Lastenfahrrad und Pflegearbeit

Die Buchmacher Die Politologin und Aktivistin Friederike Habermann hat ein neues Buch über das Leben jenseits des Kapitalismus geschrieben
Pia Rauschenberger | Ausgabe 21/2016 2

Ein Prozent der Menschen besitzet genauso viel des weltweiten Reichtums wie die restlichen 99 Prozent zusammen, so meldete es 2015 der Global Wealth Report des Finanzdienstleisters Credit Suisse. „Von einer auseinandergehenden Schere zwischen Arm und Reich kann gar nicht mehr gesprochen werden“, schreibt Friederike Habermann, „denn deren Winkel kann sich nur begrenzt öffnen.“

In ihrem neuen Buch Ecommony. UmCARE zum Miteinander beschreibt die Politikwissenschaftlerin und Aktivistin eine Möglichkeit des Lebens und Wirtschaftens jenseits des Kapitalismus: das Commoning. Es funktioniert frei nach dem Prinzip „Teile, was du kannst“. Statt zu tauschen, sollen Menschen beitragen. Commons werden mit Gemeingütern übersetzt. Alles kann als Common verstanden werden: eine Bohrmaschine, die sich Nachbarn teilen, das Betriebssystem Linux, gemeinsamer Wohnraum. Habermann findet in ihrem Buch viele aktuelle Beispiele für erfolgreiches Commoning. Das macht ihren Text lebendig. Und dabei spart sie auch die Schwachstellen des Commonings nicht aus. Die Grenzen zwischen Tauschlogik und Commons sind fließend, das zeigt sich etwa beim Verleih von Lastenfahrrädern: Die kann man teilweise umsonst ausleihen, gegen eine Spende oder gegen einen festen Betrag. Habermann mahnt zur Vorsicht: „Die Schritte sollten nicht wieder zurück in kapitalistische Logiken führen.“ Auch auf Commons müsse Acht gegeben werden: „Wenn im Umsonstladen nicht eingegriffen wird, wenn ihn jemand ausräumt, um den Inhalt auf dem Flohmarkt zu verkaufen, ist das Projekt gestorben.“

Wenn Habermann Commons und ihr Potenzial untersucht, zitiert sie teils seitenlang Jeremy Rifkins Buch Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft. Anders als der US-Soziologe und Ökonom aber verknüpft sie Commons und Care-Arbeit. Care-Arbeit bezeichnet im weitesten Sinne – oft unbezahlte – Sorgetätigkeiten und ist einer der meist diskutierten Begriffe in aktuellen feministischen Diskursen. Was hat das mit Commons zu tun? Care und Commons beruhen beide auf Kooperation statt auf Eigentum. Beide Begriffe verbindet die So-rge um etwas. Habermann analysiert treffend, dass die Commons-Debatte nicht weiter stattfinden könne, ohne sich ebenso über Care-Arbeit Gedanken zu machen und die Sorgetätigkeiten wie ein Gemeingut zu behandeln, also zwischen allen aufzuteilen. Ein heißes Thema, gerade in Bezug auf die Debatte um das Pflegesystem.

Leider geht Habermann an diesem Punkt nicht viel weiter. Sie schafft es nicht, sich von Rifkin zu lösen. Bei ihm fehle der Care-Gedanke, findet sie. Auch für Personen müsse als Common gesorgt und darüber nachgedacht werden, wie ein gutes Leben für alle zu schaffen ist. Die Care-Revolution strebe eine Gesellschaft an, die auf Achtsamkeit und Solidarität beruht. Viel detaillierter wird es jedoch nicht. Das Private politisch verstehen? Das kennen wir nun schon.

Habermann versucht einen großen Bogen zu spannen zwischen Umwelt, Wachstum, sexueller Identität, Kapitalismus, Feminismus und der Flüchtlingsdebatte. Kein Wunder, dass sie sich an einigen Stellen verliert. Vielleicht ist es heutzutage nicht möglich, den Bogen kleiner zu spannen, ohne wichtige Aspekte auszublenden. So pendelt Habermann irgendwo zwischen großer Vision und alltagspraktischen Beispielen. Am Ende bleibt ihr der zapatistische Leitsatz „Fragend schreiten wir voran.“ In der jetzigen Situation könne es keine fertigen Antworten geben. Wohl wahr.

Info

Ecommony. UmCARE zum Miteinander Friederike Habermann Ulrike Helmer Verlag 2016, 200 S., 19,95 €

06:00 08.06.2016
Geschrieben von

Pia Rauschenberger

lebt in Berlin. Schreibt in Berlin. Und über die Welt.
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