Eine Studie mit Mängeln

Sozialisierung 25 Jahre nach der Wiedervereinigung wurde untersucht, wie es in Ost- und Westdeutschland um die Gleichberechtigung in Beziehungen steht
Pia Rauschenberger | Ausgabe 41/2015 3
Eine Studie mit Mängeln
Gleichgestellte Partnerschaft? In Ostdeutschland wünschen sich das vor allem junge Männer

Foto: Sean Gallup/Getty Images

Ideal und Realität klaffen bekanntlich oft auseinander. Besonders dann, wenn es um die Gleichberechtigung in Beziehungen geht. Und vor allem nach der Geburt des ersten Kindes. Wer arbeitet wie viel? Wie hatten wir uns das eigentlich mal vorgestellt? Eine neue Studie des Delta-Instituts hat 25 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung im Auftrag des Bundesfamilienministeriums nun untersucht, wie die unterschiedliche Sozialisierung in Ost- und Westdeutschland die Antworten auf diese Fragen beeinflusst. 3.000 Menschen wurden dafür befragt. Wie groß die Diskrepanz zwischen Ideal und Wirklichkeit ist, kann einen als junge Frau dabei erschaudern lassen. Laut Studie ist die eindeutige Mehrheit in Ost- und Westdeutschland daran interessiert, dass beide Partner in einer Beziehung grundsätzlich gleichberechtigt sind. Nur: In Westdeutschland sind Mütter unter 40 nur zu 17 Prozent berufstätig, in Ostdeutschland sind es immerhin noch 40 Prozent.

Ein Teilergebnis der Studie deutet einen Backlash bei den Einstellungen im Osten an. Bei ostdeutschen Frauen unter 40 Jahren ist das Interesse an Gleichstellung deutlich niedriger als bei älteren ostdeutschen Frauen. Nur 41 Prozent der unter 40-Jährigen wollen eine gleichgestellte Partnerschaft im Gegensatz zu 60 Prozent der über 40-Jährigen. Als Rolle rückwärts und Retraditionalisierung interpretieren die Autoren diese Zahl. Dagegen stehen junge ostdeutsche Männer plötzlich als emanzipatorische Kraft da: 68 Prozent von ihnen bevorzugen eine gleichgestellte Partnerschaft, auf das traditionelle Modell lassen sich nur 17 Prozent ein. Sind Männer nun also die Triebfeder der Emanzipation, die entmutigte junge Frauen zu neuen Taten inspirieren müssen? Die Autoren der Studie schätzen diese Frauen als ernüchtert und desillusioniert in Bezug auf Gleichstellungschancen ein. Sie würden Misserfolge meiden. Vielleicht sind sie auch nur in der gesamtdeutschen Realität angekommen und geben sich ganz pragmatisch, weil ungleiche Chancen auf Führungspositionen und ungleiche Bezahlung keine große Lust auf die Doppelbelastung durch Job und Kinder machen. Die Autoren interpretieren die Zahlen aber anders: Ostdeutsche Frauen hätten durch die Wiedervereinigung die Vorzüge des traditionellen Modells kennen und schätzen gelernt. „Hier wächst auch der Wunsch nach Variationen der Lebensform in Distanzierung von jenem früher staatlich vorgegebenen Standardprogramm der Lebensform“, heißt es.

Dabei fällt auf: Die Wissenschaftler bieten selbst nur eine begrenzte Anzahl von Variationen in ihrem Fragebogen an. Wie beliebt ein Modell wäre, in dem beide Partner Teilzeit arbeiten und sich gleichberechtigt um die Kinder kümmern, wird gar nicht abgefragt. Dass junge, ostdeutsche Frauen der Vollzeitarbeit scheinbar abgeschworen haben, muss aber nicht zwingend bedeuten, dass sie eine gleichberechtigte Partnerschaft nicht bevorzugen würden. Es ist schon verwunderlich, dass die Autoren alle möglichen Spielarten der Aufteilung zwischen Beruf und Familie abfragen – außer dieser, die doch am ehesten dem Ideal der Gleichberechtigung entsprechen würde.

Dabei ist Familienministerin Manuela Schwesig mit ihrer Idee von einer Familienarbeitszeit doch nah dran an einer solchen Version der Gleichstellung. Vielleicht drückt sie als junge ostdeutsche Frau damit eher die Ideale vieler junger ost- genauso wie westdeutscher Frauen aus, als die Studie es schafft – obwohl das Bundesfamilienministerium die Wissenschaftler beauftragt hatte. Im Sinne der Gleichstellung ist deshalb zu hoffen, dass Schwesig sich jetzt wieder vor allem auf ihre Ideale konzentriert.

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06:00 12.10.2015
Geschrieben von

Pia Rauschenberger

lebt in Berlin. Schreibt in Berlin. Und über die Welt.
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Pia Rauschenberger

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