet?

Ja, bei syrischen Kinder definiert sich die Staatsangehörigkeit zum Beispiel über den Vater. Bei einem Viertel der Familien, die sich auf der Flucht befinden, ist der Vater aber nicht dabei. Und wenn man staatenlos geboren wird, ist es besonders schwierig, sich später aus diesem Zustand zu befreien. Und staatenlose Eltern übertragen ihre Staatenlosigkeit auf ihre Kinder. Das ist ein Teufelskreis. Viele Kurden in Nordsyrien waren zum Beispiel schon staatenlos, die bekommen dann auch staatenlose Kinder.

Wo sind staatenlose Kinder benachteiligt?

Staatenlosigkeit hat einen furchtbaren Einfluss auf die Kinder und natürlich auch auf Erwachsene. Sie haben keinen Zugang zu grundlegenden Rechten. Ihre Schulbildung und Gesundheitsversorgung können dadurch bedroht sein. Und wenn sie älter werden, dann kann es schwierig sein, an eine Uni zu kommen, zu reisen oder eben einen Job zu finden. Und natürlich gibt es auch kein Wahlrecht und in einigen Fällen keine Sozialleistungen.

Was sind die psychischen Auswirkungen auf die Kinder?

Sie scheinen alle ziemlich ähnliche Erfahrungen zu machen. Ein Problem war, dass sie sich niemals komplett zugehörig fühlen konnten, obwohl sie sich ihrem Land verbunden fühlten. Sie wollen auch nicht woanders hin. Aber sie erleben, dass sie wie Fremde behandelt werden. Sie beschreiben sich selbst als „Unsichtbare“, „Fremde“, „Im Schatten leben“, „Wie ein Straßenhund“. Sie fühlen sich übergangen. Das verfolgt sie ihre ganzes Leben lang und zementiert eine Diskriminierung von Geburt an.

Wie läuft Ihre Arbeit?

Wir versuchen Aufmerksamkeit auf das Thema zu lenken und den Menschen zu ermöglichen, dass sie sich rechtzeitig registrieren können. Viele von ihnen realisieren überhaupt erst, dass es ein Problem gibt, wenn sie sich nach einem Job umschauen und dann nach einem Beweis ihrer Nationalität gefragt werden. Außerdem arbeiten wir mit Regierungen zusammen.

Wie kann man die Staatenlosigkeit bekämpfen?

Das ist ein Problem, das gelöst werden kann. Es ist eine Frage von Gesetzen. Wir versuchen zum Beispiel, die Regierungen zu überzeugen, dass Kinder ihre Staatsbürgerschaft über den Vater oder die Mutter bekommen können. In vielen Staaten ist das bisher nicht möglich. Außerdem sollte das Land, in dem Kinder drohen staatenlos geboren zu werden, diesen eine Staatsangehörigkeit ermöglichen. Die Regierungen sollten den Kindern auch keine Staatsangehörigkeit absprechen, weil sie einer bestimmten religiösen oder ethnischen Gruppe angehören.

Kann man eine Staatsangehörigkeit bekommen, nachdem man staatenlos geboren wird?

Das ist nicht überall möglich. Der Weg dahin könnten vor allem Registrierungsstellen sein, die auch bei älteren Menschen die Nationalitäten prüfen. Dabei ist es wichtig, dass auch die staatenlose Person an der Aufklärung ihrer Identität mitwirkt. Je mehr Dokumente diese Person aufbewahren konnte, desto besser.

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Ihre Freitag-Redaktion

06:00 18.11.2015
Geschrieben von

Pia Rauschenberger

lebt in Berlin. Schreibt in Berlin. Und über die Welt.
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Pia Rauschenberger

Ausgabe 25/2021

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